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„Die Angst des weißen Mannes“

 

Der Propyläen Verlag stellte das von Besteller-Autor Dr. Peter Scholl-Latour, das unter dem Titel „Die Angst des weißen Mannes“ erschienen ist, vor. Der Autor, ein profunder Kenner insbesondere der östlichen Hemisphäre unseres Erdballs, beschreibt auch in seinem 30. Buch kenntnisreich die Länder und Staaten, die er in den letzten 50 Jahren besucht hat. In dem vorliegenden Band befasst sich Peter Scholl-Latour vorwiegend mit Staaten des westlichen Pazifik, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihren kolonialen Status verloren und ihre Unabhängigkeit erhalten haben. Wer weiß noch, dass die Niederländer lange Jahre Niederländisch-Indien, das jetzt Indonesien heißt, besetzt hatten?

 

Der Autor befasst sich ausführlich mit Ost-Timor, das von den Portugiesen besetzt und erst vor wenigen Jahren unabhängig wurde, wobei es von Bürgerkriegen nicht verschont wurde. Über seinen Besuch in Solo auf Java, wo er eine bescheidene christliche Kirche in einem mohammedanischen Land vorfindet, schreibt er: „Hier wird tragisch daran erinnert, dass die Eroberung der Welt durch den weißen Mann, die vor genau einem halben Jahrtausend die Ozeane überwand und zu ihrem Triumphzug ausholte, parallel zur Ausbreitung des Christentums stattfand, dass Kolonialisierung und Missionierung beinahe zwangsläufig Hand in Hand gingen“. Über die nachkolonialen Verhältnisse auf den Philippinen, ehemals von den Spaniern besetzt, über Kambodscha und Ceylon – jetzt Sri Lanka -, beide ehemalige englische Kolonien, berichtet er ebenfalls ausführlich. Sein Streifzug führt ihn nach Australien mit seinen Ureinwohnern, den Aborigines, eine ehemalige Strafkolonie der Engländer, sowie nach Neuseeland, wo die Maoris von den weißen Siedlern aus England dezimiert wurden.

Wie der Autor berichtet, wurde Neuguinea  bereits 1511 von portugiesischen Seefahrern kurz besucht, kam jedoch in den Besitz der Holländischen Ostindienkompanie, die 1660 der Insel den Namen gab. Der West-Teil der Insel Neuguinea war seit 1824 in niederländischem Besitz und wurde als „Papua“ die 26. Provinz Indonesiens; der östliche Teil ist als Papua-Neuguinea das 42. Mitglied der UN geworden. Von 1874 bis 1914 war der nordwestliche Teil dieser Insel deutsche Kolonie, während die Briten den Ostteil beanspruchten.

Bereits 1966 besuchte der Autor Samoa. Die westliche Hälfte der Insel Samoa  wurde 1899 von Deutschland annektiert, wurde 1914 australisches Mandat und 1970 als unabhängiger Staat Mitglied der UN. Schon damals war die Überbevölkerung ein Problem, weshalb viele Samoaner nach Neuseeland auswanderten. Ost-Samoa ist nach wie vor ein Stützpunkt der USA mit Coca Cola, Hamburgern und Waschsalons. Das Ziel von Peter Scholl-Latour  war es, alle Staaten dieser Erde, von denen viele erst nach 1950 ihre Unabhängigkeit erhielten, zu besuchen. So konnte er feststellen, dass die neu gewonnene Freiheit und Demokratie die Lebensumstände der einheimischen Bevölkerung nicht immer zum Besseren wandten, sondern auch über viele Jahre gewachsene Hierarchien und Traditionen verloren gingen. In den vergangenen Jahrhunderten griffen christliche Missionare entscheidend in das Leben der Naturvölker ein; in späteren Jahrzehnten brachte man ihnen Freiheit und Demokratie, wobei vielerorts festgestellt wurde, dass man diese nicht essen kann. Hinzu kommt das massive Bevölkerungswachstum, das in vielen Ländern Probleme schafft. Lebensmittel- und Kleiderspenden aus Europa tun ihr übriges und vernichten oftmals einheimische Produktionszweige, was zu einer weiteren Verarmung der Bevölkerung führt.

Ein Kapitel seines Buches widmet der Autor der Republik China und dem von ihr vereinnahmten Tibet, dessen Lebensstandard sich in den letzten Jahren deutlich verbessert hat. Ein Wendepunkt war in China das Massaker am 4. Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Danach kam es zu einer politischen Stabilität mit einem atemberaubenden wirtschaftlichen Erfolg, der dazu führte, dass China derzeit über Währungsreserven von 2,3 Billionen verfügt, die in US-Dollar angelegt wurden. Die drakonische Geburtenbeschränkung wurde inzwischen aufgegeben, da die „Einkind-Familie“ zu gesellschaftlicher Vergreisung und sozialen Engpässen führt, wie der Autor berichtet. Die Übergabe der englischen Kronkolonie Hongkong an China im Dezember 1999 vollzog sich nach einer längeren Vorbereitungsphase ohne Schwierigkeiten. Die Innere Mongolei gehört als Autonome Region ebenfalls zu China. Allerdings soll nicht übersehen werden, dass das Großreich Querelen mit vielen seiner unterschiedlichen Ethnien hat. So kam es am 5. Juni 2009 in Urumqui zu einem Aufstand des türkisch-islamischen Volks der Uiguren gegen die Bevormundung der Chinesen. Als „Paradies auf Erden“ bezeichnet der Autor das kleine Königreich Bhutan, das von seinem König trotz eines Mehrparteiensystems diktatorisch regiert und von westlichen Einflüssen weitgehend ab geschirmt wird.

In Kasachstan erklärte Präsident Nursultan Nasarbajew Astana zur Hauptstadt und ließ in der öden Steppe durch die berühmtesten Architekten der Welt monströse Prachtbauten errichten, die wohl noch mit Leben erfüllt werden müssen. Peter Scholl-Latour zieht hier  einen Vergleich mit der Bebauung des Potsdamer Platzes in Berlin nach der Wende. Die bisherige Hauptstadt Alma Ata verlor danach ihre Funktion. Wegen seines ungeheuren Energiereichtums wird Kasachstan von vielen Staaten hofiert. Wer kennt Bischkek in Kirgistan, in dessen Nähe sich ein Stützpunkt des US-Militär zur Versorgung seiner Truppen in Afghanistan befindet?

Am Ende seines Buches streift Peter Scholl-Latour die Entwicklung Brasiliens, das bereits im Jahre 1500 von einem portugiesischen Seefahrer für Portugal in Besitz genommen und vom Autor 1953 besucht wurde. Insbesondere die entspannte Atmosphäre zwischen der schwarzen und der weißen Bevölkerung im heutigen Brasilien verwunderte ihn. Der Autor schreibt: „Mit seiner vielfältigen Harmonie der Rassen nimmt Brasilien eine ethnische Vermengung vorweg, die für den ganzen Globus Gültigkeit gewinnen könnte“. Ein Spaziergang durch das abendliche Rio de Janeiro sei  heutzutage wegen der in den letzten 50 Jahren stark angestiegenen Kriminalität jedoch nicht anzuraten.

Im Schluss des Buches von Peter Scholl-Latour finden wir die Aussage: „In diesem Zusammenhang die existenzielle „Angst des weißen Mannes“ zu erwähnen, entspricht keiner Verzagtheit, keiner Phobie, sondern verweist auf eine Veränderung unserer Spezies, die mit den kühnen Navigatoren der Lusiaden begann und in Brasilien, der gewichtigen Tochter Portugals, zur Realität wurde“ (Die Lusiaden sind die Bewohner Lusitaniens; der römische Name für Portugal).

Viele Ereignisse in den Ländern dieser Erde, von Peter Scholl-Latour vorhergesagt, sind eingetreten; manche nicht. So bleibt es dabei: „Errare humanum est“.

 

Die Angst des weißen Mannes von Peter Scholl-Latour, Propyläen Ullstein Buchverlage GmbH Berlin, ISBN 978-3-549-07331-5, www.ullstein-buchverlage.dewww.propylaeen-verlag.de

 

Das Buch kostet im Buchhandel 24,90 Euro.

 

Ein Beitrag für ReiseTravel von Edelgard Richter / Dela Press, eu@reisetravel.eu

 

Edelgard Richter berichtet aktuell zum Thema: B & B intern

 

 

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