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Zu viele Endoprothesen?

 

Vom 26. bis 29. Oktober 2010 fand im Internationalen Congress Centrum (ICC) Berlin der Deutsche Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie unter dem Motto „Innovation, Sicherheit, Zuverlässigkeit“ statt, an dem Ärzte und Medizinpersonal aus vielen Ländern teilnahmen. Veranstalter waren die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC), die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) und der Berufsverband der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie e. V. (BVOU). Im Verlauf des Kongresses wurden verschiedene Aspekte von künstlichem Hüft- und Kniegelenkersatz diskutiert. So unter anderem auch die Frage, ob durch eine breite Indikationsstellung bereits eine Tendenz zur Überversorgung besteht und damit „Rentner ohne künstliches Knie- oder Hüftgelenk schon bald in der Minderheit sein könnten“. Die jährlichen Kosten hierfür betragen etwa 3,5 Milliarden Euro. Die steigende Lebenserwartung der älter werdenden Gesellschaft in Deutschland hat zur Folge, dass die operierten Patienten immer älter werden. Der moderne Hüft- und Kniegelenkersatz gehört mittlerweile zu den erfolgreichsten Operationen. „Wir registrieren schon seit Jahren eine erhebliche Zunahme von Hüft- und Kniegelenks-Operationen, die sowohl medizinischen Altlasten vergangener Jahre, als auch dem demografischen Wandel geschuldet sind“, erklärte Dr. med. Daniel Frank, Tagungspräsident des Kongresses und Präsident der DGOOC. „Die Implantation einer neuen Hüfte kostet die Krankenkassen im Schnitt 7.626 Euro, was zu jährlichen Ausgaben von bis zu 1,6 Milliarden Euro führt. Um diese Kosten zu reduzieren und Patienten eine bessere Versorgungsqualität zu bieten ist es notwendig, die klinische Struktur- und Prozessqualität zu verbessern. Ein Endoprothesenregister soll dies möglich machen“. In diesem Zusammenhang muss auch berücksichtigt werden, dass ältere Patienten eine wesentlich längere Regenerationszeit als jüngere benötigen. „Dies kann ohne adäquate Unterstützung auch drei bis sechs Monate dauern“, meinte Professor Dr. med. Karsten Dreinhöfer, Vizepräsident des Berufsverbandes der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU) und Chefarzt der Orthopädischen Abteilung der Medical Park Berlin Humboldtmühle.  “Hier drohen Folgeerkrankungen wie Thrombose, Lungenentzündungen und andere Infekte“, erklärte er.  Deshalb ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Ärzten, Physiotherapeuten und aktivierende Pflege nach der Operation besonders entscheidend für den Erfolg der Behandlung. Aber auch für jüngere Patienten ist es wichtig, das optimale Ergebnis nach der Operation durch ein komplexes Funktionstraining zu erzielen. In diesem Zusammenhang wurde auch die Frage erörtert, ob neue Implantate zu besseren Ergebnissen führen. Dazu erklärte Professor Dr. med. Reiner Gradinger, Direktor der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München: „Der Endoprothesenmarkt ist nach wie vor umkämpft. Neue Endoprothesensysteme werden nach wie vor angepriesen, wie z. B. sogenannte Kurzschaftprothesen, die meist keine wirklichen Kurzschaftprothesen sind, sondern bezüglich der Verankerungsfläche keine wesentlichen Unterschiede zu den eher kurzen Standardprothesen aufweisen. Eine zweite Welle war in den letzten fünf Jahren bezüglich der so genannten Oberflächenprothesen zu beobachten; ein Verfahren, das schon Anfang der 80er Jahre auf dem Markt war und zum Teil bereits damals schlechte Ergebnisse brachte. Wegen jetzt bereits zunehmender Komplikationen, wie metallischer Abrieb, Versagen der Kappe auf dem Femurkopf, wird diese Methode heute bereits wieder erkennbar seltener zur Anwendung  gebracht. Meines Erachtens haben Modeerscheinungen in der Medizin nichts zu suchen“. Professor Dr. med. Tim Pohlemann, Direktor der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie, UKS Homburg,  äußerte sich zu dem bereits jetzt schon dramatischen Ärztemangel in manchen Regionen der Bundesrepublik Deutschland. „Ärztemangel“, „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“,  „Feminisierung der Medizin“ und „Abrecherraten im Medizinstudium“ seien Themen, die die derzeitige öffentliche Diskussion um das Gesundheitswesen in zunehmendem Maße bestimmen“, sagte er. Bis zum Jahr 2020 werden von 120 000 Vertragsärzten etwa 52.000 in den Ruhestand gehen. Der jetzige Altersdurchschnitt von Chirurgen beträgt 49 Jahre. Bis 2020 werden 11 000 Chirurgen und Chirurginnen aus Altersgründen ihre aktive Tätigkeit beenden. Obwohl dafür zum Ausgleich 1 200 chirurgische Berufsanfänger benötigt werden, wählen derzeit nur 400 bis 600 Absolventen des Medizinstudiums, das sind etwa 5 Prozent, eine chirurgische Weiterbildung. Der Bedarf an qualifizierten Fachärzten für Orthopädie und Unfallchirurgie ist bereits jetzt schon hoch und wird in Zukunft aufgrund der sich ändernden Altersstruktur der Bevölkerung noch zunehmen. Gerade im Alter nehmen die degenerativen Erkrankungen am Skelett zu. Außerdem ist mit einer Steigerung von Verletzungen durch Unfälle zu rechnen, die von orthopädischen Chirurgen behandelt werden müssen. Deshalb sollte Weiterbildung massiv gefördert werden, ebenso wie konkrete Maßnahmen, die eine Vereinbarung von Familie und Beruf gewährleisten. Eine frühzeitige Bindung der Medizinstudenten an das Fach Orthopädie/Unfallchirurgie wird durch Initiativen der  Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie gefördert.

 

Ein Beitrag für ReiseTravel von Edelgard Richter / Dela Press.

 

Edelgard Richter berichtet aktuell zum Thema: B & B intern

 

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