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Prof. Dr. Dr. von Gerkan

Prof. Dr. Dr. von Gerkan - "Ich empfehle mehr Selbstbewusstsein"

Er hat den Berliner Hauptbahnhof entworfen und betreut derzeit in China Großprojekte zur "Idealen Stadt": Professor Dr. Dr. Meinhard von Gerkan

 

 

 

 

Interview über Selbstwertgefühl, Kreativität und Vergänglichkeit

ReiseTravel : Herr Professor von Gerkan, Deutschland ist das Land der Ideen. Welche Idee haben Sie für Deutschland?

Professor von Gerkan: Ich empfehle mehr Selbstbewusstsein und mehr mit den Pfunden zu wuchern, die wir besitzen. Nach meiner Wahrnehmung gebärdet sich Deutschland international in defensiver Position, was natürlich aus der Geschichte herrührt. Aber Deutschland ist nicht nur das Land der Dichter und Denker, sondern eben auch das Land der Ideen. Die sollten wir bewusst und überzeugend vertreten, um aus den Ideen Dinge zu generieren, die dem Ansehen und der Wirtschaft nützen.


ReiseTravel : Fühlen Sie mehr als Künstler oder Ingenieur?

Professor von Gerkan: Ich mag die schroffe Trennung nicht. Doch zunächst ist der Architekt ein Künstler, weil er im Gegensatz zu den Ingenieurwissenschaften in allen Aktionsfeldern nicht nach einem Schema beurteilen lässt. Es gibt kein richtig oder falsch. Aber wenn der Mensch die Architektur nicht akzeptiert, hat sie keine Berechtigung. Und sie entsteht nie allein aus der Phantasie des Architekten, immer steht ein Auftrag dahinter. Der Architekt ist eingebunden in Gesetzmäßigkeiten der Politik, finanzielle Mittel oder Wirtschaftlichkeit, von der die Kunst unabhängig ist. Während das Entwerfen Kunst ist, nutze ich jedoch auch das wissenschaftliche Werkzeug der Mathematik und Physik. An den vielen Universitäten, an denen ich gelehrt habe, galten die Architekten immer als die Spinner. An den Kunstakademien sind sie immer die Technokraten.


ReiseTravel : Welches ist Ihr gelungenstes Bauwerk?

Professor von Gerkan: Dieser Frage begegne ich mit Verweigerung. Denn was würden Sie sagen, wenn man Sie nach Ihrem liebsten Kind fragt? Ich hätte keine Angst zu sagen, was das Größte, Längste oder Höchste ist, denn das ist messbar. Doch beim Gestalten kommen Momente des Gefühls zum Tragen. Bei jedem Werk ist es wie bei Kindern. Und ist es nicht so, dass die benachteiligten Kinder eher mehr Zuwendung bekommen? Nein, in der Architektur lässt ein Abgleich sich logisch nicht vollziehen. Auch die subjektivierte Objektivität kann es nicht geben.


ReiseTravel : Wo sehen Sie die deutsche Hoch-Architektur im globalen Wettbewerb?

Professor von Gerkan: Erst einmal in Relation zu anderen Konkurrenten auf einer rationalen, Kopf bestimmten Position. Wenig avantgardistisch, emotional oder expressiv. Sie drückt aber auch ein gewisses minderes Selbstwertgefühl aus. Was sich damit ausdrückt: Stehen deutsche mit ausländischen Architekten im Wettbewerb und sitzen in der Jury deutsche Mitglieder, haben überwiegend die ausländischen Architekten die Nase vorn. Während es im Ausland eher umgekehrt ist. Beispielsweise haben alle zeitgenössischen britischen Architekten in Deutschland mehr gebaut als in Großbritannien. Aber nicht ein einziger deutscher Architekt hat in Großbritannien ein nennenswertes Objekt bauen dürfen.


ReiseTravel : Was sind die Gründe für diese Schieflage? Professor von Gerkan: Das fehlende Selbstwertgefühl, das ich am Anfang andeutete. Denn mit der puren Qualität und Leistungsfähigkeit hat das nichts zu tun. Das erleben wir seit fünf, sechs Jahren mit einer grandiosen Erfolgsserie im Fernen Osten. Dort haben wir die Konkurrenz aus den USA oder England überrannt. Ich bin zum Beispiel der bekannteste Architekt in China. Wir bauen Opernhäuser, Museen, Messen, Konferenzzentren.

ReiseTravel : Nicht nur das, sondern südlich von Shanghai mit Lingang eine ganze Stadt…

Professor von Gerkan: …deren Infrastruktur praktisch fertig ist und die Ende 2007 schon 80 000 Menschen beherbergen soll. Im Jahr 2015 werden es rund 800 000 Einwohner sein.


ReiseTravel : Dabei haben Sie Anleihen in Hamburg genommen, beziehungsweise die Lage zum Wasser in Ihre Philosophie einbezogen.

Professor von Gerkan: Die Lebensqualität durch die Nähe zum Wasser – ein Teil der neuen Stadt ist künstlich im Meer aufgeschütteter Untergrund – bezieht ihre Referenzen aus Hamburg. Mittelpunkt ist, statt verdichteter Bebauung, ein künstlicher See mit 2,5 Kilometer Durchmesser und einer Uferpromenade von acht Kilometern mit einem Badestrand á la Copa Cabana. Der Grundriss der Stadt folgt vergleichbar den Ringen, die ein ins Wasser gefallener Tropfen auslöst. Die Kulturbauten und Freizeitangebote sind auf Inseln angelegt und per Schiff erreichbar. Somit stand bei der Stadt Alexandria als eines der sieben Weltwunder der Antike Pate.


ReiseTravel : Ein gutes Stichwort: Bauwerke aus der Hochzeit der Ägypter, Griechen und Römer haben die Jahrtausende überstanden. Zeugen ihrer Architektur sind heute noch zu besichtigen. Was wird von der Architektur unserer Zeit übrig bleiben?

Professor von Gerkan: Ich muss leider konstatieren, aus unserer Zeit wird nicht viel bleiben. Denn das Bewusstsein unserer Gesellschaft ist nicht auf eine dauerhafte Manifestation ausgerichtet. Es muss sich rechnen. Was physisch und mental Bauwerken Dauerhaftigkeit verleiht, hat in unserer Gesellschaft keinen Wert mehr. Wenn man bedenkt, dass Pyramiden für ein Grab gebaut wurden, da macht heute kein Finanzier mit. Wer wollte auch schon damals den heutigen touristischen Wert dieser Bauwerke für ein ganzes Land vorausberechnen? Return of Money heißt in die eigene Tasche und nicht in die der Enkel. Heute sind die Endlichkeitsgrenzen nahezu aller Baustoffe bekannt oder vorauszuahnen. Nehmen wir die neuen Fußballstadien zur WM. Da wurde bei den Dächern als Wetterschutz eine Membrane verbaut mit geringem Gewicht und geringer Lichtdurchlässigkeit. Aber jeder weiß, dass die Lebensdauer bei zehn bis 20 Jahren liegt. Beton wird schon seit 100 Jahren verbaut, doch über seine Langlebigkeit weiß man auch heute noch nicht viel. Spätestens nach 50 Jahren ist er sanierungsbedürftig. Er hat nicht im Mindesten die Haltbarkeit der Steinquader von vor vielen hundert Jahren.


ReiseTravel : Hätten Sie gerne auf Ground Zero in New York gebaut?

Professor von Gerkan: Da bewegt man sich auf sehr dünnem Eis. Dieses Ereignis der Gegenwartsgeschichte ist so emotionsgeladen. Man bewegt sich immer in der Gefahr der Banalisierung, der Selbstanmaßung oder künstlichen Interpretation. Zum anderen, was da abgelaufen ist! Die Lippenbekenntnisse von Politikern, Intellektuellen und Künstlern stehen in diametralem Widerspruch zu den ökonomischen Interessen. Diese Diskrepanz und profane Gier ist in einem Maß unerträglich, dass sie nur mit einer Lüge gegenüber der Gesellschaft zu bewerkstelligen war. Es wurde ein Pseudo-Wettbewerb veranstaltet, Architekt Daniel Liebeskind hat einen Entwurf kreiert, den keiner real zu bauen gedachte. Der Auftrag wurde an einen Architekten vergeben, der kein Büro hatte. Da blieb nur die Chance, das Handtuch zu werfen oder das Lügenspiel mitzumachen. Vor dem Hintergrund bin ich froh, dass es mir erspart geblieben ist, daran mitwirken zu dürfen.


ReiseTravel : Würde es Sie reizen, ein Gotteshaus zu bauen? Einen Dom, sozusagen ein Werk für die Ewigkeit?

Professor von Gerkan: Es reizt mich nicht nur, ich tue es. Zum Beispiel mit dem christlichen Pavillon bei der Weltausstellung in Hannover. Er war zerlegbar geplant und steht heute im thüringischen Volkenroda. Das hat in kirchlichen Kreisen viel Anklang gefunden und wurde derart ehrenwürdig betrachtet, dass mir die theologische Fakultät der Universität Marburg die Ehrendoktorwürde verliehen hat - obwohl ich nicht in der Kirche bin, was die wussten. Derzeit baue ich in China drei christliche Kirchen. Die größte davon in Bejing.


ReiseTravel : Der von Ihnen entworfene Berliner Hauptbahnhof gilt als ein großartiges Bauwerk, trotzdem klagen Sie gegen die Bahn. Geht es dabei ums Prinzip oder um die Wahrung des Prestiges?

Professor von Gerkan: In keinem Fall aus Prinzip. Der Architekt bestimmt nie allein, wie ein Bauwerk aussieht. Es ist immer Gegenstand von Dialog, Konsens und Übereinstimmung. Mein Widerstand ist keine Halsstarrigkeit. Dort ist etwas verändert worden, was vor Jahren beschlossen, verabredet, geplant und teilweise gefertigt worden ist. Dann wurde es ohne unsere Mitwirkung und gegen unseren Protest verändert, obwohl es keinen sachlichen Grund gab. Die Verkürzung des Daches hat auch nicht weniger gekostet, sondern sogar das Doppelte. Ich habe viele Politiker vor meinen Wagen gespannt, sogar den damaligen Kanzler Schröder. Es hat nicht geholfen.


ReiseTravel:
Frage: Die Veränderung muss Sie ins Mark getroffen haben, wie anders ist sonst Ihr massiver Widerstand zu erklären?

Professor von Gerkan: Der Bahnhof dient als Selbstdarstellung der wirtschaftlichen Stärke des Unternehmens. Die Verkürzung des Daches ist ein Schildbürgerstreich ersten Ranges. Es ist so, als hätten Sie ein Kind, dem mutwillig zwei Kinderkrankheiten zugefügt wurden.


ReiseTravel: Sie haben fast 30 Jahre als Professor an Universitäten und Akademien gelehrt. Entwerfen oder lehren Sie lieber?

Professor von Gerkan: Ganz eindeutig entwerfen. Für mich war die Lehrtätigkeit eigentlich Selbstnutz. Dadurch war ich gezwungen, Dinge, die ich aus dem Bauch und der Intension entschied, zu begründen und zu erklären. Dieser Umstand, das eigene Tun über den intellektuellen Bewusstseinszustand mitzuteilen, war eine wichtige Erfahrung und Nutzen. Zum Schluss ist die Lehre jedoch zu sehr in einen Massenbetrieb abgerutscht.


ReiseTravel : Ein Problem an vielen deutschen Universitäten und Hochschulen…

Professor von Gerkan: …deshalb habe ich auch vor, eine Eliteschule der Architektur mit eigener Stiftung in Hamburg zu realisieren. Sache und Inhalt stehen bereits. Das Intelligenzpotenzial ist bei unserem Ausbildungsstandard bei weitem nicht ausgeschöpft, teilweise völlig fehlgeleitet, vorgestrig. Da werden Sachverhalte vermittelt, die rein kognitives Wissen sind, das ich aus dem Internet abrufen kann. Die Befähigung, Probleme konzeptionell aus komplexem Zusammenhang zu lösen, ist völlig unterentwickelt.


ReiseTravel: In welchem Umfeld sind Sie besonders kreativ?

Professor von Gerkan: Am kreativsten und effektivsten? Wo Menschen eigentlich nicht arbeiten – im Urlaub. Wenn wir in unserem Haus an der Ostsee oder auf Mallorca sind, das Telefon abgestellt, die Kinder in der Nähe, ein bisschen trinken, ganz entspannt. Ich habe natürlich alle Gerätschaften vor Ort, schließlich haben wir 300 Mitarbeiter. Aber am Computer arbeite ich nicht. Ein älterer Mitarbeiter und ich, wir sind die einzigen, die noch auf Papier zeichnen.


ReiseTravel : In Deutschland wird man demnächst erst ab 67 Jahren in Rente gehen. Sie sind 71Jahre und extrem kreativ und aktiv - wann sollte der Mensch in Rente gehen?

Professor von Gerkan: Wenn er das Ruhebedürfnis hat. Wenn er überzeugt ist, dass die Befreiung von der Arbeit nicht zum Schaden, sondern zum Wohlgefallen reicht. Aber wie es wirklich ist, merkt man meistens erst später.


ReiseTravel : Sehr geehrter Professor von Gerkan, vielen Dank für das Interview.

 

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