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Kang Son Lee

Alles geht ein bisschen schneller

Wie ein Koreaner seine Heimat sieht

Auf Europäer wirkt das oft hektisch und manchmal vielleicht sogar unhöflich. Denn Koreaner entschuldigen sich nicht, selbst dann nicht, wenn sie jemanden auf der Straße heftig anrempeln, was bei dem „Tempo“ schon mal passieren kann. Das ist normal in Korea. Niemand ist deshalb böse. In Deutschland entschuldigt man sich, wenn man jemanden an der Kasse im Supermarkt oder auf der Straße unbeabsichtigt berührt. In meiner Heimat gibt es sehr viel mehr Körperkontakt, zufällige Berührungen auf der Straße oder sonst wo in der Öffentlichkeit sind nicht der Rede wert.
Es wird behauptet, dass das „Tempo“ in Korea auf Zeit nach dem Koreakrieg zurück zu führen sei; nach dem Motto „Immer schön fleißig sein und in Bewegung bleiben“.

 

 

Schneller fahren, schneller bewegen, schneller denken, schneller lernen.
In Korea geht alles ein bisschen schneller


Die Koreaner sind dynamisch und haben das Talent, viele Dinge auf einmal zu machen. Wenn sie beispielsweise am Computer schreiben oder surfen, können sie ohne Probleme auch gleichzeitig telefonieren. In Deutschland wird immer eins nach dem anderen erledigt, entweder schreiben oder telefonieren.

Aber für Korea gehört Deutschland zu den großen Vorbildern. Deutsche gelten in Korea als Inbegriff des Fleißes, haben den Ruf, sehr genau zu sein und ihre Arbeit mit höchster Präzision zu verrichten.
Große Verehrung bringen die Koreaner für die deutschen Dichter, Denker und Musiker auf. Die Koreaner sind sehr wissend auf diesen Gebieten. „Lasse dich nie mit einem Koreaner auf eine Diskussion über bekannte deutsche Dichter ein, du wirst unterlegen sein“, sagt man. Goethe wird in dem kleinen asiatischen Staat als Held gefeiert.

Wegen ihrer besonderen Beziehung zu Deutschland fliegen Koreaner offensichtlich auch gerne mit Lufthansa. Und sie freuen sich, wenn sie an Bord mit mir oder meinen koreanischen Kolleginnen und Kollegen sprechen können und wir ihnen das Lächeln unseres Landes schenken. Leider bleibt uns während der Flüge nicht immer viel Zeit.
Auch beim Essen nicht. Das ist typisch koreanisch. Wie die meisten Asiaten essen Koreaner wesentlich schneller als Europäer. Das heißt zwar nicht, dass sie es nicht genießen, aber Koreaner essen eben hastiger, ob im Flugzeug, im Restaurant oder in der Kantine bei den großen Firmen.

Die traditionellen Tischmanieren werden trotzdem eingehalten. Typisches Essbesteck sind wie vielerorts in Asien Stäbchen. Für Gerichte mit viel Flüssigkeit benutzen wir einen Löffel, aber nie beides gleichzeitig. Älteren Menschen am Tisch wird in Korea besonderer Respekt gezollt, indem man erst zu essen beginnt, wenn sie ihr Besteck in der Hand haben. Es gilt als höflich sich dem Esstempo des Tischpartners anzugleichen, also nicht schneller oder langsamer zu essen als er.

Koreaner lieben die Schärfe der roten Chilisoße
, die zu einem typischen koreanischen Gericht gereicht wird. Und – sie nehmen für Europäer ungewöhnlich viel Gewürzsoße. Jede Menge Knoblauch gehört ebenfalls zur koreanischen Küche.

Besonders beliebt, aber auch sehr teuer, man sagt „das teuerste auf der Welt“, ist Rindfleisch. Es wird nach Korea importiert und in einer im Tisch eingelassenen Pfanne als Kalbi oder Pulgogi gegrillt oder gegart. Bei Pul-gogi (Pul bedeutet Feuer, wegen der Schärfe und gogi Fleisch) wird das Fleisch in dünne Streifen geschnitten und dann aus einer mit Sauce gefüllten Schale gegessen.

Koreaner leben gerne in der Gemeinschaft . Das spiegelt sich auch im täglichen Leben wider. Besonders für Männer ist es üblich, regelmäßig nach der Arbeit mit Kollegen auszugehen. Dabei gibt es feste Regeln. Zuerst isst man gemeinsam, dann trinkt man zusammen und anschließend amüsiert man sich mindestens eine Stunde bei der Karaoke. Man trinkt Schnaps, Soju, gesprochen „Soschuu“ oder Bier. Ob in der Stadt oder auf dem Land, für koreanische Männer ist dieses Programm fast obligatorisch.

Auf den Flügen, das beobachte ich immer wieder, halten sich meine sonst so trinkfesten Landsleute allerdings, meistens sehr zurück. Sie trinken viel Wasser und höchstens ein Glas Rotwein, das sie dann aber ihren Sitten und Gebräuchen entsprechend in einem einzigen Schluck ausleeren. „Rotwein ist gut fürs Blut“, sagen die Koreaner.

Auch die koreanischen Frauen unternehmen in der Regel nach der Arbeit noch etwas mit ihren Kolleginnen, aber sie gehen früher nach Hause als die Männer. Koreaner feiern gerne und machen auch unter der Woche mal die Nacht zum Tag. Niemand würde daran Anstoß nehmen.

Großen Einfluss auf das gesellschaftliche und kulturelle Leben in Korea haben beliebte koreanische Fernsehserien und -dramen. Ihre Hauptdarsteller sind heute sogar über die koreanischen Grenzen hinaus bekannt. Für mich ist es ein wenig „verrückt“, ich meine, nach dem Krieg stand Korea zunächst länger unter großem kulturellem Einfluss Japans, heute ist es eher umgekehrt.

Der Export von beliebten TV-Dramen wie „Jewel in the Palace“ und „Wintersonata“, nach Japan sowie Ost- und Südasien hat vor etwa fünf Jahren eine neue „koreanische Welle“ ausgelöst. Wir nennen sie „Hallyu“. Inzwischen hat sich dieser Boom auf andere Bereiche wie zum Beispiel die koreanische Popmusik ausgeweitet. Das hat dazu geführt, dass koreanische Produkte, der koreanische Lebensstil und sogar die koreanische Küche inzwischen auch im Ausland eine immer größere Bedeutung erlangen.
Korea – ich sage wie alle meine Landsleute „Korea“, weil es für uns immer komisch klingt, wenn Europäer von „Süd- oder Nordkorea“ sprechen. Wir sagen einfach Korea und bezeichnen uns als Koreaner. Und wir lieben unser ganzes, sehenswürdiges Land.

Korea hat trotz enormer Industrialisierung noch viel traditionelle Kultur zu bieten. Nur zwei Stunden mit dem Schnellzug, ähnlich wie dem deutschen ICE, von Seoul entfernt liegt beispielsweise die kleine Stadt Kyong Ju. Dort befinden sich - ähnlich wie die Pyramiden in Ägypten - viele zum Teil fünfstöckige Königsgräber, in denen kostbarste Juwelen aufbewahrt sind.

Eine lange Tradition und Bedeutung haben auch die Teehäuser. Als sich der Buddhismus im 7. Jahrhundert auf der koreanischen Halbinsel auf dem Gipfel seiner Entfaltung befand, entstand Dado, der „Weg des Tees“. Es ist die Anleitung zum richtigen Zubereiten, Servieren und Trinken des Tees. Heute lebt die Kultur des Teetrinkens wieder auf in Korea und wird als kultiviertes, gesundheitsförderndes Ritual geschätzt.

In Insa-dong in Seoul gibt es zahlreiche traditionelle, kleine Teehäuser mit interessanten Namen und edlen antiken Einrichtungen. In vielen wird traditionelle Musik gespielt. Ziervögel flattern zwitschernd durch die niedrigen Räume, um süße Krümel zu ergattern. Ich denke, der Besuch eines Teehauses wird bei jedem eine bleibende Erinnerung an den Aufenthalt in Korea hinterlassen.

Mein Heimatort liegt etwa 100 Kilometer nordwestlich von Seoul und war früher ein kleines Dorf. Heute ist es auch schon eine Kleinstadt. Es gibt sogar zwei Fabriken, eine für die Plastikherstellung und eine für die Produktion von Zubehörteilen für die Industrie. Die industrielle Veränderung scheint in Korea unaufhaltsam fortzuschreiben. Aber auch Reisfelder prägen immer noch ganze Landstriche zwischen den unendlich vielen Bergen des Landes. Viele Koreaner träumen davon, eines Tages ein Reisfeld von ihren Vorfahren zu erben. Diese traditionelle Sehnsucht hat auch heute noch Bestand in Korea.

Flugbegleiter Kang Son Lee

Kang Son Lee ist bei Lufthansa als „regionaler Flugbegleiter“ beschäftigt und zusammen mit jeweils zwei weiteren koreanischen Kollegen regelmäßig auf der Strecke zwischen Seoul und Frankfurt im Einsatz. Bevor er in der Mainmetropole seine Ausbildung zum Flugbegleiter absolvierte, arbeitete er bereits drei Jahre lang am Check-In der Lufthansa am Flughafen Incheon in Seoul.

Es war seit langem sein großer Traum , Flugbegleiter zu werden und nach Europa zu reisen. Jetzt fliegt Kang Son Lee schon seit einigen Jahren bei Lufthansa und lebt in Deutschland. Nur einmal im Jahr verbringt er eine längere Zeit in seiner Heimat. Zum Todestag des Vaters fliege der junge Koreaner immer nachhause, das ist für ihn absolute Verpflichtung als Sohn der Mutter gegenüber. Die Familie hat einen hohen Stellenwert in Korea. Dennoch möchte Kang Sou Lee zunächst weiter in Deutschland leben, vielleicht in drei Jahren ein Studium hier beginnen. Bis dahin lernt der koreanische Flugbegleiter weiterhin einmal die Woche Deutsch, die Sprache Goethes.

Ein Beitrag für ReiseTravel von Thomas Jachnow. www.dlh.de

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