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Vor allem Lebensart
Hut ab , möchte man sagen, vor der EU-Kommission, die das rumänische Sibiu, deutsch Hermannstadt, zur Kulturhauptstadt Europas erwählte. Wenn man nämlich eine europäische Kulturhauptstadt völlig neu zu erbauen hätte, dann müsste sie wie Hermannstadt aussehen: eine große, in sich geschlossene Innenstadt für jede Art von Umzügen, ein Theater, eine Philharmonie, etliche Galerien und Museen, zwei große Plätze, umrahmt von historischen Gebäuden mit einer einzigartigen Akustik sowie anheimelnde Gewölbekeller für Jazz und Kleinkunst.
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Sibiu – Europas Kulturhauptstadt |
Hut ab. Man kann den Hut aber auch aufbehalten, denn in Wahrheit wusste niemand in dieser EU-Kommission, wo dieses Sibiu eigentlich liegt.
Anders die Stadtväter von Luxemburg. Bei einem Besuch ihrer Partnergemeinde Hermannstadt stellten sie überrascht fest, dass die Sprache dieser Siebenbürger »Sachsen« der luxemburgischen fast bis aufs Haar gleicht. Das hätten sie auch vorher wissen können, wenn sie sich über die Geschichte Siebenbürgens erkundigt hätten. Die Deutschen, die im 14. Jahrhundert vom ungarischen König Geysa II. nach Siebenbürgen gelockt worden waren und auf den Resten der römischen Villa Sibium das deutsche Hermannstadt gründeten, stammten nämlich aus der Rhein/Mosel-Gegend, waren also Nachbarn der Luxemburger. Sachsen wurden sie nur in der ungarischen Kanzleisprache genannt, die alle Deutschen als Sachsen bezeichnete. Jedenfalls waren die Luxemburger von den neu entdeckten Verwandten begeistert. Als sie zu Kulturhauptstadt-Ehren kamen und sich zusätzlich eine Gefährtin aus dem Nicht-EU-Bereich wählen durften, entschieden sie sich spontan für ihre Partnerstadt, das Zentrum Siebenbürgens.
Mit vielen Sachsen können die Luxemburger allerdings nicht geredet haben, denn man findet heute kaum noch Deutsche in Siebenbürgen. Die BRD-Regierung unter Helmut Schmidt hatte 1975 eine Rückholaktion gestartet und für jeden Sachsen ein Kopfgeld von 5000 DM gezahlt. Danach stieg die Zahl der Auswanderer sprunghaft an. Im Westen berichteten diese Sachsen dann von ihrer Unterdrückung und den großen Ländereien, die sie im Stich lassen mussten. Je größer die Verfolgung bzw. der Besitz, umso größer die Entschädigung. So entstand im Ausland das gruselige Bild eines Dracula-Rumäniens, das sich teilweise bis heute hielt, aber mit der damaligen rumänischen Wirklichkeit nur wenig zu tun hat. »Im Gegenteil« wäre zwar zuviel gesagt, aber Siebenbürgen hatte im Rumänien Ceausescus noch relatives Glück. Ihr Erster Bezirkssekretär war nämlich Niko, der Sohn des Conducators, ein aufgeklärter Monarch. Er kümmerte sich, wie erzählt wird, oft persönlich um die Sorgen seiner Leute, sorgte für genügend Essen, Arbeit und kostenlosen Wohnraum. Das Deutschtum ließ Niko hegen und pflegen: Es bestanden deutsche Kulturvereine, deutsche Gymnasien, deutsche Theateraufführungen fanden statt, und es erschienen deutsche Zeitungen und Bücher. Den Deutschen in Rumänien ging es fast so wie unseren Sorben. Dass Niko allerdings nach der »Revolution«, wie die Rumänen ihren Zusammenbruch liebevoll nennen, trotz vieler Fürsprecher verurteilt wurde und im Gefängnis starb, lag an der neuen Justiz Rumäniens. Die alte war größtenteils entlassen worden, und die neue bestand aus jungen Richtern, die ihr Jurastudium wahrscheinlich nicht ganz zu Ende bringen konnten. In der Rechtsgeschichte jedenfalls sind sie nur bis zum »Sachsenspiegel« des Jahres 1231 gekommen. Vor kurzem schenkten sie fast alle als Museen genutzten Burgen und Schlösser Siebenbürgens den Nachfahren der königlichen Hohenzollern und dem mit ihnen versippten deutschen Hochadel. Was die neuen Besitzer vom nächsten Jahr an damit vorhaben, ist ungewiss, da sie keinerlei Auflagen erhielten. Wer sich also noch mit diesen einzigartigen Zeugnissen Siebenbürger Geschichte und Baukunst bekannt machen will, sollte sich beeilen.
Apropos »Revolution«. Rumänien war bekanntlich das einzige Land, in dem beim Zusammenbruch Blut floss, sogar mehr, als man durch die ansonsten blutlüsternen Medien erfuhr. Wer aber hinter dem Mord an dem Conducator und seiner Kampfgefährtin steckte, wer in Timisoara und Sibiu Waffen verteilte und wer damit auf wen und warum schoss, ist bis heute nicht endgültig geklärt. Die Securitate jedenfalls hatte damit wenig oder gar nichts zu tun, meint man dort. Sehr schnell jedoch wurden damals die Waffen wieder eingesammelt, und so konnten anschließend METRO, Renault und Coca Cola das Land friedlich in Besitz nehmen. Es mussten in diesem Teil des Balkans keine ethnischen Konflikte erfunden oder provoziert werden, um sich anschließend durch »friedensstiftende Maßnahmen« den Eingang zu diesem Markt freizuschießen. Es hätte auch viel Mühe gekostet, die seit Jahrhunderten einigermaßen friedlich zusammenlebenden Rumänen, Ungarn, Deutschen, Roma, Russen und Ukrainer aufeinander zu hetzen. Außer den üblichen nationalen Überheblichkeiten, Sticheleien und Witzen gibt es keine ernsthaften ethnischen oder religiösen Konflikte. Jeder kann dort nach seiner Façon selig werden, das Wort »Leitkultur« gibt es im Rumänischen nicht.
Kultur aber gibt es in Siebenbürgen oder Transsylvanien (»hinter den Wäldern«), wie die Rumänen und Ungarn diese Region nennen, jede Menge. Vor allem in der Hauptstadt Sibiu. Und es wird jeden Tag sichtbar mehr. Schuld daran ist unter anderen auch der Bürgermeister Klaus Johannis, ein Rumäniendeutscher. Zwar beträgt der Anteil der Deutschen in Sibiu nur noch etwa ein Prozent der Einwohner, und alle Mitglieder der Partei des Bürgermeisters, des »Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien« (DFDR), treffen sich allmonatlich zur Parteiversammlung in seiner Küche, aber dieser sympathische Mittvierziger, ein ehemaliger Physiklehrer, wurde mit 89 Prozent aller Stimmen der Sibiuer gewählt. Er ist für sie, was für die Ostdeutschen 1990 »unser Helmut« war. Klaus Johannis aber versprach seinen Wählern keine blühenden Landschaften und verkohlte sie anschließend nicht, sondern er machte sich für sie, wie sein Name sagt, zum Johann. Er tourte durch Süddeutschland, Österreich, die Schweiz und Luxemburg, warb, bettelte und lockte mit der Aussicht auf niedrige Löhne einige Unternehmen nach Sibiu. Viel Steuern fließen dadurch zwar nicht in sein Stadtsäckel, aber es reicht, um das Notwendigste zu richten und Sibiu in alt-neuem Glanz erstrahlen zu lassen.
Als Kulturhauptstadt Europas bekommt sie einen zinsgünstigen Kredit der EU-Bank und spärliche Zuwendungen aus Bukarest, den Löwenanteil der Kosten aber, die solch eine Ehre verursachen, muss die Stadt selbst aufbringen. Durch diesen Geldmangel aber kommt Klaus Johannis nicht in die Verlegenheit, das zu tun, was bisher alle Chefs von Kulturhauptstädten Europas taten, nämlich Kultur mit Kunst zu verwechseln. Unter dem Motto »Geld spielt keine Rolle« zelebrierte in den bisherigen Kulturhauptstädten Europas die Kunstcreme der Welt ein »Event« nach dem anderen, um damit die Eingeborenen zu verwirren und anschließend hoch verschuldete Kommunen zu verlassen. Am großartigsten gelang das 1999 Weimar. Die Stadt zahlt heute noch ab und musste inzwischen aus Geldmangel ihr einziges städtisches Museum schließen. Das wird wahrscheinlich in Sibiu 2007 nicht passieren.
Die Sibiuer werden uns gezwungenermaßen zeigen, dass Kultur zuallererst etwas mit »cultus« zu tun hat, der menschlichen Lebensart. Das bereits erwähnte multinationale Miteinander, die Koexistenz verschiedener Lebensweisen, zeigt sich auch darin, dass die meisten Siebenbürger rumänisch und ungarisch sprechen, viele zusätzlich deutsch. Unter den jungen Leuten beherrschen eine ganze Reihe noch Englisch und, was ihnen wohl nicht schwer fällt, Französisch und Spanisch. Beachtenswert ist auch ihr Umgang mit ihrem kulturellen Erbe, auch mit dem der ausgereisten Sachsen. Die Pflege historischer Stadtkerne und die Ausbildung der dafür nötigen Handwerker gehörten einst nicht unbedingt zu den Hauptaufgaben des Sozialismus. Das galt auch für Sibiu und die Städte und Dörfer ringsherum. Was jetzt im Osten Deutschlands die strengen Gesetze der Denkmalpflege regeln, bewirkt der dortige Geldmangel. Da jeder Cent dreimal umgedreht wird, muss ohne Hast und ganz sanft renoviert werden. Das hat die erfreuliche Folge, dass die Patina des späten Mittelalters nicht zerstört wird. Man deckt Dächer, streicht Fassaden, ersetzt morsche Balken und erneuert altes Pflaster. Die Innenstadt Sibius ist derzeit eine einzige Baustelle.
Den ausschließlich rumänischen Firmen stehen Aufbauhelfer zur Seite, die meist aus Süddeutschland, Österreich oder der Schweiz kommen. Es sind Leute, denen die rumänische Art zu leben gefallt, die die herrliche Landschaft bewundern oder die dort eine sinnvolle Aufgabe sehen. Neben Stadtplanern, Architekten und Bauingenieuren sind es auch pensionierte Handwerksmeister, die glücklich sind, noch gebraucht zu werden. Ein besonders beeindruckendes Beispiel solch uneigennütziger Hilfe lernte ich in Harman/Honigberg kennen. In Siebenbürgen gibt es in den evangelischen Burgkirchen natürlich auch Orgeln. Rumänische Orgelbauer aber haben den dortigen Sozialismus nicht überlebt. So gab es schließlich niemanden mehr, der sich um diese alten und teilweise sehr wertvollen Instrumente kümmern konnte. Eine Schweizer Stiftung richtete in Honigberg eine Werkstatt ein, in der eine junge Schweizer Orgelbauerin zehn junge rumänische Tischler in die Kunst des Orgelbauens einweiht. Die modernen Hobel- und Schleifmaschinen dieser Werkstatt können übrigens von den umwohnenden Möbeltischlern benutzt werden, sie müssen dafür nur das Stromgeld bezahlen. Bei meinem dortigen Besuch wurde gerade die im Jahre 1710 vom schwedischen König gestiftete Orgel der Burgkirche Honigbergs restauriert, ein zierliches Instrument mit einer für die damalige Zeit äußerst interessanten Registratur.
Kunst wird es im nächsten Jahr in der europäischen Kulturhauptstadt Sibiu/Hermannstadt natürlich auch geben. Am Programm wird derzeit noch gebastelt, aber sicher wird aus Sparsamkeitsgründen viel Einheimisches dabeisein. Die auswärtigen Gäste können in zahlreichen renovierten Hotels wohnen, in deren Zimmern, das macht den rumänischen Charme aus, immer irgend- etwas kaputt ist. Oder sie steigen, was viel besser ist, in einer der vielen kleinen Pensionen und Privatunterkünfte ab. Dort wird man familiär betreut und hervorragend beköstigt. Und zwar noch zu volkstümlichen Preisen. Sollte das ND 2007 eine Leserreise nach Siebenbürgen veranstalten, bin ich dabei. Aber nur, wenn auf dem Programm auch ein Orgelabend in Honigberg steht.
Eine Gruppe von Journalisten weilte auf Einladung des Ministeriums für Aufbau, Transport und Tourismus in Siebenbürgen, um sich über die Vorbereitungen Sibius zur Kulturhauptstadt Europas 2007 zu informieren. Für das ND nahm der Autor Reinhold Andert an der Reise teil.
Ein Beitrag für ReiseTravel von Reinhold Andert aus Neues Deutschland.
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| Kontakt |
Tourismus Informationen Rumänien
Rumänisches Touristenamt
Dachauer Str. 32-34, D-80335 München
Tel. 089-515 67 687, Fax 089-515 67 689, e-Mail: muenchen@rumaenien-tourismus.de
Rumänisches Touristenamt
Budapester Str. 20a, D-10787 Berlin
Tel. 030-241 90 41
www.rumaenien-tourismus.de
Informationen über Sibiu in deutsch www.sibiu.ro
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