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Ein Berliner bekochte das Personal der Luftbrücke
Stationen im Leben des Küchendirektors Fritz Becker: Er wurde 1923 an der Spree geboren und stammt aus einer hauptstädtischen Köchedynastie. Fritz Beckers Vater, Herzoglicher Hoftraiteur, war Küchenchef im legendären Kempinski in der Leipziger Straße und im Lindenrestaurant, sein Onkel sowie sein Bruder standen im alten Berlin ebenfalls als Chefs am Herd führender Häuser. Der junge Fritz begann 1937 seine Lehre im Franziskaner, einem seinerzeit bekannten Restaurant mit 1000 Plätzen in der Friedrichstraße ,die er durch ein Volontariat im Adlon erweiterte, um dann als junger Koch ins Eden in der Budapester Straße zu wechseln. Inzwischen hatte der zweite Weltkrieg begonnen, den Fritz Becker zunächst beim Reichsarbeitsdienst und dann bei der Wehrmacht erlebte, teils als Koch und schließlich auch im Fronteinsatz.
Aus der Kriegsgefangenschaft wieder nach Berlin zurückgekehrt, wurde er im Januar 1946 per Gesetz des Alliierten Kontrollrates in das U.S. Hauptquartier Berlin dienstverpflichtet, das sich in den Mac-Nair-Kasernen in Lichterfelde befand. Von dort wurde Becker in das Harnack-House, Officiers Messe der US-Militärregierung in Deutschland, versetzt, wo er u.a. für den US Generalgouverneur und Vater der Luftbrücke Lucius Clay kochte. Dort lernte er auch seine Frau Annelies kennen. Auf dienstliche Empfehlung wurde er dann an den aus Moskau kommenden Diplomaten der CSR Frantizek Dastich, Botschafter, Außerordentlicher und Bevollmächtigter Minister und Brigadegeneral, vermittelt. Bei dem verkehrten die Spitzen aus Politik, Diplomatie und Militärregierung , Männer die im damaligen Berlin Rang und Namen hatten wie US-Stadtkommandant Oberst Howly oder Sowjetmarschall Sokolowski , der in jener Zeit (1946-49) die Gruppe der UdSSR Streitkräfte in Deutschland befehligte. Da in Prag der stalinistische Terror begann, setzte sich Beckers Dienstherr in den Westen ab und sein Leibkoch war arbeitslos.
Als Fritz Becker am 27.Juni 1948 im Landesarbeitsamt um eine neue Tätigkeit nachsuchte, war die Luftbrücke, über die mehr als zwei Millionen Bewohner der drei Westsektoren Berlins vom 25.Juni 1948 bis zum 12.Mai 1949 mit 1,7 Millionen Tonnen Nahrungsmitteln, Brenn- und Baustoffen versorgt wurden, gerade zwei Tage alt. Ob er sich zutraue auf dem Flugplatz Gatow, auf dem wie auch auf der Havel und dem Wannsee die Hilfsgüter aus England entladen wurden, als Küchenchef die Versorgung des deutschen Bodenpersonals zu übernehmen, wurde er gefragt. Noch am selben Tag begann er mit jener Arbeit, die menschlich wie beruflich wohl zum prägendsten seines Lebens gehört. Er bekochte gemeinsam mit neun Kollegen und 15 Küchenhilfskräften täglich die 3000 Berliner, die im 24-Stunden-Rhythmus die in Gatow landenden Flugzeuge ent- bzw. beluden. In Spitzenzeiten landete damals alle zweieinhalb Minuten eine Maschine, bis heute liebevoll Rosinenbomber genannt, auf den Flughäfen Gatow, Tempelhof und Tegel.
„Die Leute vom Bodenpersonal leisteten Knochenarbeit“, erinnert sich Fritz Becker, “sie mussten bei Kräften bleiben und bekamen täglich ein kostenloses warmes Essen, ein Milchbrötchen und eine Tasse Kaffee. Als besondere Belohnung gab es manchmal einen Butterzopf oder ein Rosinenbrot. Alle drei Tage wurden die Vorräte von den Engländern mit Trockengemüse und -kartoffeln, Reis, Teigwaren und Fleischkonserven aufgefüllt. Das alles geschah in enger reibungsloser Zusammenarbeit mit dem Labor -Officer der Royal Air Force auf Air Port Gatow, Lieutnant Lamont, mit dem Fritz Becker sich jeden Morgen um 9 Uhr zur „Tageslage“ traf. Unsere zehn großen Kessel sind niemals kalt geworden, das Essen wurde in Thermophoren zu Nissenhütten am Rande der Landebahn gebracht, die als Kantinen dienten. Gekocht haben wir Eintöpfe, zum Beispiel Brühnudeln mit Rindfleisch, Pichelsteiner Gemüsetopf, Hühnersuppe mit Reis, Löffelerbsen mit Fleischeinlage oder Grüne Bohnen mit Einlage. Nur das Salz war immer knapp. Etwa eine Million Portionen waren es bis Ende der Luftbrücke, als die Sowjets ihre Blockade ergebnislos aufgeben mussten“.
Nach dem Ende der Luftbrücke, die für alle Zeiten als eine logistische Meisterleistung und ein Meisterwerk der Solidarität gilt, richtete Fritz Becker in Berlin die einst legendären Pressebälle mit aus, arbeitete in österreichischen und deutschen Spitzenhäusern, kochte auf Westerland und in Berlin im Sylter Hof, wo er Küchendirektor wurde. Dabei sammelte er zugleich Goldmedaillen, deren Stelle inzwischen die begehrten Sterne übernommen haben. Bald auch begann er mit seiner Frau erkochte Lebenserfahrungen aufzuschreiben, Bücher über die Küche der deutscher Lande vorzulegen, die bis Amerika Beachtung finden. Eines, „Berlin-Brandenburgische Küchengeschichten“, hat jetzt Reinhold Schuwer, Küchendirektor vom Maritim Hotel Berlin, wieder entdeckt, gemeinsam mit seinem 84jährigen Kollegen Fritz Becker neu bearbeitet und anlässlich des 60. Luftbrückenjubiläums neu aufgelegt. Dass es sich bei dieser von der Maritim Hotelgesellschaft herausgegebenen Edition übrigens um das erste 1984 erschienene eigene Buch von Beckers verstorbener Frau Annelies handelt, macht den einstigen Küchenchef der Luftbrücke besonders glücklich.
Erinnerungen eines Zeitzeugen: Ein Beitrag für ReiseTravel von Bodo Rehboldt.
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