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Tours

Teilen Sie nicht den Mantel, sondern den Wein

Sankt Martin ist Patron der Reisenden und des Weinbaus an der Loire - der Legende nach pflanzte er die ersten Chenin Blanc Reben bei Tours: Denkt man an Sankt Martin, kommt einem unweigerlich die Geschichte vom geteilten Mantel in den Sinn – und natürlich die Martinsgans. Aber nur wenige kennen die ganze Geschichte des Heiligen, der heute weit über die Loire hinaus bekannt ist: Man sagt, dass er den Weinbau an die Loire brachte.

Als Bischof von Tours soll er vor den Toren der Stadt bereits im 4. Jahrhundert den Vorläufer des Chenin Blanc gepflanzt haben. Wie man heute weiß, kann dies der Wahrheit entsprechen, denn die alte weiße Edelrebe ist nicht umsonst die weiße Hauptrebsorte an der Loire: Seit vielen hundert Jahren wird sie in Frankreichs größtem Weißweingebiet angebaut. Sie ist verwurzelt in der Region und hat von dort aus die Welt erobert. Chenin Blanc zeichnet sich durch die Charakteristik aus, die Lagen geschmacklich erfahrbar zu machen, und erreicht an der Loire hervorragende Qualitäten – sowohl als unkomplizierter, teils lebhafter Alltagswein als auch als komplexer und alterungsfähiger mineralischer Weißwein.

Wie der Chenin Blanc heute, so war auch einst Sankt Martin Kosmopolit: Geboren 317 im heutigen Ungarn, durchstreifte er als römischer Soldat Europa und war unter anderem lange in Deutschland und Italien stationiert, bevor er nach seiner Dienstzeit in der Provinz Gallien Bischof von Tours wurde und sich durch gute Taten und Krankenheilungen einen Namen machte.  Weil er das Amt erst nicht annehmen wollte, versteckte er sich im Gänsestall, doch diese verrieten ihn mit ihrem Geschrei – daher die Martinsgans. In seinem Soldatenleben verhielt sich Sankt Martin ebenfalls bescheiden und wohltätig. So teilte er in der bekannten Legende seinen Mantel mit einem Bettler, der sich später als Jesus zu erkennen gab. Dieser erhielt übrigens nur die Hälfte des Mantels, weil die andere Hälfte dem römischen Kaiser gehörte – so verhielt es sich damals mit der Ausrüstung des römischen Heers. Sankt Martins starb in Candes-St-Martin bei Tours, heute ein vielbesuchter Wallfahrtsort. Auch gibt es aktuelle Ausgrabungen in den Höhlen bei Marmoutier, wo der Heilige seine letzten Lebensjahre als Einsiedler verbrachte. Hier, in Marmoutier, gründete er auch das Kloster, in dem nachweislich der Grundstein für den Weinbau an der mittleren Loire gelegt wurde. 

Die Ufer der Loire bieten aufgrund ihrer abwechslungsreichen Böden – von Schiefer über Tuffkalkstein bis Feuerstein – ideale Voraussetzungen für den Weinbau. Heute wird Chenin Blan sortenrein in einer ganzen Reihe Appellationen zwischen Tours, Saumur und Anjou angebaut. Diese AOCs bringen grundverschiedene Chenin Blancs hervor, die die Vielfalt der Terroirs widerspiegeln und sich durch eine Balance zwischen Frucht und Säure auszeichnen. „Ein gereifter Chenin Blanc ist eines der herrlichsten Weinerlebnisse, die es auf der Welt gibt. Nur ganz wenige Weine können solch konzentrierte Balance von purer Frucht mit einer anregende lebhaften Säure und delikater Fruchtsüße hervorbringen“, schwärmt die Kölner Top-Sommelière Christina Fischer. Neben den trocken ausgebauten Chenin Blancs entstehen an der Loire auch ausgezeichnete Süß- und Schaumweine, letztere zum Beispiel in Vouvray.

Alle Wege führen nach Tours: Der EU ist Sankt Martins Bedeutung für Europa und die Touraine nicht verborgen geblieben, deswegen fördert sie nicht nur die Ausgrabungen in Marmoutier, sondern auch Fernwanderwege in ganz Europa, die das Wirken von Sankt Martin nachvollziehen: Sie führen von Luxemburg und der Pfalz über Bratislava und Ljubljana bis nach Rom und Sardinien. Mehr Infos zum Erbe Sankt Martins an der Loire gibt es hier: www.saintmartindetours.eu

Passenderweise sind die meisten dieser Wege in schöne Weinregionen eingebettet, insbesondere natürlich in der Touraine, wo man sich in malerischen Weinorten wie Vouvray nach dem Wandern mit einem erfrischenden Chenin Blanc belohnen kann. Sankt Martin, der Europäer, steht heute, in einer eher egozentrischen Zeit, für eine neu aufkommende Kultur des Teilens, die in den Gemeinden, durch die die Routen führen, aktiv gelebt wird: Hier wird einem müden Wanderer gerne eine Mahlzeit angeboten.

Die richtigen Weine am Martinstag: Gedacht wird den edlen Werten des heiligen Martin am 11. November. In Deutschland wird der Martinstag mit Laternenumzügen  und gutem Essen begangen und eigentlich sollte dazu ein kräftiger Chenin Blanc von der Loire, der hervorragend zu Geflügel, Pastete oder Gänseleber passt, nicht fehlen. Sankt Martin ist ein wunderbarer Anlass, statt des Mantels einen Wein zu teilen. Zwar ist zur Martinsgans selbst Chenin Blanc vielleicht nicht ganz das Richtige, aber die Loire hat auch dazu etwas zu bieten, zum Beispiel exzellente Rotweine aus Cabernet Franc. In Frankreich feiert man an diesem Tag in erster Linie den Waffenstillstand, der den 1. Weltkrieg beendete. Im übertragenen Sinne ist auch dies Sankt Martin angemessen: Dieser war bereits als römischer Soldat ein Mann des Friedens und handelte einst vor Worms das Ende einer Belagerung aus. Es spricht also nichts dagegen, in der herbstlichen Touraine auf den Spuren von Sankt Martin zu wandeln und ein paar schöne Weine der „Sankt-Martins-Rebe“ Chenin Blanc zu probieren.

Vins de Loire: Die Weinbauregion Loire ist der größte Weißweinproduzent Frankreichs. 65.000 Hektar bringen charaktervolle und dennoch klassische Weine hervor, die zumeist reinsortig ausgebaut werden. Sorten wie Chenin Blanc und Cabernet Franc stehen als regionaltypische Reben im Vordergrund. Einen Namen gemacht hat sich die Loire außerdem mit ihren Rosés und ihren Schaumweinen. InterLoire ist der Dachverband der Loire-Weine. Er vereint über 4.000 Winzer, 60 Handelshäuser und 16 Genossenschaften der Weinbaugebiete Anjou, Saumurois, Touraine und Pays Nantais und hat sich die dauerhafte Aufwertung des drittgrößten französischen Weinbaugebietes zum Ziel gesetzt. 

Von Ines Walz, www.organize.de

 

 

 

 

 

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