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Wattens

Kristallglanz und Fasnachttreiben

 

Die Region Hall-Wattens in Tirol präsentiert sich mit Kultur und Traditionen

 

Schneepisten und Wanderrouten ohne Ende sind seit jeher der anziehende Magnet für Reisende nach Österreich. Doch viele Landschaften laden außerdem dazu ein, eine Fülle an oft unbekannter Kunst und Kultur, Tradition und Geschichte zu entdecken. Beispielhaft dafür steht die Region Hall-Wattens nahe von Innsbruck mit seinem berühmten kleinen Städtchen Hall und rundum einer Handvoll kleiner Dörfer.

 

Blick auf Hall mit dem nahen Karwendelgebirge

 

Kaleidoskop der Künste: Eine künstlerisch besonders bemerkenswerte Karriere hat der nur wenige Autominuten von Hall entfernte Ort Wattens gemacht. Hier baute im Jahr 1995 Swarowski anlässlich des hundertjährigen Firmenjubiläums eine Märchenwelt aus Kristall. Das Weltunternehmen engagierte für das Konzept den Multimediakünstler Andrè Heller und es entstand einmalig in Europa ein Ort des Staunens. In einer unterirdischen Welt, über die ein Wasser speiender Riese mit funkelnden Augen wacht, werden auf insgesamt 14 Wunderkammern verteilt, schillernde Werke aus Kristall bewahrt. Malereien, Plastiken und Installationen namhafter Künstler wie Salvador Dali, der österreichischen Bühnenbildnerin Susanne Schmögner oder dem britischen Aktionskünstler Jim Whiting nehmen den Besucher auf eine Reise in ein glitzerndes Labyrinth mit, in dem die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen. „So lebendig wie der Glanz der Kristalle, so lebendig soll sich auch ihr mystisches Zuhause präsentieren“, sagt Maria Ligges von der PR und Kommunikation der Kristallwelten. „Im Jahr 2003 und noch einmal vor einem Jahr haben wir durch Umbau und Erweiterungen mehr Raum für Träume und Phantasien geschaffen.“ Und die Besucherzahlen können sich sehen lassen. „Der große Ansturm hat uns schon überrascht. An manchen Tagen kommen 7.000 Menschen zu uns. Da mussten wir auch eine neue Logistik schaffen“, so Maria Ligges. Im Jahr 2008 wollten 700.000 Besucher die Kristallwelt sehen. Mit bisher insgesamt acht Millionen Gästen schuf Swarovski einen der am meisten besuchten Plätze in Österreich.

 

Am Eingang der Kristallwelten wacht ein Wasser speiender Riese mit funkelnden Augen

 

Bildhauer und Geigenbauer: Die Altstadt von Hall schmückt sich mit einer besonderen Anerkennung. Ein geschlossenes Ensemble, insgesamt 300 (!) Häuser, sind denkmalsgeschützt. Ein einmaliger Vorgang für Tirol und für ganz Österreich. In der Stadt im Inntal wurden seit dem 13. Jahrhundert Millionen Tonnen Salz abgebaut und Hall entwickelte sich zu einer Drehscheibe des mittelalterlichen Handels im jungen Europa. Hier in der Stadt der Macht und des Geldes wurde Ende des 15. Jahrhunderts der erste Taler, eine Silbermünze, geprägt. Dieser Geniestreich des Herzogs Sigmund machte ihn unabhängig vom Export des Goldes und brachte ihm den Beinamen der „Münzreiche“. Der Taler avancierte zum Namensgeber des Dollar und kann auch als Vorreiter des Euro auftreten.

 

Reinhart, der Münzarme: In diesem Umfeld ist bis in die Neuzeit ein guter Humus vorhanden, in dem Kunsthandwerk gedeiht. Bei einem Gang durch die Altstadt trifft der Besucher auf die Arbeiten des Metall-Bildhauers Rudolf Reinhart. Er schuf hier für die engen Gassen sechs aus Kupferplatten und Stäben geschmiedete Wegweiser. Am Anfang der Schmidgasse ist auf der großen Brunnenfigur von Herzog Sigmund dem Münzreichen zu lesen, dass der Künstler Reinhart wohl angesichts knapper Honorare seinen Humor nicht verloren hat. Denn er meißelte an den Brunnenrand „Reinhart, der Münzarme“.

Direkt in der historischen Altstadt von Hall liegt das Hotel „Goldener Engl“, vor zehn Jahren nach allen Regeln des Denkmalschutzes renoviert und dabei liebevoll das Handwerkskunst vieler Generationen restauriert. Einst Teil der alten Stadtmauer führt die Geschichte des Hauses durch verschiedene Stil-Epochen, von Romanik bis zum späten Barock. www.goldener-engl.at

 

Das unangepasste Genie: Das Geburtshaus des berühmten Geigenbauers Jacob Stainer liegt ganz nah bei Hall in dem Dörfchen Absam. Hier ist in einer Schule für einen der bedeutendsten Künstler, die Tirol hervorgebracht hat, auch ein bescheidenes Museum eingerichtet. Doch das soll sich bald ändern, dem Berühmten soll künftig mehr Raum in Hall und Innsbruck gegeben werden, ist von Josef Taschler zu erfahren, der das kleine Museum ehrenamtlich betreut. Stainer, der Sohn eines Bergknappen, lebte im 17. Jahrhundert und wird von der Fachwelt als Vater der deutschen Geige auf eine Stufe mit Stradivari und Amati gestellt, ja soll die Italiener sogar mit der Schönheit seiner Arbeit noch übertroffen haben. Insgesamt baute der Ausnahmekünstler 260 Geigen, die noch heute dank des unübertroffenen Klangs in großen Orchestern gespielt werden. Der geniale und zu Lebzeiten anerkannte Geigenbauer wurde allerdings von der katholischen Kirche ausgestoßen, als Ketzer verfolgt, eingekerkert und über 100 Jahre totgeschwiegen, weil er mit Martin Luther und den Ideen der Protestanten sympathisierte.

Tirol, das heiligste und katholisch am stärksten geprägte Bundesland von Österreich, hatte bis in die Neuzeit Probleme mit seinem berühmten Sohn. So verweigerte der Gemeinderat von Absam noch vor 50 Jahren ein Denkmal für Stainer mit der Begründung: Ein Ketzer verdient kein Denkmal - Papst Ratzinger lässt grüßen. Als Ausgleich zu dem Gedenken an den weltoffenen Künstler haben die Gemeinde Absam und seine Nachbarorte Ziele von Wallfahrten zu bieten wie beispielsweise eine Marien-Erscheinung auf einer Fensterscheibe.

 

Landeshauptmann von Tirol Günther Platter (Mitte) beim Vortanzen

 

Fasnachtstreiben verjagt den Winter: Kunst, Kultur und Tradition der Region Hall-Wattens in Tirol spiegeln sich in dem jährlich aufgeführten Spektakel der Fasnachtumzüge wider. Besonders schillernd und schräg ist das nur alle vier Jahre veranstaltete Mullerlaufen in dem kleinen Ort Thaur. Dabei handelt es sich um einen heidnischen Brauch, der mehrere Jahrhunderte alt ist. Ob dieser Umzug, an dem ausschließlich Männer teilnehmen dürfen, nur den Winter austreibt oder auf heidnische Bräuche zurückgehend, der (katholischen) Obrigkeit an diesem Tag ein Schnippchen schlagen will, ist so eindeutig nicht geklärt.

 

Der Spiegeltuxer in Lederhose

 

 

Auf dem Umzugswagen werden in der Weibermühle alte Frauen in einen großen Trichter geworfen und wieder „jung gemahlen“

 

Am Sonntag war es wieder so weit. Stunden vor Beginn sperrten Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr die Dorfstraßen in Thaur. Und der einsetzende Nieselregen hielt die ersten Zuschauer nicht davon ab, sich an der Route des Umzugs die besten Plätze zu ergattern. Der Veranstalter des Mullerlaufen ist der Thaur Schützenverein und Martin Plank ist sein Chef. „Die Fassnachtfiguren teile ich in zwei Kategorien ein, die Frühlings- und Sommerfiguren und die Herbst- und Winterfiguren“, erklärt er. „Der Spiegeltuxer, der in einer Lederhose steckt, steht für Frühling und Sommer. Er trägt einen bis 14 Kilogramm schweren und bis zu einem Meter hohen Kopfschmuck mit unzähligen Blumen, Federn und Spiegeln. In den Spiegeln sollen die grimmigen und grässlichen Dämonen des Winters ihr Antlitz erkennen und vertrieben werden - so die Absicht. “Anders sei es um den Zaggeler bestellt, der den Herbst verkörpert. Seine hölzerne Maske wirke noch etwas freundlich, sein Kostüm aus blauer Baumwolle ist mit kleinen Glöckchen benäht. „Weiterhin gibt es“, so Plank“, die Figur des Zottler in einem Fransenkostüm. Er ist einer der sehr grimmigen Gesellen, die den Winter in seiner ganzen Rauheit darstellen.“

 

Schnaps zum „Abmullen“

 

Eine Kapelle von Schneemännern eröffnet den Großen Mullerlauf

 

Pünktlich gegen 13.30 Uhr beginnt der Umzug. Der Landeshauptmann verlässt die extra für den Umzug an der Dorfstraße errichtete Holz-Tribüne für die Ehrengäste. Er gewährt ein Tänzchen und das österreichische Fernsehen ist mit den Kameras dabei. Martin Plank hält ein Mikrofon in der Hand und stellt die Umzugswagen und die verschiedenen Teilnehmer im Umzug vor. Mit seinem Sohn und seinem Vater sind drei Generationen aus der Familie von Martin Plank beim Thaurer Mullenlaufen dabei. Manchmal hat er Mühe, Musikkapellen und Geschrei zu übertönen. Besonders beim Abmullen, einem ganz alter Brauch für Paare, beheimatet in den Dörfern zwischen Innsbruck und Hall, kommt Stimmung auf. Dazu stürzen plötzlich bunt kostümierte Männer versteckt hinter Holzmasken auf das Publikum zu. Ein leichter Schlag auf das Schulterblatt, der mehr oder weniger kräftig ausfallen kann, soll Fruchtbarkeit und Glück bringen. Bekräftigt wird das Ritual abschließend durch einen kräftigen Schluck Schnaps. Im Umzug reihen sich Musik-Kapellen und eine Vielzahl von Fasnachtsgruppen stampfend aneinander mit ganz gruseligen Hexenmasken sowie weiße und braune Bären, die an langen Ketten geführt werden. Vertreten ist auch die Figur des Klötzler, dessen Kostüm mit Holzbrettchen benäht ist. Er soll mit lärmenden Bewegungen den Winter vertreiben.

 

Spektakel der Weibermühle: Zwischendurch tauchen immer wieder von Traktoren gezogene Umzugswagen auf.

Einer der Wagen, die Thaurer Weibermühle, liefert ein ungewöhnliches Schauspiel mit viel derber Komik. Denn hier wird die mittelalterliche Sage nachgespielt, in der in einer Mühle alte Frauen wieder „jung gemahlen“ werden. Junge Bauernburschen, in der Verkleidung einer alten Frau, werden von kräftigen Armen und unter anfeuerndem Gejohle auf den Umzugswagen gehievt. Dann werden sie in den großen Trichter der Mühle bugsiert, um nur einige Momente später als „junge Frau“ aus der Mühle zu treten. Allerdings wollen nun einige der Verjüngten nichts mehr mit ihren alten Männern zu tun haben, die nun den Spott der Müllerburschen und der Zuschauer erleiden. Eine Wendung, die die Geschichte aus dem Mittelalter für die Neuzeit emanzipiert.

Wer die Fasnachts-Umzüge in den Dörfern der Region Hall-Wattens bisher verpasst hat, braucht sich nur in den ersten Februartagen der nächsten Jahre hier umschauen. Denn die nächste Generation steht schon in den Startlöchern. Das jüngste im Mullerverein eingeschriebene Mitglied, das auch am Umzug teilnahm, zählte drei Jahre. Es trug ein buntes Kostüm und nur der schwarze Schnurrbart wurde nicht aufgeklebt, sondern aufgemalt.

www.regionhall.at

 

Ein Beitrag und Fotos für ReiseTravel von Ronald Keusch.

 

 

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