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Rattenberger Advent
Die stade Zeit, die festliche Zeit: Der Geruch von Adventswein, gerösteten Kastanien und Holzfeuer steigt in die Nase. Petroleumleuchten an den Häusern und Windlichter, die auf jedem Fenstersims stehen, verbreiten einen festlichen Glanz. Es gibt keine künstliche Beleuchtung in Rattenberg, außer im Inneren der Häuser und an ein paar Weihnachtsbäumen. Kein „Jingle Bells“ wird lautstark geschmettert, kein Weihnachtsneonschmuck überflutet hektisch blinkend die kleine Stadt. Nein, in Rattenberg geht es ganz traditionell zu, das Thema ist die „stade Zeit“, so wie es früher war. Wenn Heinrich Unterrader, der Nachtwächter, die Petroleumlampen in den Gassen anzündet, dann verbreitet sich eine mittelalterliche und heimelige Atmosphäre. Praktisch sind die vielen offenen Holzfeuer in den Gassen, an denen man sich immer wieder aufwärmen kann. Rattenberg ist die kleinste Stadt Österreichs und liegt eingequetscht zwischen dem Inn und dem Schlossberg mit der Burg. Es gibt nur etwa 450 Einwohner, jeder kennt jeden. „Wenn man ausgeht, muss man nur zwei Mal umkugel’n und dann ist man wieder daheim“, so sagen die Einheimischen.
Den Adventswein, der an den Ständen ausgeschenkt wird, trinkt man warm und unverdünnt in eigens angefertigten Gläsern. Rotwein wird mit Hollerblütensaft gemischt und geheimnisvolle Gewürze werden dazugegeben, mehr verraten die Rattenberger nicht. Dazu isst man Zillertalerkrapfen aus Kartoffelteig, mit Graukas und Ziager, zwei Käsesorten, gefüllt sind. Beliebt sind auch Kiachl, die in Fett ausgebacken werden. Sie munden entweder herzhaft mit Kraut oder süß mit Preiselbeeren-Marmelade. Etwas ganz Besonderes sind Weihnachtswürstel, die auch „Frische“ genannt werden, die gibt es nur im Dezember und nur beim Mölgg in der Gaststätte Schlosskeller.
Alle Geschäfte sind festlich dekoriert. Auffällig sind die vielen Glasgeschäfte, die an die Blütezeit der Stadt erinnern, denn die Glasindustrie war bis etwa 1940 ansässig. „Die Kristallschleiferei ist eine schwere Arbeit“, sagt Alois Schwarz. Zuerst wird die Vase mundgeblasen. Danach wird sie sieben bis acht Stunden geschliffen, es ist gar nicht so einfach das Glas über dem Diamanten zum Schleifen zu halten, deshalb haben die Glasschleifer so kräftige Arme.
Zum Aufwärmen geht es zwischendurch ins Café Hacker. Die Kuchenauswahl ist enorm, nicht umsonst hat die Konditorei die „Goldene Kaffeebohne“ als Auszeichnung erhalten. Reinhard Hacker, der Besitzer, beliefert Restaurants und Hotels in ganz Tirol mit seinem köstlichen Gebäck. Den gotischen Lichthof am Ende des Cafés sollte man sich unbedingt ansehen und eine Augustiner Torte aus Bitterschokolade, Haselnüssen, kandierten Orangen und Orangenmarmelade probieren und die Spezialität, Pflastersteine aus hellem und dunklem Nugat mitnehmen.
Der Nachmittag beginnt für die Kinder mit einem Rundgang durch den Zauberwald, aus aufgestellten Tannenbäumen. Jeder bekommt eine Laterne und in der Mitte, im Dickicht, erzählt die Waldfee Geschichten von Waldgeistern und Zwergen. Anschließend bekommt jedes Kind einen Kristallstein aus der Schatzkiste. Im Kinderprogramm Sternenpfad bekommen die Kleinen rote Wangen, denn sie können auf Stelzen gehen, mit Holzkegeln spielen oder Schachteln mit Glitzersteinen bekleben. An einer offenen Feuerstelle wird Brotteig an einem Stecken geröstet und in der Konditorei Hacker können Kinder sogar ihre eigenen Weihnachtsplätzchen backen. Und wer damit nichts am Hut hat und es rustikaler mag, kann auf einem Pony durch die Stadt reiten. Die Schneekönigin und ihr Gemahl schreiten unter den Blicken von staunenden Kinderaugen durch die Gassen. Sie werden von zwei weiß gewandeten Begleitern auf Stelzen begleitet, die dem Bild einen märchenhaften Anstrich geben. Annemarie Stiefmüller moderiert um halb drei Uhr das Kinderprogramm auf der Bühne vor dem großen Christbaum. Schulkinder der Region singen und musizieren für Kinder.
Werner Klikova, der Organisator des Rattenberger Advents, ist verantwortlich dafür, so wie er sagt: „Das ois da steht, wo’s stehn muss“. Der Verein Kultur- und Wirtschaftsförderung hat ihm den Auftrag gegeben. Er hat keine freie Minute. „Wie viel Fackelträger haben wir?“ kontrolliert er zwischendurch per Handy: „Zwei und die Trommler, passt“, wiederholt er die Antwort. „Ganz wichtig ist, dass der Rattenberger Advent kein Weihnachtsmarkt, sondern eine kulturelle Veranstaltung mit Programm ist“, erklärt er noch, bevor er zum nächsten Termin eilt.
In der staden Zeit des Jahres gehört auch der Besuch der Pfarrkirche St. Virgil neben dem Malerwinkel dazu. Bevor man über die Frauenstiege zur Kirche geht, erreicht man auf halber Höhe die Mariengrotte, die der Erscheinung der Gottesmutter in Lourdes gedenkt. Neben dem zweischiffigen Kirchenschiff mit Stuckdekor und den barocken Gewölbefresken befindet sich die Notburga-Kapelle. Der Legende nach wurde die heilige Notburga im 13. Jahrhundert in Rattenberg geboren. Ihr Leben hat sie den Armen und Kranken gewidmet. Als der Bauer bei dem sie in Stellung war, sie abends zu längerer Arbeit zwingen wollte, obwohl abgemacht war, dass sie den Feierabend der religiösen Andacht widmen durfte, bat sie Gott um Hilfe. Sie warf die Sichel, die sie gerade in der Hand hielt, in die Luft, die daraufhin schwebend stehen blieb.
Der Besuch des Augustiner Museums gehört auch zu dem Rundgang. Der gotische Kreuzgang, die barocke Klosterkirche und der Jünglingsengel sind beeindruckend.
Um halb fünf beginnt die Herbergssuche an den alten Nagelschmiedhäusern am Eingang zu Rattenberg. Hier wurden früher Nägel hergestellt, heute ist hier das Heimatmuseum untergebracht. Zwei Rattenberger Bürger stellen die Herbergssuche dar. Maria auf einem Esel sitzend zieht mit Josef in die Altstadt ein und bittet an verschiedenen Stellen um Unterkunft. Doch sie werden abgewiesen und ziehen gefolgt von Zuschauern weiter.

Unüberhörbar ziehen die Behüter des Feuers mit den Trommlern ein und gehen zur Bühne, wo ab fünf Uhr nachmittags das Programm beginnt. Zum Auftakt erklingen Bläser, dann folgen Weihnachtslieder mit Harfenbegleitung. Jeder auf der Bühne trägt einen schwarzen Poncho. Es ist erstaunlich, wie viele Künstler die winzige Stadt Rattenberg hervorbringt. Drei Jugendliche präsentieren ein paar moderne Weihnachtslieder, die sie selbst geschrieben haben. Eine andere Gruppe spielt, „Ihr Kinderlein kommet“ ganz rockig vertont. Und zwischendurch werden immer wieder alte Weihnachtsgedichte in Mundart vorgetragen.
Doch der absolute Höhepunkt des Tages ist das Ave Maria, manche kommen nur nach Rattenberg um es zu hören. Carmen Dariz wird auf einer Schaukel sitzend in die Höhe gezogen, sodass sie jeder sehen kann. Das Bühnenbild könnte nicht besser sein. Oben über der Stadt ist die Burgruine illuminiert, die Stadt mittelalterlich beleuchtet, der große Christbaum hinter der Bühne funkelt und viele Zuschauer haben Wunderkerzen in der Hand. Man bekommt förmlich eine Gänsehaut, nicht vor Kälte, sondern vor Ergriffenheit. Wenn die letzten Töne des Ave Maria verhallen, schließt ein Funkenregen wie ein Vorhang die Bühne. Das dumpfe Beifallklatschen mit Handschuhen wird von Bravorufen übertönt. So traditionell und besinnlich erlebt man den Advent nur in Rattenberg.
Kontakt
Alpbachtal Seenland Tourismus
Zentrum 1, A-6233 Kramsach
Tel.: +43-5336-600600, e-Mail: info@alpbachtal.at - www.alpbachtal.at
Alpbachtal Seenland Tourismus – Gästeinformation Rattenberg
Südtiroler Straße 34a, A-6240 Rattenberg
Tel.: 0043-5337-63321, e-Mail: rattenberg@alpbachtal.at - www.rattenberg.at
Anreise: Mit dem Auto: Autobahn Innsbruck, Ausfahrt Rattenberg/Kramsach. Parken: kostenlos auf beiden Parkplätzen vor der Stadt.
Mit dem Zug bis Wörgl, umsteigen in den Regionalzug nach Rattenberg/Kramsach
Eintritt: EUR 3,--
Termine: 28. November, 05. Dezember, 12. Dezember und 19. Dezember 2009
Geschichte: Rattenberg wurde 1254 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Bayern, Österreicher und Südtiroler wechselten sich als Besitzer ab. Im 15. Jahrhundert erlebte Rattenberg einen Aufschwung durch den Kupfer- und Silberabbau. Der Bau der Eisenbahn brachte die Innschifffahrt zum Erliegen und der Fuhrwerk- und Reisewagenverkehr ging drastisch zurück. Erst 1889 erhielt Rattenberg eine eigene Bahnstation. Das 20. Jahrhundert brachte mit der Entstehung der Glasindustrie und dem Tourismus einen wirtschaftlichen Aufschwung.
Restaurants:
Brauhaus traditionell, eigenes Bier wird in einer Schaubrauerei gebraut, www.brauhaus-rattenberg.at
„Bier is a echte Medizin, san lauter guate Sachen drinn – es schadet Dir zu keiner Stund, s’ Bier is gesund“, so sagt ein Spruch in der Gaststube.
Restaurant Malerwinkel, Felsengewölbe mit modernem Design kombiniert, gehobene Küche, www.malerwinkel-rattenberg.com
Gaststätte Kanzler-Biener, bürgerliche Küche, www.rattenberg.at
Restaurant Dopolavoro, Küche vom Feinsten, www.dopolavoro.at
Cafés:
Hacker, mit gutem Ruf in ganz Tirol. Viele Restaurants und Hotels kaufen hier Gebäck. Friedrich Hacker, Südtiroler Straße 46, A-6240 Rattenberg, Österreich, Tel.: 0043-5337-62322, cafehacker@rattenberg.at
Lavazza, für den, der einen klassischen italienischen Espresso oder Cappuccino möchte, www.rattenberg.at
Ein Beitrag für ReiseTravel von Gabi Dräger
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