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Alles neu macht der Stückl
Christian Stückl ist als gebürtiger Oberammergauer eng mit der Tradition der Passionsspiele verbunden und inszenierte sie erstmals 1990. Seit 2002 ist er Intendant am Münchner Volkstheater und seit 2008 Mitglied an der Akademie der schönen Künste. Zu seinen vielfältigen Arrangements zählen die Inszenierung des „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen oder Beethovens „Fidelio“ im Opernhaus in Köln. 2006 war er Regisseur der Eröffnungsfeier der FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft in München.
Veränderungen habe es schon immer gegeben – auch bei den Passionsspielen in Oberammergau, sagt Christian Stückl. Seit 375 wird nun dieses Gelübde von den Oberammergauern Laienschauspielern eingelöst und avancierte mittlerweile zu einem weltweit bekannten Ereignis. Dereinst wurden beinah in jeder Generation die Texte und Bühnendekorationen verändert. Erst mit dem zunehmenden Tourismus im 20. Jahrhundert hatte man Angst vor Neuerungen, die es nun galt zu überwinden.
Deshalb habe Stückl bereits bei der Übernahme des Amtes schon ein wenig darauf gepocht, dass ihm drei Wünsche erfüllt werden mögen. Zum einen die Arbeit mit dem Team aus dem Jahr der letzten Aufführung 2000, die Zustimmung zur Veränderung des Textes, der Musik und der Bühnenbilder sowie die zeitliche Verschiebung der Aufführungen.
Eine sehr große Umstellung ist die Verlegung der Aufführungen auf den Nachmittag und Abend. Allerdings stelle diese Tatsache für viele junge in München beschäftigte Oberammergauer eine enorme Erleichterung dar. Neben den Proben und Vorbereitungen auf das Schauspiel haben die Laienschauspieler nämlich auch noch ihre täglichen Pflichten zu leisten. Die Vorbereitungen beginnen bereits ein Jahr vor der Vorstellung und finden nicht selten nach einem langen, anstrengenden Arbeitstag statt. Meist sind die Arbeitgeber in Oberammergau selbst in irgendeiner Weise an dem Schauspiel beteiligt und zeigen Verständnis.
Zahlreiche Spieler mussten dennoch teilweise unbezahlten Urlaub nehmen, um bei den Proben pünktlich und regelmäßig erscheinen zu können. Jeder, der nicht bereit ist dieses in Kauf zu nehmen, wird vom Regisseur seines Amtes enthoben. Bei einer derart großen Anzahl von Beteiligten braucht es einfach Disziplin. Allein beim Einzug nach Jerusalem werden 450 Darsteller auf der Bühne stehen, bei der Verurteilung durch Pontius Pilatus sogar 900.
Auch wenn über sieben Liter Theaterblut pro Vorstellung zum Einsatz kommen, liegt der Schwerpunkt nicht darauf, den Jesus auf eine Leidensgestalt zu reduzieren, sondern mehr von seinen Idealen und Zielen in die Vorstellung einzubringen. „Jesus nicht als Opferlamm, sondern als streitbarer junger Jude, der für seine Botschaft, die bis heute Gültigkeit hat, ans Kreuz geschlagen wurde“, so will Stückl diesen Reformator aus Nazareth dem Publikum vorstellen. Deshalb eröffnet das Spiel dieses Jahr mit der Bergpredigt.
Darüber hinaus wird Pilates in keiner Weise mehr als unparteiischer römischer Vertreter erscheinen, sondern als brutaler und aggressiver Gegner des Angeklagten. Auch Kaiphas und der hohe Rat mussten eine kleine Änderung über sich ergehen lassen. So wurden in die Diskussion um die Verurteilung noch einige Befürworter der Ideen Jesu mit eingebaut. Frauengestalten, welche in das Spiel neu mit einbezogen wurden sind die Ehebrecherin sowie die Frau des Pilates, welche einst durch einen Boten ihre Nachrichten überbrachte und nun selbst die Bühne betritt.
Dialoge mit jüdischen Organisationen sollten dazu beitragen, antisemitische Züge weitgehend aus dem Stück zu verbannen. Jesus war Jude, so Stückl, und wurde von einem Juden verraten. So was ereignet sich auch heute noch von Tag zu Tag. Dafür und auch für die Überarbeitung der Bühnendekoration holte man sich einige Anregungen während einer Reise nach Israel, welche von 50 Darstellern im Oktober 2009 durchgeführt wurde.
Aufgrund der umfangreichen Veränderungen wurde eine aufwändige Bearbeitung der Musik erforderlich. Diese Aufgabe übernahm Markus Zwink als musikalischer Leiter und Dirigent: „Oberammergau ist kein reines Schauspiel, über 90 Minuten stehen im Zeichen der Musik“, so Zwink. Er, der aus einer der ältesten Familien Oberammergaus stammt, lieferte auch die Musik für den „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen im Jahr 2002.
Monatelang haben sich nun über 2000 Oberammergauer auf „ihr“ Passionsspiel vorbereitet, geprobt, Kostüme angefertigt, Bühnenbilder zusammengestellt und hoffen auf ein erfolgreiches Jahr 2010. Teilnehmen dürfen nur gebürtige Oberammergauer oder diejenigen, welche seit über 20 Jahren ihren Wohnsitz dort haben. Obwohl Wetterprognosen einen Jahrhundertsommer vorhersagen, ist man außerdem froh über das neue fahrbare Dach für die Bühne. Allerdings - ob es zum Einsatz kommt, muss direkt vor der Aufführung entschieden werden. Ein Aufbau während der Vorstellung würde den Ablauf zu sehr stören.
Für die Premiere liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Sogar ein Testbetrieb für den Shuttle-Bus wurde durchgeführt. Und nun heißt es Bühne frei für die 41sten Oberammergauer Passionsspiele, zu denen über eine Million Zuschauer in den nächsten Monaten erwartet werden.
Eine Besonderheit der Oberammergauer Passionsspiele ist die gleichberechtigte Doppelbesetzung der 21 größten Rollen. So teilen sich unter anderem die Rolle des Jesus, des Apostel Petrus, Johannes, Judas, Maria und Maria Magdalena jeweils zwei Darsteller. Die Premierenbesetzung wurde durch das Los entschieden.
Zur Premiere wird Frederik Mayet, im richtigen Leben Pressesprecher des Münchner Volkstheaters, die Rolle des Jesus übernehmen. Maximilian Stöger, der eigentlich Forstwirtschaft studiert, den Petrus. Den Judas spielt Carsten Lück, von Beruf Bühnenbaumeister. Der künstliche Baum auf dem er sich erhängen wird, wurde von ihm selbst hergestellt. Ihrem Beruf treu bleibt das Ensemblemitglied des Münchner Volkstheaters Ursula Burkhart in der Rolle der Maria, während die Maria Magdalena von der Flugbegleiterin Eva-Maria Reiser verkörpert wird. Der Forstwirt Anton Burkhart wird den Kaiphas darstellen und der Pyrotechniker und Gastwirt Christian Bierling den Pilatus.
Für Kurzentschlossene gibt es übrigens gute Neuigkeiten. Die nicht verkauften Arrangements in Form von Tickets plus Übernachtung werden nun als Einzelkarten ausgegeben. Die jeweils freien Kontingente können tagesaktuell auf der Internetseite abgerufen werden.
Geschäftsstelle der Passionsspiele - Eugen-Papst-Strasse 9a, D-82487 Oberammergau, Tel. +49 (0) 8822 92310, info@passionsspiele2010.de -
Ein Beitrag für ReiseTravel von Sabine Erl.
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