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Die Faszination eines unsterblichen Mythos

Wenn in der Stille der Nacht ein seltsames Geräusch ertönt, die Gardinen wehen und der Vollmond am Himmel steht, überfällt uns immer noch ein leichtes Kribbeln. Gibt es vielleicht doch Wesen, die wir nicht kennen, Gedanken, die wir nicht denken und Ängste, die wir uns nicht erklären können? Vielleicht gibt es ja doch mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als wir uns vorstellen können. Deswegen schließen wir sorgfältig Fenster und Türen und hoffen, dass uns nichts geschieht.

 

In solchen Nächten entsteht der Vampir, ein Wesen unserer Träume und Albträume, das tief verwurzelt ist in Wirklichkeit, Sage und Volksmärchen, in Volksglaube und Religion. Die Natur, der Kreislauf von Werden und Vergehen ist der Knackpunkt unseres Wissens und unserer Existenz. Zu ihrem Verständnis waren immer mystische Gestalten notwendig, nennt man sie nun Götter oder Dämonen. Und ein solcher aus der vorreligiösen Zeit stammender Schrecken der Natur ist der Vampir. Er verkörpert all jene Ängste, Sehnsüchte und Wünsche, die uns die menschliche Natur mitgegeben hat. Er ist ein gewaltiger Mythos von Tod und Schuld, Sexualität und Macht. Wir alle dürsten nach dem Leben, wir begehren, wir wünschen, wir wollen leben um jeden Preis. Aber das Leben ist ohne den Tod nicht denkbar und das Gute nicht ohne das Böse. Das Bindeglied zwischen Gut und Böse, zwischen Leben und Tod ist das Blut. So war es in allen Mythen und auch in vielen Religionen.

 

Menschen haben von Beginn der Überlieferung an auf der ganzen Welt an Vampire geglaubt. Legenden reichen viele Jahrhunderte vor unsere Zeitrechnung bis ins alte Asyrien oder Babylonien zurück. Und immer schließt der Vampirismus das Trinken von Blut, der Leben spendenden Flüssigkeit, ein. Blut ist heilig, aber auch unrein. Auf jeden Fall ist es mystisch und moralisch besetzt. Und so ist es kein Wunder, dass dieser Saft Tote wieder auferwecken kann. Vom alten Ägypten führt die Spur der Vampire über Griechenland, Rom und Osteuropa bis hin zu uns.

 

Im Jahr 1732, in dem an der ungarischen Grenze Ärzte, Theologen und Offiziere Leichen untersucht und festgestellt haben, dass diese im Stande der Vampirisierten seien, taucht der Name zum ersten Mal in einem deutschen Lexikon auf. Der Begriff „Vampir" wird fortan das Synonym für alle Untoten und war bis dahin Gegenstand seriöser Forschung. Die zu dieser Zeit sich langsam durchsetzende Aufklärung verbannte den Vampir aus der Wissenschaft. Aber da er unsterblich ist, taucht er an anderer Stelle wieder auf, nämlich in der Literatur.

 

Es war niemand anderes als Johann Wolfgang von Goethe, der den Vampir in die deutsche Literatur einführte. 1779 erschien sein Gedicht „Die Braut von Korinth", das er selbst als Vampirgedicht bezeichnete. Gemeinsamkeiten finden wir später in Lord Byrons Gedichten. Lord Byron ist es auch, der zusammen mit seinem Leibarzt Polidori

den modernen Vampir erschaffen hat, so wie wir ihn heute kennen: Lord Ruthven, das Vorbild jenes Grafen Dracula, der es Ende des 19. Jahrhunderts zu einem sagenhaften Aufstieg gebracht hat.

 

Aber es war nicht nur die Literatur, die den Vampir zu einem Medienstar machte, es war vor allem das Theater. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war das Theater- und Opernpublikum geradezu begierig, sich diesem Sujet hinzugeben. Überliefert ist, dass bereits 1820 Lord Ruthven in Paris als „Le Vampir" zu Ruhm gelangte. Paris wurde zur heimlichen Hauptstadt der Vampire. Dies verdeutlicht ein Ausruf eines zeitgenössischen Kritikers, der damals schrieb: „Kein Theater in Paris ist ohne seinen Vampir". 1828 bemächtigte sich der Vampir der deutschen Bühnen. In Leipzig wurde die Oper „Der Vampir" aufgeführt. Die Musik stammte von Heinrich August Marschner, das Libretto von Wilhelm August Wohlbrück. Die Oper von Marschner, der übrigens Wagner stark beeinflusste, fußte auf der Geschichte von Lord Ruthven, genauso wie die zweite deutsche Oper, die ein halbes Jahr später in Stuttgart Premiere hatte. Sie hieß ebenfalls „Vampir". Anscheinend reichte das, um das Publikum anzulocken.

 

Auch Bram Stoker, der Autor von „Dracula", war ein Mann des Theaters. Er war der Sekretär von Henry Irving, des bekanntesten Shakespeare-Darstellers Englands zu seiner Zeit. Und es ist auch die Bühnenfassung, die den Roman weltbekannt gemacht hat und nicht umgekehrt. Stoker brachte bereits eine Theaterversion vor der Veröffentlichung seines Buches heraus, die allerdings viel zu lang und zu schwerfällig war. Hamilton Deane, Theater- und Schauspielermanager wie Stoker, kürzte die Bühnenfassung und brachte sie am 09. März 1925 im Wimbledon-Theater zur Aufführung. Es sollte eines der am längsten gespielten Stücke der englischen Theatergeschichte werden.

 

Die amerikanische Bearbeitung lief über ein Jahr am Broadway und ging dann über zwei Jahre auf eine Tournee durch Amerika, die alle Rekorde brach. Dort trat ein ungarischer Schauspieler auf, der in gebrochenem Englisch den Grafen Dracula so spielte, wie er in unserer Vorstellung lebt: Bela Lugosi im Abendanzug. Die geniale Idee, Dracula dieses berühmte Cape umzulegen, hatte zum einen dramaturgische Gründe, denn dieses Cape hatte durchaus Assoziation zur Fledermaus, aber auch praktische Gründe. Da der Graf nur abends auftrat, konnte er immer im Abendanzug erscheinen, denn das Umziehen war in Tournee-Theatern äußerst schwierig. Außerdem erleichterte der hohe Kragen des Capes das Verschwinden des Grafen von der Bühne: er wendet sich um, versteckt seinen Kopf und verschwindet durch eine Falltür. Das Cape fällt zu Boden, der Vampir hat sich in Luft aufgelöst.

 

Da diese Bühnenfassung zugleich die Vorlage des ersten Dracula-Films war, musste Graf Dracula auch im Film jenen Abendanzug tragen. Er ist ihm bis heute nicht entstiegen. Der Film wird ab den 30er Jahren die Rolle des Theaters übernehmen und jenen Vampir, den wir als Graf Dracula kennen, zum Synonym für alle Vampire machen.  Das  Fernsehen tat dann  ab  den  60er Jahren  sein  Übriges,  um die Verbreitung auf der ganzen Welt zu sichern.

 

Ein Beitrag für ReiseTravel von Hans Meurer.

 

Unser Autor, Hans Meurer, ist ein erfolgreicher Sachbuchautor und anerkannter Fachmann, hat bereits mehrere Bücher zum Thema „Vampire“ veröffentlicht, u. a. „Vampire, die Engel der Finsternis" (Eulen-Verlag). Der ambitionierte und renommierte Vampir-Mythenforscher folgt als Historiker, Psychologe und Philosoph den Spuren der Vampire in der Kulturgeschichte des Abendlandes.

 

Einen weiteren Beitrag über Dracula finden Sie hier:

www.reisetravel.eu – Reise – Reise Tipps – RO Bran – Zu Gast bei Dracula

 

 

 

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