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Meilenstein in der Filmgeschichte - „La teta asustada“
"Das ist für Peru, für unser Land" waren Claudia Llosas Worte, als sie bei der 59. Berlinale den Goldenen Bären für die Kategorie Bester Film entgegen nahm. Ihr Drama setzte sich unter 26 Konkurrenzfilmen vor der internationalen Jury durch. Der 94-minütige Film "La teta asustada" mit dem deutschen Titel "Milch des Leids" wurde einstimmig als Gewinner des Abends prämiert. Somit gewann die 32-jährige Regisseurin mit der ersten Teilname Perus an der Berlinale auf Anhieb die begehrte Trophäe.
Nach "Maedinusa" ist "La teta asustada" der zweite international erfolgreiche Spielfilm der italienisch-peruanischen Regisseurin. Die Nichte des famosen peruanischen Schriftstellers Mario Vargas Llosa heimste bereits für ihr Erstlingswerk 2006 den FIPRESCI-Preis des International Film Festival Rotterdam ein.
Bei der spanisch-peruanischen Filmproduktion ihres neuen Werkes war die Regisseurin auch für das Drehbuch verantwortlich, welches von den Folgeerscheinungen der bedrückenden Vergangenheit Perus erzählt. Der von 1980 bis 2000 mit äußerster Brutalität geführte Bürgerkrieg zwischen Regierungstruppen und Paramilitärs auf der einen und der maoistischen Guerilla-Organisation "Leuchtender Pfad" (Sendero Luminoso) auf der anderen Seite kostete mindestens 70 000 Menschen das Leben, ganz zu schweigen von unzähligen Vergewaltigungen, Entführungen und anderen Menschenrechtsverletzungen.
Genau hier setzt Claudia Llosa die Handlung ihres Preis gekrönten Filmes an. Sie reflektiert das Leben der jungen Fausta (Magaly Solier), die an einem Trauma des Jahre zurück liegenden Terrorsystems in Peru leidet. Ihre Mutter war während der Schwangerschaft zu Zeiten des Terrors vergewaltigt worden. Faustas Krankheit nennt sich "Milch des Leids". Nach einem Volksglauben übertragen die geschändeten Frauen ihr psychisches Leid über die Muttermilch an ihre Nachkommen. Die grausame Zeit des Terrorismus ist vorüber, doch Faustas Leben wird beherrscht von schrecklichen Ängsten, die im tiefsten Inneren ihrer Seele wohnen. Mit ihrer Mutter kommuniziert sie singend in Form von Klageliedern in Quechua (Sprache der indigenen Einwohner) meist über das widerfahrene Leid der Vergewaltigung. Zum Schutz vor unerwünschten Eindringlingen führt sich Fausta eine Kartoffel in ihre Vagina ein, die als eine Art Schutzschild dienen soll. Auf Grund des Todes ihrer Mutter und dem Wunsch ihr eine angemessene Beisetzung zu ermöglichen, beginnt die junge Frau als Hausangestellte bei einer reichen, hellhäutigen Pianistin zu arbeiten. In ihrer Anstellung ist Fausta gezwungen sich ihren Alltagsängsten und Panikattacken vor Männern zu stellen. Langsam aber fortschreitend beginnt für sie ein fruchtbarer Prozess der Veränderung, der sie aus ihrer einschränkenden Angst in die Freiheit führt.
Dieser Prozess der Befreiung dient stellvertretend als Metapher für die durch den Terrorismus geschändete Bevölkerung Perus. Wie viel Zeit benötigt ein von Terrorismus gezeichnetes Land samt seiner Gesellschaft um sich von den Folgen der brutalen Gewaltakte zu regenerieren? Faustas persönlicher Prozess der Veränderung symbolisiert den schwierigen Heilungsprozess, welcher mit den ernst zu nehmenden seelischen Erschütterungen der nachkommenden Generation zu kämpfen hat. "La teta asustada" ist durchzogen von starker bildlicher Ausdruckskraft, gefüllt mit statischen Momentaufnahmen und spärlichen Dialogen. Zum Ausdruck ihres Leids dient Fausta vor allem ihr Gesang. Von Authentizität geprägt sind die Szenen fernab von den reichen touristischen Vierteln Limas, in den von Armut gezeichneten Slums (pueblos jovenes). Claudia Llosa gelingt es den Alltag der sozial Schwächsten auch mit feinem Humor zu umrahmen und schafft es dadurch dem Publikum auch den einen oder anderen Schmunzler abzuverlangen.
Rund 55.000 Zuschauer lockte der Preis gekrönte Spielfilm bereits am ersten Wochenende nach seiner Premiere in Perus Kinosäle. Überglücklich über diese starke Resonanz ihrer Landsleute bedankte sich die Regisseurin bei ihrem Publikum via eines Telefongespräches aus Spanien. Sie meinte, die hohe Besucherzahl wäre durchaus eine plausible Begründung um den Film an mehreren Film Festspielen partizipieren zu lassen. Llosa ermöglichte somit ihrem bis dato in der internationalen Filmindustrie eher unbekannten Heimatland weltweite Aufmerksamkeit. Demzufolge hat sie den ersten Meilenstein in der für weitere interessante, nachkommende Filmprojekte in der peruanischen Filmbranche gelegt. Die erfolgreiche Produzentin betrachet die gegenwärtige Situation der Branche mit großem Enthusiasmus. Nationale Kollegen und Schauspieler werden durch Llosas Produktion ermutigt sich ihrerseits an große Projekte zu wagen.
Zusammenfassend lässt sich behaupten, dass Claudia Llosa mit "La teta asustada" ein Geniestreich gelungen ist. Um die Aussagekraft des Filmes richtig interpretieren zu können, erfordert es allerdings ein wenig Vorwissen über die terroristische Vergangenheit Perus. Das Drama vermittelt zudem ein realistisches und unverfälschtes Bild des Alltags in den Armenvierteln des Landes. Zu Recht brachte "La teta asustada" den "Goldenen Bären" 2009 nach Peru.
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Ein Beitrag für ReiseTravel von Sandra Wolf.
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