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Traditionsreiche Akrobatik - die Scherentänzer aus dem Hochland
Begleitet von Harfen- und Geigenmusik vollführen die Scherentänzer, die so genannten dansak oder danzaq, ihre akrobatischen Darbietungen, während die Scheren in ihren Händen unentwegt klirren und der Aufführung somit einen unverwechselbaren Klang verleihen. Im Takt der Musik zeigen sie gymnastische Sprünge und außergewöhnliche körperliche Fähigkeiten, die in der Tat zu der Annahme verleiten, die Tänzer seien von einer übernatürlichen Macht gesteuert. Abwechselnd zeigen sie in ihren bunten Trachten ihr Können und versuchen sich dabei in einer Art Duell oder Wettkampf, dem Atipanakuy, gegenseitig zu übertreffen und als lebende Beispiele für Körperbeherrschung ihre Geschicklichkeit unter Beweis zu stellen. Aber woher stammt eigentlich dieser von einer magischen Aura umgebene Tanz, der als eindrucksvollster der peruanischen Anden gilt und seit Neuestem so populär ist? 
Die Danzas de Tijeras - auf Deutsch "Scherentänze" - werden seit Hunderten von Jahren als komplexe mehrtägige Rituale im südlichen Andenhochland Perus getanzt, in Huancavelica, Apurímac, Ayacucho, Huancayo und einem Teil Arequipas. In dieser Region lehnte sich einst die kriegerische Chanca-Kultur gegen die spanische Kolonialmacht auf. Bei den Chanca genossen die Scherentänzer ein hohes Ansehen und wurden als eine Art Priester verehrt. Als die Eroberer die erstaunlichen magischen Fähigkeiten der Tänzer sahen, glaubten sie an einen Pakt mit dem Teufel. Sie nannten die Scherentänzer daher Supaypa wawan, "Söhne des Teufels" und den Tanz entsprechend Supay Wasi Tusak, "Tanz im Hause des Teufels". Trotz Verfolgung und Hinrichtung zahlreicher "heidnischer" Scherentänzer gelang es den Spaniern nicht, die andine Weltanschauung und Mythologie auszulöschen. Sie akzeptierten sie schließlich als Teil der Gesellschaft unter der Bedingung, dass die Tänze von nun an dem Gott der Christen zu Ehren stattfinden würden. Daher rührt auch der spanische Einfluss auf den Tanz, vor Allem was die Kleidung angeht. Als Imitationen der leuchtenden Militäruniformen wurden bunte Stickereien und Verzierungen der Trachten zum Markenzeichen der Scherentänzer. Diese ließen sich jedoch nicht unterdrücken und feiern seither den Karfreitag eines jeden Jahres als den Todestag des Gottes ihrer Eroberer, an dem die alten Götter der Inka zurückkehrten, um die andine Welt zu regieren. Die Scherentänzer kommen auf den Hauptplätzen in den Dörfern zusammen und tanzen. Als die andinen Gottheiten wieder zum Leben erwachten und sich vereinten, um den Gott der Christen zu bekämpfen, wurden sie ihrer Ansicht nach in Männern wiedergeboren, welche in tief greifender Ekstase tanzten und übernatürliche Kräfte erhielten. Dies erlaubte ihnen, großartige übermenschliche Leistungen zu vollbringen und dem Schmerz zu widerstehen. Die Indigenen glauben daran, dass die Tänzer bei ihren Darbietungen dazu in der Lage sind, mit den alten Berggöttern, den Apus Wamani, zu kommunizieren, mit denen sie einen Pakt haben und die sie als Gegenleistung für ihr Leben begleiten und beschützen.
In den Anden werden die Fähigkeiten von Generation zu Generation weitergegeben, so dass die Scherentänze immer noch den alten Traditionen gemäß aufgeführt werden. Die Tänzer verwenden keine richtigen Scheren, sondern zwei dünne, circa 25 cm lange und 400 g schwere unverbundene Metallplatten, welche zusammen gehalten die Form einer Schere ergeben und in der rechten Hand gehalten werden. Der Handschuh dient nicht etwa dazu Verletzungen vorzubeugen, durch die Wolle soll vielmehr ein besserer Klang erzielt werden. Auch ist das magische Spektakel des Hochlandes zuweilen nichts für Nervenschwache: die Tänzer essen beispielsweise lebendige Frösche, durchbohren ihr Gesicht mit Metalldrähten, schlucken Schwerter, ziehen sich Schnüre durch Mund und Nase, stechen sich Kaktusstacheln in den Körper, laufen über zerbrochene Glasscheiben oder klettern hohe Kirchtürme hinauf, an denen sie sich aufhängen. Nicht umsonst heißen diese Teile des Tanzes pruebas de sangre ("blutige Prüfungen"). Solche wagemutigen Kunststücke entfallen in den touristischen Darbietungen jedoch in der Regel.
Nachdem er Mitte des 20. Jahrhunderts aus den Provinzen auch nach Lima gebracht wurde, verwandelte sich der rituelle Tanz des Hochlandes dort in einen kommerziellen Festtanz und ein weniger makaberes Kunst-Spektakel, das sich immer größerer Beliebtheit erfreut und schließlich in den 1960er Jahren vom Nationalen Kulturinstitut (INC) zum Kulturerbe Perus erklärt wurde.
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Ein Beitrag für ReiseTravel von Sandra Wolf
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