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Lima

Besuch in Limas Totenreich

Nachts bei Finsternis, nur vom schwachen Schein einer Fackel begleitet durch gruselige Friedhöfe schleichen? Dieser Gedanke könnte bei so manchen etwas mulmige Gefühlszustände hervorrufen. Was nach einem Angst einflößenden Spukabenteuer aus Michael Jacksons Horrorhit "Thriller" klingt, ist in Lima längst zur begehrten Touristenattraktion geworden: Nachtführungen durch das Reich der Toten im gigantischen Friedhof von Perus Hauptstadt. Jeden zweiten und letzten Donnerstag im Monat ist es so weit und die Pforten der nebulösen Ruhestätte werden für die tapferen Nachtschwärmer geöffnet.

Lima ist neben Santiago de Chile und Barcelona die dritte Stadt, welche okkulte Nachtbesuche durch ihre Totengemäuer offeriert. Nur 17 Blöcke vom Hauptplatz "Plaza der Armas" entfernt, erhebt sich im Distrikt "La Victoria" der wichtigste Friedhof Lateinamerikas Presbítero Maestro. Nach nur einem Jahr Bauzeit unter der Führung des Priesters Matías Maestro und dem Befehlshaber Virrey Abascal wurde die Ruhestätte am 31. Mai 1808 eingeweiht und feierte letztes Jahr seinen Geburtstag vor genau 200 Jahren. Nach seiner Fertigstellung war es nur Persönlichkeiten gehobeneren Gesellschaftsschichten gestattet in seinem Inneren die letzte Ruhe zu finden. Vor den religiösen Begräbniszeremonien wurden die Leichname in Kutschen von einem riesigen Trauerzug begleitet von der Plaza de Armas Richtung Friedhof überführt. Damals sollte die Größe des Pferdegespanns vor der Kutsche auf die bedeutungsvolle Ranghöhe des Verstorbenen hinweisen: je größer die Anzahl der Pferde, desto wichtiger die Person. Später war es auch den restlichen Peruanern gewährt ihre Seelen im nationalen Friedhof ruhen zu lassen.

Heute befinden sich auf der 24 Hektar großen Totenkluft insgesamt 351 Totenquartiere, 766 Mausoleen und zahlreiche Skulpturen, welche von europäischen Bildhauern wie Santo Varni, Pietro Costa und Antonio Mercie konstruiert wurden. Sechs Tore gewähren Eintritt zu den Grabplätzen von circa 220 Millionen Dahingegangener. Stellt sich nur die Frage: wie kann sich eine mystische Grabstätte in eine populäre und nächtliche Touristenattraktion verwandeln? Möglicherweise durch seinen Reichtum an kulturellem Erbe. Immerhin ruhen hier ehemalige Präsidenten, Literaten, Künstler, Helden sowie famose Persönlichkeiten der vergangenen peruanischen Kultur. Auf Grund dessen wurde Presberíto Maestro 1972 zum Nationalheiligtum deklariert und 1993 in das Netzwerk der Nationalmuseen des Staates Peru aufgenommen. Die ICOM-PERU (Internationaler Rat der Museen in Peru) wählte ihn 1999 als bedeutendsten Ort in Lateinamerika für seine wichtigen Skulpturen aus dem 19. Jahrhundert.

Dies alles könnten Gründe sein, weswegen sich jeden Monat circa 200 Wissbegierige den düsteren Rundgängen anschließen. Jede Tour streift ein unterschiedliches und vorher publiziertes Thema, welches die Gruppe durch die Nacht begleitet. Im Jahr 2002 wurde die erste Tour mit angezündeten Fackeln unter dem Titel "Noche de Luna Llena" (Nacht des Vollmondes) realisiert und hat sich seit dem als interessante und mystische Nachtaktivität positioniert. An Stelle von gespenstischen Spukgeschichten lassen Historiker und Museums-Experten die nationale Geschichte wieder auferstehen und berichten über wichtige Berühmtheiten, die sich an diesem Ort ausruhen. Der nächtliche Trip startet am Tor Nummer vier, welches die Besucher zum historischsten Part des Friedhofes zulässt. Nach dem Eintritt bietet sich den Teilnehmern ein imposanter Ausblick auf die kunstvoll erbauten Mausoleen und Grabstätten, welche von den Großstadtlichtern ein wenig erhellt werden. Seitlich des Hauptweges erheben sich Meter hohe weiße Wände, die nach Sterbejahren angeordnet den Pfad entlang verlaufen. Sowohl an der Hinter- als auch an der Vorderseite dieser Bauten sind kleine Fensterchen eingemauert, welche Namen, Geburts- und Sterbejahr der Toten aufweisen und deren Urne im Inneren verschließen. Entlang des Mittelweges wachen engelhafte Statuen und Heiligenfiguren, welche wie die Beschützer der Toten erscheinen. Der eindrucksvollste Teil des riesigen Friedhofes ist der Heldenbereich. Die pompöse und prunkvolle Heldenkapelle beherbergt die wichtigsten Persönlichkeiten der vergangenen Kriege. Hier befinden sich die mächtigen Steinsärge des Ex-Präsidenten Oskar Benavides, des Erschaffers der Gesetze "Tradiciones Peruanas" Ricardo Palma, des Nationalhelden des Salpeterkrieges und Patron des peruanischen Heeres Francisco Bolognesi, des Heeresführers oder besser bekannt als "Ritter der Meere" im Pazifik-Krieg Miguel Grau sowie Andrés Cáceres, welcher General im Salpeterkrieg und zweifacher peruanischer Präsident gewesen ist. Wandert man im Inneren des Gotteshauses einen Stock tiefer, findet man dort zahlreiche Totenschreine von sowohl Soldaten als auch Frauen und Kindern, welche als gefallene Nationalhelden in Erinnerungen weiterleben. Außerhalb der Kapelle sollte man bei Interesse an der peruanischen Literatur auf keinen Fall versäumen die Gräber von Ciro Alegría, Jose Santos Chocano sowie Abraham Valdelomar, Manuel Gonzalez Prada und anderen Exponenten zu besichtigen.

Noche de Luna Llena ist wie eine Abenteuerreise zurück in die Vergangenheit, welche die Toten zumindest für eine Nacht wieder aufleben lässt.

 

Wussten Sie, ...

 

...dass es im 17. Jahrhundert in Lima keine Friedhöfe gab und deswegen circa 25.000 Tote unter jeder Kirche begraben wurden?

 

Kontakt

 

PERULINE
Postfach 1323, D-94003 Passau
Tel.  +49 (0851) 756 56 44, Fax. +49 (0851) 756 56 51, callcenter@peruline.de

www.peruline.de

 

Ein Beitrag für ReiseTravel von Sandra Wolf

 

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