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Hamburg

Stelldichein der Prototypen

Wo es nach Benzin und Auspuffgasen stinken sollte, nach abgeriebenem Reifengummi oder wenigstens ein bisschen nach heißgelaufenen Bremsen, riecht es nach Bohnerwachs. Bis zum letzten Moment haben die Putzkolonnen die hellen Böden in Hamburgs jüngstem Showroom poliert. ReiseTravel war dabei, als das neuartige Automobilmuseum Prototyp (www.prototyp-hamburg.de ) eröffnet wurde. „Wir wollen den Sprung von der doppelten Nockenwelle zur Verbindung von Automobil und Kultur schaffen“, sagt Martin Schröder, Kurator der Ausstellung „Prototyp – Personen. Kraft. Wagen.“

 

Träume aus Chrom und Rost in Hamburgs HafenCity

In der HafenCity Hamburg - Shanghaiallee 7 - haben Oliver Schmidt (rechts) und Thomas König ein neuartiges Automobilmuseum eröffnet

 

Prototyp – die Köpfe dahinter. Es war ein Lebenstraum, den sie mit Energie und Ausdauer verfolgten. Doch jetzt, nach gut 15 Jahren, müssen Oliver Schmidt (34) und Thomas König (36) einsehen, dass sie ihre großen Pläne, genau genommen verfehlt haben. „1992 beschlossen wir: „Als 30-jährige setzen wir uns große Zylinder auf und genießen ein komfortables Dasein als Museumsdirektoren“, erzählt Oliver Schmidt. Tatsächlich brauchten die beiden Liebhaber historischer Automobile aus Hamburgs Elbvororten fünf Jahre länger – und korrigierten ihr Berufsziel während dieser Zeit grundlegend. Zum Glück.

 

Denn das, was die Besucher der Sammlung Prototyp seit April endlich bewundern dürfen, hat mit konventioneller Präsentation von Kultur nichts zu tun. „Statische Exponate, ängstlich abgesperrt, technische Daten auf nüchternen Erklärungstafeln, gar noch mit zeitgemäß bekleideten Schaufensterpuppen garniert: Diese langweilige Art der Präsentation haben unsere technischen Kunstwerke nicht verdient, und das Publikum schon gar nicht“, sagen die Initiatoren heute.

Vielmehr lässt jedes Ausstellungsstück – wie auch das Ambiente insgesamt – eindrucksvoll den Atem der Epoche spüren, in der automobiler Pioniergeist noch Persönlichkeiten prägte. „Wir fühlen uns inzwischen dazu verpflichtet, nicht nur Siegerfahrzeuge legendärer Rennen zu zeigen, sondern auch Personen vor der Vergessenheit zu bewahren und die unvergleichliche Atmosphäre jener Tage zu vermitteln“, präzisiert Oliver Schmidt den Anspruch.

 

Aus dem Wrack eines Porsche 356 wurde ein bildschöner Oldtimer

 

Dieser Anspruch offenbart einen Perfektionsdrang, der sich erst allmählich entwickelte. „Den Anfang machten wir mit einem völlig vergammelten VW Kübelwagen für 500  Mark – und allen Fehlern und Sünden, die 118-jährige mit ihrem ersten Auto begehen“, weiß Thomas König heute. Es folgte das Wrack eines Porsche 356 von 1960, das sich die Freunde durch Studentenjobs erarbeiteten, „und damit der erste Schritt zur automobilen Reife.“ Ehrensache, dass Oliver Schmidt und Thomas König den geschundenen Klassiker eigenhändig wiederbelebten. Und das er heute, zur Perfektion restauriert, einen besonderen Platz in der jungen Sammlung automobiler Preziosen einnimmt.

 

Mit dem wachsenden Bestand historischer Renn- und Sportwagen – darunter einige Unikate – wandelte sich die Sichtweise der Sammler: Erst empfanden sie jede ihrer Erwerbungen als ästhetisch verfeinertes Zweckgerät seiner Ära, heute verstehen sie sie im Kontext mit ihrer teils einzigartigen  Vita als Unikate der Technikgeschichte, ja, auch der Kunstgeschichte. Seit 1998 ergänzt ein offizielles Verwandtschaftsverhältnis die Freundschaft beider Partner – Thomas König heiratete Schmidts Schwester. „Mittlerweile fühlen wir uns selbst schon wie ein altes Ehepaar“, ulken die verschwägerten Sammler. Damit meinen sie die Arrangements bei kontroversen Kleinigkeiten genauso wie ihren langjährigen Paarlauf in Richtung des großen Ziels Prototyp.

 

Heute leiten Diplomkaufmann Oliver Schmidt und der diplomierte Architekt Thomas König das Unternehmen König Haus, das sich schwerpunktmäßig mit Projektentwicklung befasst. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Der Schwerpunkt ist die Sanierung denkmalgeschützter Gebäude, also die Kultivierung eines klassischen Ambientes für den Stil und die Lebensart der Gegenwart. Eine Aufgabe, die sich beide mit geschultem Fingerspitzengefühl stellen. Nach jahrelanger Sanierung erstrahlt das alte Fabrikgebäude in der HafenCity der Hansestadt jetzt heller denn je zuvor. Mit dem Zapfenstreich der letzten Handwerker bezogen die ersten 40 der rund 50 Objekte umfassenden Sammlung aus Automobilen, Motoren und Modellen ihr neues Zuhause. Jetzt bietet sich dem Besucher eine phonetische Melange aus Streckensprecher und Motorengebrüll, durchsetzt mit dem Odeur von Rhizinusöl und Reifenabrieb – ist dies ein Museum? Genauso wenig, wie die Direktoren Zylinder tragen.                      

 

Ein Beitrag für ReiseTravel von Ludwig Mario Niedermeier/MN-InfoText.

 

 

 

 

 

 

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