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Gletsch

Ohne Kohle kein Dampf

Eisenbahn auf der Furka-Bergstrecke wiedereröffnet: Fast dreißig Jahre lang lag die Furka-Bahn, die Andermatt im Kanton Uri mit Gletsch im Kanton Wallis miteinander verbindet, im Dornröschenschlaf. In verschiedenen Bauabschnitten ist die Strecke vorbei am Rhone-Gletscher jetzt wieder unter Dampf genommen worden – sehr zur Freude der Freunde nostalgischer Bahntouren. Damit ist die nach der Fertigstellung  des Basistunnels im Jahr 1981 stillgelegte und 17,8 km lange Bergstrecke zwischen Realp (Uri) und Oberwald (Wallis) endlich wieder in Betrieb. Lange galt die Wiederbelebung der Furka-Bergstrecke nämlich als unmöglich.

 

Zum ersten Mal rollt die blumengeschmückte Furka-Bergbahn wieder von Oberwald nach Furka

 

Bereits 1914 haben die ersten Dampfzüge der Bahngesellschaft Brig – Furka – Disentis (BFD) von Brig aus entlang der jungen Rhone den Bahnhof Gletsch erreicht. Unter der neuen Gesellschaft Furka-Oberalp-Bahn ist die Strecke bis Disentis verlängert und 1926 in Betrieb genommen worden, womit die Verbindung zur Rhätischen Bahn hergestellt war. Im Jahre 1942 ist diese hochalpine Strecke im schwierigen Gelände elektrifiziert worden. Die nachfolgenden Elektrolokomotiven waren bis zum Jahr 1981 im Einsatz. Dann war der Basistunnel durch den Berg fertig. Der Furka-Pass hatte seine Bedeutung verloren.

Die Schweizer Dampfrösser fanden in Vietnam bis 1990 eine neue Heimat. Die Dampfloks HG 3/4 1 „Furkahorn“ und 9 „Gletscherhorn“ fuhren bis 1975 auf der Strecke Tháp Chám-Dá Lat. Vor zwanzig Jahren wurden die 42 Tonnen schweren, nicht mehr betriebsfähigen 600-PS starken  Lokomotiven in die Schweiz zurückgeholt. Nach umfangreichen Rekonstruktionsarbeiten dampfen sie seit 1993 wieder an der Furka.

Derzeit stehen außerdem die ölgefeuerte HG 2/3 „Breithorn“ sowie die HG 3/4 4 als Leihgaben der MGBahn im Einsatz. Die Dampflok HG 2/3 6 „Weisshorn“ verkehrte ab 1902 zwischen Visp und Zermatt. Von 1941 bis 1975 diente sie als Werkslokomotive bei der chemischen Fabrik in Ems (GR); dann zierte sie in Chur einen Schulhausplatz. 1989 restauriert, fährt sie seit 1992 auf der DFB. Diese drei einzigartigen Lokomotiven (Höchstgeschwindigkeit 30 km/h) sind von der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik (SLM) in Winterthur  hergestellt worden.

Allerdings kann die Strecke zwischen Oberwald (VS) und Realp (UR) wegen der extremen Klimabedingungen stets nur während des Sommers (Juni bis September) betrieben werden. So hat die Furka-Oberalp-Bahn zwischen diese beiden Orten den Furka-Basistunnel gebaut, der 1982 eingeweiht worden ist. Die alte Bergstrecke wurde aufgegeben und der Abbruch war beschlossene Sache - zum Leidwesen vieler Eisenbahn-Liebhaber.

Diese träumten fortan von Dampfwolken und dem Stampfen der Antriebsräder. Auch der doppelsinnige Spruch „Dampf braucht Kohle“ stammt von den Eisenbahnfreunden. 1983 haben sie einen Verein zur Rettung der Furka-Bergstrecke (VFB), danach eine Aktiengesellschaft und 2005 die Stiftung Furka-Bergstrecke verwirklicht. Inzwischen hat die AG durch Liebhaber-Aktien soviel Kapital zusammengebracht, das Strecke und Züge seit August dieses Jahres wieder im touristischen Einsatz sein können.

 

Unterwegs im Trimm-Trab-Tempo, aber Blumenpflücken während der Fahrt verboten: Die schnaubende Dampflokomotive auf dem Weg nach Furka

 

11 000 Aktionäre, 7800 VFB-Mitglieder in 12 schweizerischen und 11 ausländischen Sektionen widmen sich mittlerweile dem Frondienst, der Mittelbeschaffung und der Werbung. Von wenigen Führungs- und Schlüsselstellen ausgenommen werden alle Funktionen von Freiwilligen ausgeübt. An der Furka, in den Werkstätten (Chur, Realp, Goldau, Aarau) und in den administrativen Sektoren sind 700 Freiwillige tätig.

Mit wenig Geld wurde begonnen, Strecke und Fahrzeuge zu sanieren. Schrittweise gelang die Wiederherstellung der Strecke bis Gletsch, das Ende des 19. Jahrhunderts zum bedeutenden alpinen Knotenpunkt mit Verbindungen nach Brig, Andermatt und Meiringen wurde. Der Glacier-Express machte die Station Gletsch zwischen 1930 und 1981 weltberühmt.

Anfang der Neunzigerjahre hatten einige Eisenbahnfreunde die nach Fernost verkauften Dampflokomotiven schon an ihren Ursprungsort, in die Schweiz, zurückgebracht. 1992: Wiedereröffnung der Strecke Realp – Tiefenbach und schon ein Jahr später dampften die Züge bis zur Station Furka. Die Vollendung der historischen Verbindung über den Furkapass gelang im August dieses Jahres. Mit dem Erreichen von Oberwald wird der Traum der Eisenbahn-Enthusiasten erfüllt. Die Aufgaben bei Betrieb und Unterhalt werden stark wachsen und die Freiwilligen-Organisation dementsprechend fordern.

Nur im Sommer ist eine Fahrt mit der nostalgischen Furka-Dampfbahn von Realp nach Gletsch möglich und ein unvergessliches Erlebnis. Am 12. August wurde der letzte Streckenabschnitt zwischen Gletsch und Oberwald feierlich wiedereröffnet. Wegen der fast siebenmonatigen Winterpause und den anschließend jeweils nötigen Aufräumarbeiten ist der Pass-Betrieb sehr aufwendig.

Derzeit stehen für den Betrieb der Strecke Realp (1538 m) – Tiefenbach (1846 m) – Furka (2160 m) – Muttbach-Belvéderé (2118 m) - Gletsch (1757 m) vier Dampflokomotiven, acht Reisezugwagen sowie vier Aussichtsagen bereit. Eine kleine Diesellok und drei kleine Bahndienst-Traktoren sowie 32 Güter- und Dienstwagen dienen dem Unterhalt der Strecke.

Ein besonderes Erlebnis ist die Fahrt mit der alten Furkabahn. Bevor die Fahrt losgehen kann, müssen die Loks rund fünf bis sechs Stunden vorgeheizt werden. Um einen vollbesetzten Zug mit 60 Tonnen Anhängelast von Realp nach Gletsch zu befördern, verbrauchen die Loks Nr. 1 und 9 rund 700 kg Kohle und 3000 Liter Wasser; etwas weniger „Hunger“ und „Durst“ hat die Lok Nr. 6, allerdings mit weniger Zugkraft, die „nur“ 400 kg Kohle und 2000 Liter Wasser schluckt.

Im Trimm-Trab-Tempo rollt der kurze, fast hundert Jahre alte Zug aus der 1757 Meter hoch gelegenen Ostwalliser Ortschaft Gletsch bergauf: Der Blick aus dem restaurierten, holzvertäfelten Abteil gibt den Blick frei auf das betonfarbene Wasser der Rhone, die hier dem gleichnamigen Gletscher entspringt. Oberhalb der Zugstrecke flitzen Motorräder und Autos über den Furkapass.

 

Ein historisches Foto zeigt den Rhone-Gletscher vor 50 Jahren  und . . .

 

Als die Furkabahn 1913 das erste Mal auf derselben Strecke in diese wilde hochalpine Region vordrang, dort, wo die europäische Nord-Süd-Wasserscheide verläuft, konnten die Passagiere noch direkt auf die eisige Zunge des Rhone-Gletschers blicken. Seither hat sich das Eis auf dem Massiv des fast 3 600 Meter hohen Berges Dammastock um rund 1,5 Kilometer zurückgezogen – und schmilzt immer schneller.

Auf dem Lokführerstand schippen Männer Steinkohle in die Brennkammer, damit sich der Zug mit der Kraft des Wasserdampfs knapp 13 Kilometer über den 2436 Meter hohen Scheitelpunkt des Furkapasses bis zur Endstation Realp bewegen kann. Verbrauch pro Fahrt: zwei Zentner Kohle.

Nicht nur frische Alpenluft, sondern auch der Kohlegeruch steigt in die Nase. „Das ist authentisch“ sagt Paul Güdel, Marketingchef bei der Dampfbahn Furka-Bergstrecke AG. „Die Emissionen der Bahn sind vergleichsweise geringfügig.“

Eisenbahn-Nostalgiker wie ihn fasziniert es, die restaurierten Lokomotiven und Waggons auf der historischen Strecke in Betrieb zu halten. Die langsame Fahrt mit der Furka-Bergbahn – ein durchaus spektakuläres, vornehmlich touristisches Angebot – ist eine Reise in die Vergangenheit und Zukunft zugleich.

 

. . . ein aktuelles Foto zeigt, wie weit sich das Gletschereis durch den Klimawandel schon zurückgezogen hat

 

Zu den Höhepunkten der insgesamt 18 Kilometer langen Trasse zählt die Klappbrücke über den reißenden Steffen-Bach. Wenn im Winter akute Lawinengefahr droht, kann diese Stahlkonstruktion zusammengefaltet werden. Der Mechanismus gilt weltweit als einzigartig. Beim Ort Steintafel rollt die Bahn über ein altes, in sechs Bögen gemauertes Viadukt auf die andere Talseite. Keine Stunde dauert die Tour zur Kreuzungsstation Furka auf einer Höhe von 2160 Meter. Dort verschluckt der Berg die Schienen. Der Zug überquert im 1874 Meter langen Scheiteltunnel die Grenze zum Wallis.

Hinter dem Tunnel geht es schon wieder bergab. Ein Zahnstangengleis führt das Stahlross sicher hinunter. Bei der Station Muttbach können die Reisenden den Rhone-Gletscher, den fünftgrößten Gletscher der Schweiz, auch von innen sehen. Ins Eis wird jedes Jahr eine neue Grotte geschlagen. Am Ende des Fußgängertunnels wartet ein “Amigne“, der weiße Gletscherwein, auf die Besucher. Die Rechte an dieser touristischen Nutzung des Gletschers haben sich die Besitzer des historischen Hotels „Belvéderé“ gesichert. Das Haus am Furka-Pass wurde 1893 gebaut.

Auf vielfachen Wunsch der Reiseveranstalter offeriert die Dampfbahn Furka-Bergstrecke im Sommer 2011 erstmals die Möglichkeit einer 30 minütigen Kurzreise zwischen Oberwald und Gletsch.              

 

Information und Buchung

Dampfbahn Furka-Bergstrecke AG, Sekretariat, Postfach 141, CH-6490 Andermatt, www.dfb.ch, reisedienst@dfb.ch, Telefon +41/848 000 144 oder +41/556 193 039; Reservierungsstelle Deutschland: gruppenreisen@railaway.com; Railaway GmbH, Stammheimer Strasse 10, D-70806 Kornwestheim, Telefon 0711 230 80 10.

 

Buchtipp: ReiseTravel empfiehlt

 

Erlebnis Furka-Bergstrecke

 

Beat Moser – Peter Krebs, 208 Seiten, 220 vierfarbige Abbildungen, Text durchgehend in Deutsch und Französisch, Leinen mit Schutzumschlag, Format 21 x 27 cm, AS Verlag & Buchkonzept AG, Zürich, ISBN 978-3-909111-71-8. 

 

Das Buch kostet 36,50 Euro

 

 

Ein Beitrag für ReiseTravel von Ludwig Mario Niedermeier/MN-InfoText.

 

Ludwig Mario Niedermeier stellt für ReiseTravel exklusiv aus aller Welt interessante Orte vor, Orte, die zu jeder Zeit besuchenswert sind.

 

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