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„Schöne Helena" unter Volldampf
Der Geruch von altem Schmieröl und verbrannter Kohle liegt in der Luft. Besucher wähnen sich in einer anderen Zeit, wandeln mit leuchtenden Augen über das Gelände, möchten am liebsten alles anfassen. Betagtere Erwachsene fühlen sich plötzlich ganz jung und Kinder mächtig groß. Jedes Jahr in den ersten Maitagen treffen sich zehntausende Fans aus aller Welt bei der dreitägigen Dampflokparade in Wolsztyn (Wollstein). Die Kleinstadt liegt in der westpolnischen Woiwodschaft Wielkopolska (Großpolen), einer Region, die Eisenbahnfreunden geradezu paradiesische Verhältnisse bietet.
Das Dampflok-Zeitalter ist in Wielkopolska nicht nur Geschichte, sondern auch
Gegenwart. So verkehrt jeden Tag zwischen der Kleinstadt Wolsztyn und der Woiwodschafts-Hauptstadt Poznan (Posen) noch ein Dampfzug. Zweimal täglich kann man in beide Richtungen fahren und zum Preis einer normalen Fahrkarte das Retro-Feeling erleben. An besonderen Tagen zieht die „Pikna Helena", die „Schöne Helena" den Zug. Sie wurde in den 1930er Jahren gebaut und gilt mit Spitzengeschwindigkeiten von 130 km/h als die schnellste Dampflok Polens.
Auch zahlreiche andere Sonderzüge verkehren in der Region: zum Beispiel der „Blues-Express". Weil der Blues ganz hervorragend mit den Geräuschen der Dampflok harmoniert, treten Musiker bei dieser Sonderfahrt im Zug und auf den Bahnhöfen auf. An der Endstation Zakrzewo treffen sich die Fans zu einer Blues-Nacht, bevor der Zug am frühen Morgen wieder nach Poznan zurückkehrt.
Auch Freunde der Schmalspurbahnen kommen in der Region auf ihre Kosten: Die Züge verkehren meist in den Sommermonaten, zum Beispiel von Gniezno, der ersten Hauptstadt Polens, ins 30 Kilometer entfernte Dorf Anastazewo. Drei Stunden braucht der Zug, der mit zehn Kilometern pro Stunde an malerischen Dörfern und einem schönen See vorbei fährt. Wahre Eisenbahnfreunde können dieses Erlebnis noch ausdehnen, denn einmal im Jahr gibt es auch eine zwölfstündige Sonderfahrt auf dieser Strecke - mit allerlei Sondereinlagen unterwegs. Schon um 4 Uhr früh sind die ersten Fahrgäste beim Anheizen der Dampflok mit dabei.
Wer nicht mit anderen teilen möchte, kann sich auch einen ganzen Zug mieten. Wahlweise eine Dampflok mit Waggons für die Normalstrecke oder eine Schmalspurbahn. In den Museumswaggons der Schmalspurbahn von Gniezno kann man beispielsweise eine außergewöhnliche Hochzeit, Geburtstags- oder Firmenfeier mit bis zu 250 Gästen arrangieren. Eisenbahnfans können sich sogar ihren größten Wunsch seit Kindertagen in der polnischen Region erfüllen: einmal selber Lokführer sein. Bei der Schmalspurbahn von Smigiel kann man im Lokführerstand mitfahren und lernt unterwegs, wie man eine Dampf- oder Diesellok steuert. Das Bahnbetriebswerk in Wolsztyn bietet ebenfalls Mitfahrten auf dem Führerstand an. Die Mitreisenden erfahren, wie die Dampflok funktioniert und dürfen dem Lokführer beim Kohleschaufeln helfen. Das Bahnbetriebswerk organisiert wöchentlich solche Kurse für Dampflokfans aus aller Welt - sie sind allerdings schon bis 2010 vorgebucht.
Statt auf Kohle und Diesel kann man in der Region auch auf die eigene Muskelkraft setzen. Draisinenfahrten auf ausrangierten Bahngleisen werden in den Orten Biezyri, Grodzisk und Sroda Wielkopolska auf unterschiedlich langen Strecken angeboten. Einige der Fahrzeuge stehen unter Denkmalschutz, so wie die 90 Jahre alte „Pikna Ela", die „Schöne Ela" aus Grodzisk. Seit einigen Jahren messen sich Fans der Handdraisinen bei einem sportlichen Wettkampf im August. Vier Mannschaften müssen dabei in verschiedenen Disziplinen gegeneinander antreten.
Neben den Fahrzeugen verdienen auch die Anlagen eine besondere Aufmerksamkeit. Viele Bahnhöfe in Wielkopolska stammen noch aus dem 19. Jahrhundert. Damals war Polen von der politischen Landkarte Europas getilgt und die Region gehörte zu Preußen. Viele Anlagen aus dieser Zeit stehen heute unter Denkmalschutz. Interessant ist zum Beispiel der 1895 errichtete Bahnhof in Bialosliwie, weil dort normal- und schmalspurige Gleise miteinander verflochten sind. Rund 60 verschiedene Fahrzeuge aus mehr als 100 Jahren Eisenbahngeschichte werden dort in einem Eisenbahnmuseum ausgestellt. Andere sehenswerte Gebäude und Fahrzeugausstellungen findet man beispielsweise in Gniezno, Smigiel oder Grodzisk. Einen Blick in vergangene Jahrzehnte erlaubt die Firma Interlok in Pila (Schneidemühl) interessierten Eisenbahnfreunden. Mit historischem Werkzeug werden dort Dampfloks erneuert sowie Hand- und Fahrraddraisinen nach alten Plänen neu gebaut.
Wichtigster Besichtigungspunkt für Eisenbahnfans ist das mehr als 100 Jahre alte Bahnbetriebswerk in Wolsztyn. Es gibt dort ein kleines Museum und eine beeindruckende Sammlung von 28 historischen Dampfloks. Die Anlagen und Werkstätten aus dem frühen 20. Jahrhundert werden bis heute im täglichen Betrieb genutzt. Fachkundige Führungen werden dort organisiert. Für 35 Zloty, umgerechnet etwa zehn Euro pro Person, kann man auch im Bahnbetriebswerk übernachten und wird morgens vom Pfeifen der ersten Dampflok geweckt, die von der riesigen Drehscheibe aus ihre tägliche Fahrt aufnimmt.
Infos: Die Touristikorganisation von Wielkopolska hat eine deutschsprachige Broschüre mit den wichtigsten Angeboten und Adressen für Eisenbahnfreunde in der Region erstellt. Erhältlich beim
Polnischen Fremdenverkehrsamt, Kurfürstendamm 71, D-10709 Berlin
Tel. 030-210092-0, www.polen.travel.
Ausführliche Informationen in deutscher Sprache enthält die Website des Bahnbetriebswerks in Wolsztyn, www.parowozowniawolsztyn.pl
Ein Beitrag für ReiseTravel von Klaus Klöppel.
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