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Der schwere Weg zurück zum Führerschein
Der Volksmund spricht vom „Idiotentest“, wenn die Medizinisch-Psychologische Untersuchung, kurz MPU, gemeint ist. Wer bis Ende der 80er Jahre den Führerschein gemacht hat, erinnert sich wohl noch an die Androhung, dass, wer dreimal durch die Prüfung fällt, zum „Idiotentest“ muss. Allerdings wurde diese Regelung schon zur Jahrtausendwende abgeschafft. In erster Linie werden seitdem betroffene Verkehrsteilnehmer mit sehr viel Alkohol (mehr als 1,6 Promille) oder Drogen im Blut zur MPU aufgefordert. Autofahrer, die nach massiven Alkohol- oder Drogenkonsum bei einer Fahrt mit dem Fahrrad gestoppt werden, müssen ebenfalls zur MPU. Anhand des Gutachtens wird anschließend entschieden, ob die Fahrerlaubnis entzogen wird.
ReiseTravel führte ein Interview mit Katrin Aydeniz (45) von der Impuls GmbH, „Institut für medizinisch-psychologische Unternehmensleistungen und Schulungen“ in Köln über MPU-Gutachten und die trügerischen Geschäfte mancher verheißungsvollen Anbieter der vom Autofahrer gefürchteten Branche.
Der schwere Weg zurück zum Führerschein
Katrin Aydeniz, die eine mehrjährige Berufserfahrung als Gutachterin, Beraterin und Therapeutin hat und jetzt fachliche Leiterin der MPU Vorbereitung bei Impuls in Köln ist, erklärt in Gruppenveranstaltungen und Einzelgesprächen, das sich die VerkehrsteilnehmerInnen kritisch mit ihren Trinkgewohnheiten auseinandersetzen müssen, ehe sie fit für die MPU sind
ReiseTravel: Welche Verkehrsteilnehmer müssen zur MPU, wie funktioniert der Test und weshalb ist die Durchfallquote so hoch?
Katrin Aydeniz: Im wesentlichen unterscheiden wir drei große Anlassgruppen bei der MPU: Diejenigen, die mit über 1,6 Promille ein Fahrzeug geführt haben oder die wiederholt alkoholisiert gefahren sind; diejenigen, die Betäubungsmittel konsumiert und/oder unter Drogeneinfluss ein Fahrzeug geführt haben und diejenigen, die verkehrs- und/oder strafrechtlich aufgefallen sind, die also wiederholt z. B. zu schnell gefahren sind, eine Rotlichtanlage missachtet, im Überholverbot überholt, während der Fahrt ein Mobiltelefon benutzt, den angemessenen Sicherheitsabstand nicht eingehalten, Fahrerflucht begangen haben oder ohne Fahrerlaubnis gefahren sind.
Alle Betroffenen durchlaufen bei einer Medizinisch-Psychologischen-Untersuchung drei Prüfungsbereiche: die medizinische Untersuchung, einen psychophysischen Leistungstest und das psychologische Gespräch.
Im Rahmen der ärztlichen Untersuchung wird die körperliche Eignung zum Führen eines Kraftfahrzeuges überprüft. Zentral ist dabei die Fragestellung, ob ein Substanzmissbrauch ausgeschlossen werden kann.
Bei den psychophysischen Leistungstests werden am Computer komplexe Reizsituationen simuliert, um die Reaktionssicherheit und –schnelligkeit in Analogie zum Fahrverhalten zu kontrollieren.
Im psychologischen Gespräch muss der Betroffene glaubhaft und nachvollziehbar schildern, wie es zu der Auffälligkeit gekommen ist, welche persönlichen Hintergründe dazu geführt haben, welche konstruktiven Verhaltensänderungen als stabil angenommen werden können und wie er für die Zukunft sicherstellen kann, nicht erneut auffällig zu werden.
Die Durchfallquote bei der MPU beträgt laut Angaben des Bundesamtes für Straßenverkehrswesen (BASt) aus dem Jahr 2009 36%, positive Beurteilungen erfolgen zu 51% und in 13% der Fälle empfiehlt der Gutachter eine Nachschulung gemäß §70 der FeV (Fahrerlaubnisverordnung), weil Restbedenken bestehen, von denen allerdings angenommen wird, dass sie durch eine Teilnahme an einem evaluierten Kursmodell ausgeräumt werden können.
Der größte Teil der Negativ-Begutachtungen ist darauf zurück zu führen, dass diese Kunden unvorbereitet zur Begutachtung gegangen sind und nicht genau wussten, worum es bei der MPU eigentlich geht: nicht um die rein verbale Zusicherung, in Zukunft immer „vernünftig“ fahren zu wollen, sondern um den Zusammenhang zwischen den Auffälligkeiten und der eigenen Persönlichkeit, der eigenen individuellen psychischen Situation. Der Kunde muss die Frage beantworten können, warum ausgerechnet er so reagiert hat, wie er es getan hat.
Da spezielle geschulte PychologInnen die Gespräche führen, reicht es nicht einfach aus, lapidar zu behaupten, das Vergehen ist ein einmaliger Faupax gewesen.
Weil sich aber die wenigsten Menschen schon mit der Frage beschäftigt haben, warum sie so sind, wie sie sind, scheitern die meisten fahrauffälligen Fahrer in der MPU am psychologischen Gespräch.
ReiseTravel: Die häufigsten Gründe für Eignungszweifel?
Katrin Aydeniz: Laut BASt entfielen im Jahr 2009 30% der Gutachten auf erstmalige Alkoholauffälligkeiten, 17% auf wiederholte Trunkenheitsfahrten und 7% auf Alkoholauffälligkeiten im Zusammenspiel mit Verkehrsauf- und/oder Straffälligkeiten. D.h. bei mehr als der Hälfte (57.600) aller Medizinisch-Psychologischen-Untersuchungen (gesamt 106.082) sind die Eignungszweifel auf Alkoholüberkonsum und die Trennungsunfähigkeit zwischen Trinken und Fahren zurückzuführen. 19% absolvieren eine MPU wegen Drogen- oder Medikamentenauffälligkeiten und 15% wegen rein verkehrsauf- und/oder straffälligen Verhaltens.
ReiseTravel: Bevor die Betroffenen wieder in Fahrt kommen, sind fünf Schritte notwendig: Information einholen, Antrag auf Neuerteilung der Fahrerlaubnis, Terminvereinbarung, Begutachtung, Vorlage des Gutachtens. Wie sieht dieser Ablauf in der Praxis aus?
Katrin Aydeniz: Das Hauptproblem ist, dass viele Betroffene erst sehr spät erfahren, dass sie eine MPU machen müssen. Nur wenige erkundigen sich unmittelbar nach ihrer Auffälligkeit, wie das weitere Prozedere vonstatten geht und wie sie die Sperrfrist sinnvoll für die Aufarbeitung der Auffälligkeit nutzen können. Als Folge stehen sie erst am Ende ihrer Sperrfrist, wenn der Führerschein schon in greifbarer Nähe scheint, plötzlich vor der „Hürde MPU“.
Einige riskieren dann einfach eine Begutachtung und hoffen auf einen positiven Ausgang. Andere versuchen in der Kürze der Zeit eine MPU-Vorbereitungsmaßnahme zu absolvieren, um ihre Bestehenschancen zu erhöhen. In beiden Fällen ist allerdings mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die MPU negativ ausfallen wird, weil die Zeit der Sperrfrist nicht genutzt wurde, um die persönlichen Anteile an der Auffälligkeit zu erkennen, aufzuarbeiten und eine stabile Verhaltensänderung zu erwirken.
Denn das Kernthema ist immer, dass der Fahrer sich konsequent mit dem eigenen Verhalten auseinandersetzen und Wege finden muss, dieses Verhalten in den Griff zu bekommen. Das sind langfristige Prozesse, nicht Einmal-Aktionen.
ReiseTravel: Es gibt für substanzgebundene- und punkteauffällige Fahrer gezielte MPU-Vorbereitungsprogramme. Schildern Sie bitte den Fahrplan zur Vorbereitung auf eine MPU?
Katrin Aydeniz: Unmittelbar nach der Auffälligkeit sollten sich die Betroffenen möglichst im Rahmen eines kostenfreien Informationsabends ganz allgemein über den Ablauf und Details einer MPU erkundigen. Seriöse Vorbereitungsinstitutionen und „Begutachtungsstellen für Fahreignung“ bieten diesen Service regelmäßig an.
Stattdessen kann allerdings auch direkt ein individuelles MPU-Beratungsgespräch bei einem Verkehrspsychologen in Anspruch zu nehmen, um eine professionelle Einschätzung des Schweregrades der der Auffälligkeit zugrunde liegenden Problematik zu bekommen.
Das ist deshalb so wichtig, weil z.B. die Verkehrsmediziner im Rahmen der MPU bei Substanzgebrauch (Drogen, Alkohol) in der Vorgeschichte Abstinenznachweise über einen unterschiedlich langen Zeitraum fordern, wenn es sich entweder um eine Gefährdung handelt oder aber um einen fortgeschrittenen Missbrauch. Darüber hinaus können die Betroffenen erfahren, ob sie psychologischerseits bereits ausreichend reflektiert sind und gravierende Veränderungen verinnerlicht haben oder, ob sie sich mithilfe einer verkehrspsychologischen Maßnahme auf die MPU vorbereiten sollten. In diesem Fall ist es dann tatsächlich ausgesprochen wichtig, an die richtige Vorbereitungsinstitution zu gelangen, um optimal und individuell passgenau gecoacht und betreut zu werden.
ReiseTravel: Jeder kennt die Werbung „EU-Führerschein ohne MPU-Test aus der Tschechischen Republik, Polen oder Ungarn“ - EU-Führerschein statt MPU? Was ist zu beachten?
Katrin Aydeniz: Ich halte von den EU-Führerscheinen, die im Ausland ausschließlich gemacht werden, um die MPU zu umgehen, gar nichts, weil es beim Führerscheinerwerb um die Fahrfähigkeit und bei der MPU um die Fahreignung geht. Das sind zwei sehr unterschiedliche Kompetenzen.
Die meisten Menschen auch mit gravierenden Fahrauffälligkeiten sind fähig ein Auto zu führen, weil sie die Verkehrsregeln und die Fahrzeugbedienung gelernt haben. Die Ursache, bei rot über die Ampel zu fahren, ist bei ihnen keine Unwissenheit, sondern hat andere Gründe. Bei Fahreignungszweifeln ist eine langfristige psychologische Rehabilitation notwendig, um Verkehrssicherheit auf Dauer sicherzustellen.
ReiseTravel: Sie haben anlässlich des Seminars „Fahreignung“, das vom Deutschen Verkehrssicherheits-Rat (DVR) in Weimar durchgeführt wurde, darüber berichtet, dass im Alltag auch unseriöse MPU-Anbieter fette Geschäfte machen, weil der Dienstleistungsbereich vor der MPU nicht geregelt ist und der Kunde keine Gewähr über die Qualität der Dienstleistung hat (z.B. „Crashkurs zur MPU“)
Katrin Aydeniz: Das ist bedauerlicherweise richtig. Deshalb fordern seriöse verkehrspsychologische Beratungs- und Vorbereitungsinstitutionen auch im Interesse der betroffenen Kunden eine externe Überprüfung der Dienstleistungen in Analogie zu den „Begutachtungsstellen für Fahreignung“, die von der BASt überprüft werden. Denn man darf nicht vergessen, dass jeder Vorbereitungskurs Geld kostet und dass für jede MPU gesetzlich geregelte Gebührensätze anfallen. Hier muss der Kunde besser geschützt werden.
ReiseTravel: Nennen Sie die Inhalte einer seriösen MPU-Vorbereitung um eine stabile Verhaltensveränderung des Verkehrsteilnehmers sicherzustellen?
Katrin Aydeniz: Es ist wichtig, dass der Betroffene im Vorfeld kostenfrei die Möglichkeit bekommt, den Verkehrspsychologen kennen zu lernen, mit dem er ggf. arbeiten wird. Gerade bei psychologischen Prozessen ist es besonders wichtig, dass die Chemie untereinander stimmt.
Außerdem ist darauf zu achten, dass die Arbeitseinheiten eher von kurzer Dauer sind (z.B. 2 bis 3 Stunden) und dass sich das gesamte Programm über mehrere Monate mit mehreren Therapiesitzungen erstreckt. Zum Teil über Jahre hinweg aufrecht erhaltene destruktive Verhaltensmuster lassen sich nicht in aller Schnelle korrigieren. Als besonders effizient haben sich Maßnahmen herauskristallisiert, die sich aus Einzel- und Gruppensitzungen zusammensetzen, um dem vertrauensvollen Aspekt im diskreten Raum gerecht zu werden und gleichzeitig den sozialen Aspekt in der Gruppe erleben zu können. Hilfreich ist darüber hinaus eine offene Gruppenstruktur, d.h. eine Gruppe, in der erfahrene mit unerfahrenen Teilnehmern zusammentreffen, so dass die Betroffenen voneinander lernen.
ReiseTravel: Vielen Dank für das Gespräch.
Ein Beitrag für ReiseTravel von Ludwig Mario Niedermeier/MN-InfoText.
Ludwig Mario Niedermeier stellt für ReiseTravel exklusiv aus aller Welt interessante Themen vor, Orte, die zu jeder Zeit interessant sind.
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