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Reutte

Tannheimer Berge „easy going“

Wanderungen im Raintal für Genießer: Bergauf, aber ohne jede Kraftanstrengung. Bequemer geht es wirklich nicht. Mit der Seilbahn schweben wir, eine kleine Wandergruppe, von Grän bei Reutte im Tannheimer Tal in nur fünfzehn Minuten bis zum Füssener Jöchle. Ein schmaler Pfad führt bis zum Raintaljoch und dann schlängelt er sich mit Wurzeln durchzogen stetig bergab bis zu unserem „Basislager“, der Füssener Hütte. Auf der Hochalm ergänzen die Otto-Mayr- und die Willi-Merkl-Hütte das „Drei-Hütten-Tal“.

 

Füssener Hütte

 

Ein Bier und ein Speckbrot sind gerade recht nach der kleinen Wanderung bis zur Füssener Hütte. „Einen Käsekuchen“, schlägt Wolfgang der Hüttenwirt vor, „der kommt gerade frisch aus dem Backofen. Oder eine Speckknödelsuppe“. Wer die Wahl hat, hat die Qual. „Bei mir kommt alles frisch aus der Küche, das ist Ehrensache“, erklärt er. Es zahlt sich aus, dass er Koch gelernt hat und sein Handwerk versteht. Zum Hüttenteam gehört die immer fröhliche, blonde Inge, die tatkräftig bei der vielen Arbeit hilft.

Auf der Sonnenterrasse mit Blick auf die gigantische Gimpelnordwand, die Kellenspitze und die Gehrenspitze kann man herrlich entspannen. Das Jungvieh auf den Bergwiesen macht die Idylle im Hochtal perfekt. Für Kinder ist es nicht langweilig, sie können Staudämme an dem kleinen Bach neben der Hütte bauen oder über die Wiesen tollen.

 

Wer gerne wandert, sollte sich gleich ein paar Tage in der Füssener Hütte einquartieren. Der Berg ruft. Auf geht’s. Der erste Wandertag, den wir mit Spannung erwarten, beginnt mit strahlendem Sonnenschein. Wir gehen aufwärts Richtung Füssener Jöchle und folgen an der zweiten Abzweigung, dem Wegweiser zur Großen Schlicke. Ein Höhenweg führt zwischen Latschengebüsch leicht ansteigend weiter. In den Wiesen leuchten Farbtupfer von Enzian und Almrausch. Ein Falke auf einem Baumwipfel beäugt uns Wanderer misstrauisch. Nur noch ein paar steile Serpentinen auf Geröll und felsigem Untergrund sind zu meistern und dann erreichen wir das Gipfelkreuz der Großen Schlicke in 2.059 Metern Höhe. Aus dem Wolkenmeer ragen die mächtigen Gipfel der Gehrenspitze, Kellenspitze, Gimpel und der Roten Flüh hervor. Der helle Wettersteinkalk lässt die steilen Felswände unerklimmbar erscheinen. Die Aussicht ins Tal zum Forggen- und Hopfensee bleibt von weißer Watte verhüllt. Der schrille Pfiff eines Murmeltiers mahnt an den Aufbruch. Ganz gemütlich schlendern wir bergab zurück zur Füssener Hütte. Wer Sauna und Schwimmbad, dem kalten Wasser im Waschraum vorzieht, wer Disco und Fernsehen braucht, kommt niemals hierher. Dafür gibt es Natur in Hülle und Fülle.

 

Tannheimer Hütte

 

Die Sonne lockt uns am dritten Tag schon früh aus den Federn. Gefrühstückt wird auf der Terrasse vor der Hütte. Wir sitzen Auge in Auge mit der klotzigen Kellenspitze, die mit 2238 Metern der höchste Berg des Raintals ist. Der Autor Jörg Berghoff sagt in einem Artikel: „Im Volksmund hieß der Berg früher „Matzenoarsch“, was soviel heißt, wie der verlängerte Rücken einer leichtlebigen Dame“. Für Kaiserin Elisabeth, die im Tal wandern wollte, musste der anstößige Name angeblich schnell verändert werden und es entstand in Windeseile der Name Kellenspitze oder auch Köllenspitze. Der Berg ist eine Herausforderung für geübte Bergsteiger und Kletterer. Auch andere Adlige wurden von diesem Tal magisch angezogen. Königin Maria von Bayern, die Mutter von Ludwig II, dem Märchenkönig, zog es auf den Achselkopf bei Musau, dem Tor zum Raintal. Sie war eine Naturschwärmerin und gründete den Alpenrosenorden. Aufgenommen wurde nur der, der mit ihr auf den Achselkopf wanderte.

Am nächsten Tag wollen wir es gemütlich und starten zu einer superleichten und kurzen Tour zum Schartschrofen mit 1.973 Meter Höhe. Der Anstieg ist leicht, in unzähligen Serpentinen, über Wiesen und durch ein Bachbett gehen wir bis zum Hallerjoch. Zwölf Gämsen grasen auf den fetten Almwiesen und lassen sich durch uns nicht stören. Der Weg ist gut beschildert. Die letzten Meter gehen wir über Fels ohne Schwierigkeit bis zum Gipfelkreuz. Zitronenfalter und Kohlweißlinge begleiten uns beim Abstieg. Am frühen Nachmittag sind wir schon wieder zurück und dösen auf der großen Wiese neben der Füssener Hütte. Dabei beobachten wir Mountainbiker, die sich mit roten Köpfen und schweißgebadet die Forststraße hocharbeiten. Die Radel-Outfits kleben an ihren Körpern. Mit ein paar festen Tritten und sie haben die Hütte zum Energieauftanken erreicht. Die Forststraße von der Bärenfalle bei Musau bis zu den drei Berghütten ist eine beliebte sportliche Kraftprobe für Biker. Kohlehydratreiche Kost bietet die Speisekarte an, so kann verbrauchte Energien wieder aufgetankt werden. Zum Sonnenuntergang ist die Stimmung auf der Terrasse der Füssener Hütte besonders romantisch, wenn sich die Tannheimer Berge im zarten Rosalicht der untergehenden Sonne zeigen. Auf der Holzbank vor der Hütte genießen wir die letzten warmen Sonnenstrahlen. Die Spinatknödel oder das Schnitzel sollte man unbedingt probieren. Sogar Einheimische kommen nur wegen der Spinatknödel vorbei, denn die sind einfach köstlich. Schnell vorüberziehende Nebelschwaden hüllen die Berge und Bäume gespenstisch ein. Ein Gewitter zieht auf. Regen prasselt gegen die Scheiben. In der Stube ist es urgemütlich. Ein Zitterspieler spielt leise alte Lieder. In der Küche brutzeln Schnitzel in der großen Pfanne. Wolfgang, der Hüttenwirt, spendiert einen Schnaps und erzählt uns die Geschichte der Berghütte. Schon im Jahre 1059 wurde der obere Teil des Raintals in Tirol als „unordentlicher Besitz“ der Stadt Füssen von Kaiser Heinrich IV. erwähnt. Der spätere Kaiser Heinrich VII war knapp bei Kasse, musste aber seinen Krönungszug nach Rom finanzieren, so verpfändete er 1313 kurzer Hand das Hochtal. Erst im 19. Jahrhundert wurde eine Sennalpe, eine Sennerei, gebaut, die später als Jägerhütte der Gebirgsjäger genutzt wurde. Seit 1945 hat das Haus als Berghütte Wanderern und Erholungssuchenden seine Türe geöffnet. 

 

Am letzten Tag haben wir eine richtige Herausforderung, die Königsetappe, geplant. Nur für Geübte sagt der Wanderführer, aber der Ehrgeiz ist geweckt. Ziel ist die Überschreitung der Roten Flüh. Aufbruch kurz nach acht Uhr. Im kühlen Schatten von Latschen und Kiefern wandern wir noch fröstelnd dahin. Ein Trampelpfad führt durch Bergwiesen bergauf bis zur Abzweigung direkt zu einem steilen und großen Geröllfeld. Der Aufstieg zur Gelben Scharte hat es in sich. Von Frösteln keine Spur mehr, der Pfad ist steil. Die hin und wieder mit roten Punkten bemalten Felsbrocken zeigen uns den Weg. Wir gehen langsam, immer wieder im Geröll zurückrutschend, durch die Schotterhalde bergauf. Am schmalen Grat lassen wir den Friedberger-Klettersteig rechts liegen. Wir erhaschen einen Tiefblick auf den tiefblauen Haldensee, eingebettet in sanfte Wiesenböden im Tannheimer Tal. Vom 15. bis ins 19. Jahrhundert führte die „Via Salina“, die Salzstraße von Hall in Tirol durch das Tannheimer Tal bis an den Bodensee. Pferdegespanne transportierten damals die schweren Salzfässer auf schmalen Pfaden. Die Nixen im See können uns nicht locken, wir wollen zum Gipfel. Jetzt wird es ernst. Einige Passagen sind mit Drahtseilen gesichert. Auf Metallklammern, die wie eine Leiter in den Fels gehauen sind, überwinden wir ein kurzes, senkrechtes Stück im Fels. Die Abhänge sind schroff und steil. Auch die letzten Meter zum Ziel sind noch stahlseilgesichert, aber kein Problem mehr.

Das Gipfelkreuz ist erreicht. Eine Verschnauf- und Trinkpause tut gut. Etliche Wanderer sitzen schon auf dem Gipfel und begrüßen uns. Ein atemberaubender Rundblick auf das Raintal, das Tannheimer Tal und sogar bis zu den Gipfeln der Allgäuer Hochalpen, Hochvogel und Großer Wilder öffnet sich. Am Gipfelkreuz warten die Dohlen, die sich manchmal sogar frech auf die Schuhspitzen setzen, oder im Flug, die Brotzeithappen aus der Hand stehlen, wenn man nicht schnell genug isst. Wir steigen durch das Gimpelkar abwärts und erreichen die gemütliche Tannheimer Hütte. Und der Magen knurrt auch schon. Wir sitzen unterm Sonnenschirm und erholen uns bei einer Marende, das ist Tiroler-Speck, Kaminwurzen, Bergkäse und Brot. Ein Höhenweg geleitet uns weiter durch Wiesen an Berghängen entlang. Ein letzter knackiger Aufstieg führt bis zum Sabachjoch. Nur die Glocken des Jungviehs unterbrechen die Stille der Natur. In Serpentinen geht es steil abwärts an einem Wasserfall vorbei bis zur Mausauer Alm für eine weitere Verschnaufpause. Nach einer knappen Stunde auf der Forststraße erreichen wir wieder die Füssener Hütte. Die Etappe war lang, sechs Stunden reine Gehzeit liegen hinter uns. „Isches schi gweach’e ?“ fragt Wolfgang in seinem Tiroler Dialekt. Großartig war der Tag. Wir fühlen uns erschöpft und stolz wie „alpine Jediritter“.

                                                                     

Informationen

 

Anreise mit dem Auto und Seilbahn: Von Grän im Tannheimer Tal, mit der Kabinenbahn zum Füssener Jöchle (1818 Meter), quert bis zum Raintaljoch und dann geht es nur noch bergab bis zur Füssener Hütte. Großer Parkplatz an der Talstation. Liftanlage von Uhr 9.00 bis 16.30 geöffnet.

 

Anreise mit dem Auto (Aufstieg ohne Seilbahn): Über Füssen oder Reutte bis Rossschläg bei Musau. Oberhalb des Gasthofs Bärenfalle ist ein Parkplatz. Aufstieg auf einem breiten, gut beschilderten Forstweg, ca. zweieinhalb Stunden.

 

Anreise mit dem Zug: Bahnhof Musau, kein Bahnhofsgebäude, Aufstieg ca. drei Stunden, durch Wiesen, über die Achsel bis zum Forstweg der zur Hütte führt. www.bahn.de

 

Auskunft:

Tourismusverband Tannheimer Tal, Oberhöfen 110, A-6675 Tannheim, Telefon: +43-5675-6220-0, e-mail: info@tannheimertal.com, Internet: www.tannheimertal.com, Tourismusverband Ferienregion Reutte, Untermarkt 34, A-6600 Reutte/Tirol, Telefon 0043-5672-62336.

  

Hütte: Füssener Hütte, Wolfgang Wagner, Telefon: 0043-676-3423221, Übernachtung Lager 11 Euro, Bett 15 Euro, Kleinkinder frei, Vergünstigungen für Kinder, Frühstück ab 5,50 Euro

 

Bergbahn: Liftgesellschaft Grän, Info-Hotline:0043-5675-6363, e-mail: info@lifte-graen.com, Internet: www.lifte-graen.com

 

Voraussetzungen: Für Geübte und für den blutigen Anfänger geeignete Wanderwege. Wolfgang, der Hüttenwirt kennt sich aus und berät gern bei der Tourenplanung.

 

Literatur: Tannheimer Tal, die schönsten Tal- und Hüttenwanderungen, von Dieter Seibert, Bergverlag Rother

 

Otto-Mayr- Hütte, DAV-Hütte, Kerstin und Thomas Grollmus,

Telefon 0043-5677-8457, geöffnet Pfingsten bis Ende Oktober.

 

Tannheimer Hütte, DAV-Hütte, Petra und Gerhard Wagner, Telefon: 0043-676-5451700.

 

Musauer Alm, Lena Wörle und Thomas Renn, Telefon: 0043-676-3423236, Internet: www.musauer-alm.at.

 

Geführte Touren: Alpinschule Ausserfern – Sepp Paulweber, Allgäuerstraße 15, A-6600 Reutte/Tirol, Telefon 0043-5672-62232, Internet: www.alpinschule-ausserfern.at, sportpaulweber@sport2000.at.

 

Ein Beitrag für ReiseTravel von Gabi Dräger.

 

 

 

 

 

 

 

 

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