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Sousse

Tunesien vor den Wahlen

Tunesien – ein Erlebnisbericht: Nachdem ich in den letzten 20 Jahren fast jedes Jahr meinen Sommerurlaub im September in Sousse verlebte, flog ich auch in diesem Jahr entgegen vielfältiger Warnungen wieder hin. Natürlich hat die Revolution im Frühjahr 2011 ihre Spuren auch im Touristenviertel von Sousse hinterlassen. Abgesehen von der allgemeinen Arbeitslosigkeit, war dies an vielen kleinen Veränderungen zu bemerken. So gab es in der Hauptstraße im touristischen Bereich nicht nur viele leere Parkplätze, sondern auch etliche Läden, die geschlossen waren. Die kleine Einkaufspassage von der Hauptstraße zur Promenade am Meer war ebenfalls nicht zugänglich. In der renommiertesten Patisserie von Sousse mit ehemals vielen verschiedenen Sorten Gebäck war das Angebot ebenfalls stark geschmolzen. Auch die Anzahl der gelben Taxis hat im Straßenbild stark abgenommen. Allerdings waren für die Touristen genug Wagen unterwegs, jedoch versuchten die Fahrer den doppelten Fahrpreis auszuhandeln.

Aber aufgrund meiner langjährigen Erfahrung, war der Versuch zum Scheitern verurteilt. In dem von mir gebuchten Hotel mit 250 Doppelzimmern waren lediglich 60 Gäste anwesend; die Mehrzahl aus osteuropäischen Ländern und einige Familien aus Libyen, die allerdings in anderen Hotels in weitaus größerer Anzahl vertreten waren. Auch die Strände waren wenig frequentiert, obwohl in den früheren Jahren die Gäste zum gleichen Zeitpunkt dicht an dicht im Sand lagen. Lediglich zwischen Mai und August waren mehr Touristen in Sousse, die in der Mehrzahl aus den ehemaligen Ostblockstaaten und aus Russland kamen. Wie mir berichtet wurde, sollen die Libyer Geschäfte und Wohnungen in Sousse und Umgebung kaufen. Auch im Straßenbild fielen die Frauen und Mädchen durch das Tragen von Kopftüchern oder Burkas auf, denn in den Städten tragen die jungen  tunesischen Frauen keine Kopftücher. Lediglich in den Dörfern können sie sich dieser Tradition nicht entziehen.

Die Empfangsdame an der Rezeption des Hotels traf ich jedoch „verschleiert“ an, obwohl sie in den vergangenen Jahren europäisch gekleidet war. Der Ruf des Muezzins war in den vergangenen 20 Jahren im Touristenviertel kaum zu hören. In diesem Jahr fiel ich um 4.30 Uhr durch seinen lautstarken Ruf praktisch aus dem Bett. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Bei meinem sonntäglichen Besuch der Kirche von Sousse, in der um 6.30 Uhr ein katholischer und um 11.00 Uhr ein evangelischer Gottesdienst stattfand, waren lediglich etwa zehn Gläubige anwesend, während in früheren Jahren die rund 80 Sitzplätze nicht ausreichten und die Kirchenbesucher dicht gedrängt in den Gängen standen.

Obwohl Sousse die drittgrößte Stadt Tunesiens ist, hat der Hafen von Sousse international nur eine geringe Bedeutung, insbesondere für Fischfang und – Verarbeitung sowie die Verschiffung landwirtschaftlicher Erzeugnisse wird er genutzt. Deshalb war ich äußerst verwundert, einige Tage lang acht Frachter auf der Reede von Sousse liegen zu sehen. Sie sollen für Tripolis bestimmt gewesen sein.

Am 24. Oktober 2011 finden in Tunesien Parlamentswahlen statt; danach wird ein neuer Präsident bestimmt, da der bisherige Präsident Zine el-Abidine Ben Ali, der seit April 1987 regierte, inzwischen im Exil lebt. Alle Menschen, mit denen ich darüber sprach, sind darüber sehr froh. Er und seine Familie hätten nichts für das Volk getan, aber große Reichtümer angesammelt. Bedrückend ist die Arbeitslosigkeit für viele, denn in Tunesien gibt es kein Arbeitslosengeld. Die Familie rückt zusammen und unterstützt sich gegenseitig; im Übrigen lebt man auf  Kredit.

In Sousse, wo viele Familien vom Tourismus abhängig sind, versucht jeder, irgendwie etwas Geld zu verdienen. Einige Kellner arbeiten tagsüber als Sicherheitskräfte, aber insbesondere nachts haben die Hotels den Sicherheitsdienst verstärkt und beschäftigen ihre ehemaligen Servicekräfte als Nachtwächter.

Einige wenige Kellner haben sich selbständig gemacht und arbeiten als Lieferwagenfahrer für Gemüse oder haben eine alkoholfreie Getränkebar eröffnet. Das von mir frequentierte Hotel beschäftigt seine Mitarbeiter nur stundenweise und zahlt ihnen 70 Prozent des bisherigen Lohns. Das gibt es selten.

Die Hoffnungen der Menschen richten sich auf die Zeit nach den Wahlen. So gibt es viele, die damit rechnen, dass der Tourismus schlagartig wieder zunimmt und die Arbeitslosigkeit zurück geht; andere wiederum sind der Meinung, dass es eine lange Zeit dauern wird, bis wieder normale Verhältnisse wie vor der Revolution herrschen. Es ist allerdings zu bezweifeln, dass dies unter den Einfluss der lybischen Einwanderer in Tunesien der Fall sein wird. 

Ein Beitrag für ReiseTravel von Edelgard Richter / Dela Press

Edelgard Richter Tunesien 

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