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„Wir bieten den Traum von 1001 Nacht“
Nach dem Anschlag in Marrakesch sind die Touristenzahlen eingebrochen. Jetzt hoffen die Hotelbesitzer, darunter auch deutsche Unternehmerinnen, auf die Herbstsaison.
Drei junge Musiker spielen arabische Rhythmen, Schlangenbeschwörer und Geschichtenerzähler ziehen die Zuschauer in ihren Bann, Händler verkaufen handgefertigte orientalische Lampen oder duftende grüne Pfefferminzblätter, die Köche an den Essständen unter freiem Himmel garen Fleischspieße und Fische vor den Augen der Kunden. Wer derzeit über Marrakeschs berühmten Marktplatz Jamaa El Fna schlendert, kann mit allen Sinnen genießen. Kaum jemand denkt daran, dass hier erst Ende April bei einem Terroranschlag auf das Cafe Argana 17 Menschen starben. Das bei Touristen beliebte Lokal ist hinter einem Gerüst aus weißer Plastikplane versteckt.
Alltag nach dem Attentat? Nur scheinbar. „Viele Buchungen wurden storniert“, sagt Hatim El Gharbi vom Marokkanischen Fremdenverkehrsamt in Düsseldorf. Der Anschlag hätte jedoch nur kurzfristig für Absagen gesorgt. Grund sei vor allem der Arabische Frühling und die Angst vor politischer Instabilität. „Nach dem Beginn der Unruhen in Ägypten Ende Januar hatten viele Kunden Angst, Marokko würde als nächstes an die Reihe kommen.“ Doch das Land ist seiner Ansicht nach stabil und wird sich friedlich demokratisieren, ohne Ausschreitungen wie in den Nachbarländern. „Unser König hat damals sofort auf die ersten Proteste reagiert und eine Verfassungsreform angekündigt, der die Marokkaner mit überwältigender Mehrheit zugestimmt haben.“ Der nächste Schritt in Richtung Demokratie seien die vorgezogenen Parlamentswahlen im November. Wenn erst die Krise in Libyen vorbei sei, werde auch der Tourismus wieder anziehen - davon ist El Gharbi überzeugt.
Hotelbesitzerinnen Sabine Benchaira, Julia Bartels (v.l.), Unternehmerin Sandra Wittlinger
Unternehmerinnen in Marrakesch
Stornierungen aus Angst vor politischer Instabilität
Diese Ansicht teilt auch Julia Bartels, Besitzerin eines Hotels in der malerischen Altstadt von Marrakesch. „Nach dem Anschlag kamen nur Absagen“, sagt die 41-Jährige. „Aber im Herbst geht die Saison wieder los, die ersten Buchungen sind schon erfolgt.“ Die schlanke Deutsche mit den rotblonden Locken ist eigentlich Juristin, deren Familie aus Bremen stammt. Vor acht Jahren kam sie nach Marrakesch, um das im traditionellen marokkanischen Stil gebaute Stadthaus aus dem 14. Jahrhundert nach dem Tod ihres Vaters zu übernehmen. Der war zuletzt Botschafter in Rabat und hatte das „Riyad El Cadi“ als Altersruhesitz gekauft. Das Hotel mit 15 Gästezimmern und Suiten hat er mit viel Geschmack eingerichtet: An den Wänden hängen Bilder arabischer und asiatischer Künstler, die er von seinen Reisen als Diplomat mitgebracht hat. Kostbare antike Möbel, orientalische Teppiche sowie Palmen und plätschernde Brunnen im Innenhof vermitteln ein exotisches Flair. „Wir bieten den Traum von 1001 Nacht – so, wie die Europäer ihn sich vorstellen, “ sagt Julia Bartels.
Ausländer ziehen in die Riads, Marokkaner in die Neustadt
Das ist kein Zufall, denn die etwa 800 Riads in der Altstadt von Marrakesch sind zu 90 Prozent in der Hand von Europäern, vor allem Franzosen, darunter aber auch zehn Deutsche. Die Ausländer waren es, die in den neunziger Jahren das Potenzial der traditionellen Stadthäuser erkannten und daraus schmucke Hotels im orientalischen Stil machten. Davor gab es in der Medina, die zum Weltkulturerbe der Unesco gehört, nur einfache Herbergen mit Gemeinschaftstoiletten. Touristen mit höherem Einkommen gingen ausschließlich in die Hotels in der Neustadt, die sich kaum von einer mittelgroßen Stadt in Frankreich oder Spanien unterscheidet. Die marokkanischen Besitzer seien damals froh gewesen, die maroden Altbauten los zu werden, sagt Hotelbesitzerin Sabina Benchaira. „Wer von den Einheimischen genug Geld hatte, kaufte sich eine Wohnung in der Neustadt, mit modernen Möbeln, Aufzug und Klimaanlage. Das symbolisierte für sie den Fortschritt.“
Deutsche entdecken Vorzüge des Individualtourismus
Die 45-jährige Benchaira hat die Liebe nach Marrakesch verschlagen. Bei ihrer ersten Interrail-Reise 1986 lernte die Mannheimerin ihren marokkanischen Mann Ahmed kennen. Beide heirateten und kehrten nach Deutschland zurück, um eine Ausbildung zu absolvieren – sie als Hotelfachfrau, er als Koch. 1997 eröffneten die beiden dann ihr Riyad „Sherazade“, mit 22 Zimmern eines der größten in der Medina. „Der internationale Touristenboom ging Anfang 2000 los, überall eröffneten Hotels. In Deutschland kam das Geschäft erst sechs Jahre später mit der Eröffnung der ersten Billigfluglinien in Schwung, erinnert sich Benchaira. Inzwischen zeichnet sich ein Überangebot an Hotels ab. Während Italiener und Franzosen die modernen Luxus-Hotels im Palmenhain am Stadtrand bevorzugten, seien Deutsche, Osteuropäer und Skandinavier jetzt dabei, die Vorzüge von Marrakesch jenseits des Massentourismus zu entdecken. „Früher war die Stadt nur eine Durchgangsstation auf dem Weg in den Süden, in der sich die Touristen zwei bis drei Tage aufhielten“, so Benchaira. Dies werde dem riesigen Angebot an Kultur in und um Marrakesch herum jedoch nicht gerecht, findet die Hotelbesitzerin.
Authentische Erlebnisse und schnelle Umsetzung neuer Ideen
„Heute erwarten die Gäste authentische Erlebnisse und auf sie zugeschnittene Angebote. Davon profitieren wir.“ Die deutschen Hotelmanagerinnen übernehmen deshalb auf Wunsch den Abholservice vom Flughafen, vermitteln Stadtrundgänge mit deutschsprachigen Führern, Ausflüge ins Atlasgebirge, zum Badeort Essaouira oder Abschlagszeiten auf den nahe gelegenen Golfplätzen. Und wenn ein Gast vor Ort eine spontane Idee habe, zum Beispiel an einem Kochkurs teilnimmt oder ein Hamamm (orientalisches Badehaus) mit Einheimischen besuchen möchte, könne man das schnell organisieren, sagt Julia Bartels. Auch für alleinreisende Frauen sei Marrakesch unproblematisch. „Wer offen und neugierig ist, wird überall freundlich aufgenommen, etwa von marokkanischen Familien zum Essen eingeladen.“
Diese Erfahrung bestätigt auch Sandra Wittlinger, die sich mit einem Beratungs-Service für die Einrichtung von Hotels in Marrakesch selbständig gemacht hat. Wenn die 32-Jährige aus Lüneburg mit marokkanischen Männern in den Hotels oder auf der Baustelle verhandle, seien diese meist höflich und charmant. Zudem profitierten die deutschen Frauen davon, dass die Emanzipation in Marokko fortgeschrittener sei als in anderen arabischen Ländern. Sie fühle sich nicht nur gut behandelt, sondern auch freier als in Deutschland. „Wenn man hier eine neue Geschäftsidee hat, kann man sie sofort umsetzen und wird sogar steuerlich unterstützt. Davon habe ich zu Hause immer geträumt.“
Service: Reisen nach Marrakesch
Beste Reisezeit: September/Oktober bis Anfang November, April bis Anfang Juni
Unterkunft in Marrakesch: www.riyadelcadi.com, www.hotelsherazade.com
Direktverbindungen: Mit Ryanair von Düsseldorf/Weeze und Frankfurt/Hahn (ca. 49.99 Euro pro Flug), mit Tuifly von Köln-Bonn (ca. 100 Euro pro Flug), von München mit Royal Air Maroc ab 126 Euro pro Flug.
/www.ryanair.com/de, www.tuifly.com/de, www.royalairmaroc.de
Marokkanisches Fremdenverkehrsamt in Düsseldorf, Tel: (0211) 37 05 51/52, www.tourismus-in-marokko.de
Special: Vom 14. bis 21. November 2011 bietet der Hamburger Veranstalter „Marokko erleben“ eine Studienreise „Frauen in Marokko“ an (Preis: 1.516 Euro). Infos: www.marokkoerleben.de
Von Annette Kaiser
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