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Historische Achse Berlin-Baku
Das war die Woche von Dr. Eva Maria Auch, frisch ernannte Stiftungsprofessorin an der Berliner Humboldtuniversität. Mit dem neuen Lehrstuhl „Geschichte Aserbaidschans“ am Institut für Geschichtswissenschaft veranstaltete sie vom 29.11. bis zum 3.12.2010 die Wissenschafts- und Kulturwoche Aserbaidschans in Deutschland (www.geschichte.hu-berlin.de/Portals/_AZ/ProgrammWKW2010.pdf).
Für ein tragfähiges wissenschaftliches Fundament aller Fachkonferenzen, Foren und Diskussionen sorgte eine hochkarätige Historikerdelegation aus Aserbaidschan, angeführt vom Bildungsminister, Prof. Misir Mardanow. Den internationalen Anspruch ergänzten neben den deutschen Experten Gäste aus Schweden, England, Österreich, den USA und der Türkei.
Begleitet wurde das wissenschaftliche Programm von anspruchsvollen Kulturevents wie Ausstellungen, Konzerten, Gemälde- und Fotoausstellungen sowie Buch- und Filmpräsentationen. Alle Veranstaltungen unterschiedlichen Inhalts und Charakters haben Wissenschaftler, Studierende und eine breite Öffentlichkeit neugierig gemacht auf ein Land, das weit mehr zu bieten hat als das „Schwarze Gold“ Erdöl.
Aserbaidschan steht heute nicht nur für ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum und groß angelegte Pipeline- und Verkehrsprojekte einer modernen „Seidenstraße“, sondern auch für eine selbstbewusste nationale Identitätsstiftung, die an reiche historische Traditionen anknüpft. Die heutige Republik gehört zu den alten Kulturregionen zwischen Kaukasus und Kleinasien, Schwarzem und Kaspischem Meer, ein „Scharnier“ zwischen Okzident und Orient. Nicht ohne Grund wählten die Veranstalter den Satz des Gelehrten Abbas-Kuli Bakichanov zum Motto: „Im Gegenwärtigen zu leben ohne die Vergangenheit zu sehen, bedeutet führungslos in die Wüste zu gehen und sich ziellos in ihr zu verlaufen.
Stiftungsprofessorin Dr. Eva-Maria Auch: „Geschichte Aserbaidschans als internationales Forschungsfeld – Stand und Perspektiven“ war Thema des ersten Konferenztages. Dabei wurden neben Ergebnissen der historischen Forschung auch Defizite und Potentiale der gegenwärtigen Forschung diskutiert. Vorgeschlagen wurde, die Geschichtsforschung in Europa zu vernetzen, verbunden mit einer problembewussten und kritischen Aufarbeitung. Hilfreich kann dabei auch MENALIB in Halle sein, die Nahost-Virtual Library als Informationsportal für den Nahen Osten und Islamische Studien (http://ssgdoc.bibliothek.uni-halle.de). Zahlreiche deutsche Spuren sind in der Geschichte Aserbaidschans zu finden. So gehört z.B. Johannes Christian Buxbaum (1694 bis 1730) aus Merseburg zu den Begründern der systematischen Erforschung von Flora und Fauna Kaukasiens. Die Reiseberichte von Adam Olearius (um 1600-1671) aus Aschersleben und Engelbert Kämpfer (1651 bis 1716) aus Lemgo haben das deutsche Kaukasusbild stark geprägt. Einen großen Anteil an der ersten Raffinerie von Rohöl im Bakuer Gebiet hatten die deutschen Chemiker von Liebig und Engler.
Die Firma Siemens baute zwischen 1858 und 1863 die Telegraphenlinie Moskau – Tiflis – Poti - Vladikavkaz und 1868 Tiflis - Baku und begründete damit ihren Weltruf. 1889 - 1894 wurde die erste Naphtapipeline (45 km) der Welt mit nahtlosen Mannesmann-Röhren für das Siemens-Kupferwerk in Kedabeg gebaut. Deutsche Winzer in den Kolonistendörfern Aserbaidschans gehörten zu den größten Wein- und Spirituosenerzeugern Russlands.
Bemerkenswert während der aktuellen Berliner Aserbaidschanwoche war die Beteiligung junger Leute und Studenten. Sie diskutierten lebhaft die Möglichkeiten der Ausbildungs- und Wissenschaftskooperation zwischen den Ländern und präsentierten aserbaidschanbezogene Forschungsprojekte. Gefordert wurden weitere Kooperationsformen in der Ausbildung von Studenten und neue Möglichkeiten des Jugendaustausches.
Konferenzort Fritz-Reuter-Saal der HUB
Die Kultur- und Baugeschichte stand im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Konferenz: „Aserbaidschan – ein Knotenpunkt verschiedener Kulturen“. Vor allem Wissenschaftlerinnen aus Baku referierten u.a. über Kaukasisch-Albanien und das frühchristliche Erbe Aserbaidschans sowie über mittelalterliche Literatur. Fast alle Gäste aus Aserbaidschan übergaben wertvolle Originaldokumente und Bücher für den neuen Lehrstuhl. Alle Experten würdigten die verdienstvolle Initiative der aserbaidschanischen Regierung und ihres Botschafters, eine deutsche Stiftungsprofessur „Geschichte Aserbaidschans“ an der Humboldt-Universität zu Berlin einzurichten. Sie wird an die reichen Traditionen der deutschen Kaukasusforschung anknüpfen und eine gemeinsame, interdisziplinäre Forschung und Lehre initiieren. Dazu eingeladen werden ausdrücklich auch Wissenschaftler und Studierende aus anderen Ländern und Disziplinen. Dann wird es zur nächsten Historikerkonferenz schon Gewohnheit werden, dass auch Wissenschaftler aus Russland, Armenien und dem Iran ihre Forschungsergebnisse zur Diskussion stellen…
Kontakt
Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Geschichtswissenschaft
Stiftungsprofessur „Geschichte Aserbaidschans“
Friedrichstrass 191 – 193,D-D-10117 Berlin, auchevam@geschichte.hu-berlin.de
Ein Beitrag für ReiseTravel von Günter Knackfuß. Freier Journalist.
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