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Das Schatzkistle im Unterallgäu
Mindelheim ist modern und mittelalterlich zugleich: „Olli“, so wird die quirlige Ottilie Hirle liebevoll genannt, ist ganz in ihrem Element. Sie ist Stadtführerin und weiß einfach alles über Mindelheim, und in ihrem Redefluss ist sie kaum zu stoppen.
Die Stadtführung beginnt am Oberen Tor: Olli Hirle erklärt, dass die Bürger Mindelheims im Mittelalter durch eine doppelte Mauer und einen mit Wasser gefüllten Graben sicher und geborgen in der Stadt leben konnten. Das Obere Tor beherbergt die „Arme Sünderglocke“. Mit ihrem Läuten wurden früher Hinrichtungen angekündigt und wer wollte, konnte zum Galgenplatz vor der Stadtmauer gehen und zusehen wie ein Spitzbube „vom Leben zum Tode befördert wurde. Heutzutage wird im Fasching das 28 Meter hohe Obere Tor auf der Westseite mit dem „Durahansl“, einer Harlekinfigur und auf der Ostseite mit der Amme, der „Narramuatr“ verkleidet. Vor über hundert Jahren hat nach einer langen, heftigen Nachtsitzung in einer Wirtschaft ein Mindelheimer zum Turm geschaut und gesagt, „Der sieht ja aus wie ein Hanswurst“. Wenn der Turm wie ein Hanswurst ausschaut, kann man ihn ja auch so kostümieren. Seitdem wird bis heute, jedes Jahr im Fasching, das Obere Tor entsprechend verkleidet.
Mindelheim - Der Europa Brunnen
Der nächste Punkt der Tour ist der Gefängnisturm. Gefangene gibt es schon lange nicht mehr, heute nisten hier nur noch Turmfalken. Man bekommt immer noch eine leichte Gänsehaut in dem kühlen Turm mit der Furcht einflößenden Vergangenheit. Von den mittelalterlichen Folterinstrumenten, wie Richtschwert, Daumenschrauben, Mundbirne und Halsgeige sind besonders die Kinder erschreckt und fasziniert.
Es sind nur ein paar Schritte bis zur Stadtpfarrkirche St. Stephan mit ihrem 70 Meter hohen Turm, der in die Stadtmauer integriert ist und alles überragt. Von hier wurde bei Angriffen schon mal auf Feinde geschossen.
Im Innern der Kirche zeigt Olli Hirle die Tafeln des Frundsberger Sippenaltars von Bernhard Strigel aus dem Jahre 1505. Sie sind das Wertvollste, was Mindelheim je hatte. Heute hängt leider nur eine Kopie in der Seitenkapelle der Stadtpfarrkirche, das Original ist im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Im Seitenflügel befindet sich das Grabmal Anna von Teck aus dem polnischen Königshaus, das zeigt sie mit einer Haube, die damals alle verheirateten Frauen tragen mussten. Aus dieser Zeit kommt der Ausspruch „Unter die Haube gekommen“. Gleich neben der Kirche ist die Gruftkapelle, das frühere Beinhaus, hier wurden die Gebeine der Verstorbenen aufbewahrt. Heute steht hier ein Altar der vierzehn Nothelfer, zum Beispiel hilft der Heilige Blasius bei Halsweh und die Heilige Katharina hilft denen es an Weisheit zum Studieren mangelt. Das steht zumindest auf einer Tafel neben dem Altar.
In der Waxstrasse
Graf Wolf Veit von Maxlrain und Christoph Fugger stritten sich einst um Mindelheim: Und wenn zwei sich streiten, dann freut sich der Dritte. Das war Maximilian I. von Bayern, er nutzte die Situation aus. Er kam mit 4.000 Soldaten und so wurde Mindelheim 1616 bis auf ein paar kleine Unterbrechungen bayerisch. Von 1705 war die Stadt zehn Jahre lang unter der Herrschaft von Churchill dem Earl of Marlborough. Und 1778 war Mindelheim auch noch zwei Jahre lang in österreichischer Hand. „Das war eine besonders schlimme Zeit, so wird berichtet, denn der Bierausschank wurde stark eingeschränkt“, erzählt Olli Hirle.
Gleich neben der Gruftkapelle steht das barocke Kloster zum Heiligen Kreuz, das der Säkularisierung entging. Heute leben hier noch fünf Franziskanerinnen. Wenn man das Heimatmuseum besucht, das im Kloster untergebracht ist, kann man die prachtvoll ausgestatteten Räume im Barockstil besichtigen.
„Mir ganget ind Stadt vor“, sagt Olli Hirle, so sagen die Mindelheimer, wenn sie zur Maximiliansstraße, der Hauptstraße gehen. Seinen wirtschaftlichen Aufschwung erhielt Mindelheim durch die alte Salzstraße, die von Bad Reichenhall mitten durch Mindelheim nach München und Memmingen führte. Sieben Gastwirtschaften gab es zu dieser Zeit bereits. Hier konnte man die Rösser unterstellen, übernachten, essen und was ganz wichtig war, es war die einzige Möglichkeit, Neuigkeiten auszutauschen. Die Maximilianstraße hat ihren Charakter bis heute bewahrt. Das spätmittelalterliche Rathaus an der Maximilianstraße wurde von dem Architekten Eugen Drollinger entworfen, der auch das Schloß Linderhof für Ludwig II. geplant hat. Das bronzene Standbild Georg von Frundsberg, dem kaiserlichen Feldhauptmann unter Maximilian I. und Karl V., am Rathaus erinnert an seinen bekannten Sohn. In früheren Zeiten, so berichtet Olli Hirle, haben übermütige und zu Scherzen aufgelegte Mindelheimer mittels einer Leiter dem Standbild mal einen Maßkrug in die Hände gegeben. Er wurde auch schon öfters mit einem Blumenstrauß dekoriert.
Der Weg zum Einlasstor führt durch die Kornstraße. Durch das Tor konnten auch späte Heimkehrer – obwohl die Zugbrücke bereits heruntergelassen worden war - noch in die Stadt kommen. Denn gegen ein Entgelt wurde die kleine Fußgängerbrücke heruntergelassen. Aus dieser Zeit kommt der Ausdruck „Torschlusspanik“.
Der Mindelkanal war im Mittelalter die Lebensader der Stadt. Er führte mitten durch die Altstadt, trieb sechs Mühlen an und brachte Wasser für die Gerbereien. Es gab auch Badehäuser, in denen man in Holzzubern ein Bad nehmen konnte, da es in den Häusern und Wohnungen kein Wasser gab. Das Wasser wurde am Marienbrunnen geholt. In den Bädern arbeiteten „Reiberinnen“, die den Rücken der Badenden einseiften. Das „Buckelreiben“ wurde von den strenggläubigen Jesuiten verboten, da es doch zu freizügig erschien.
Neben dem Weberhaus, das im Mittelalter eine Garküche war, schauen heute Loch Ness und Mobby Dick aus dem Mindelkanal. Sie wurden von einem Mindelheimer Künstler geschaffen. Früher war hier der Waschplatz und Informationsaustausch der Frauen. Vom Weberhaus ist es nicht mehr weit bis zur Kappenzipfelgasse, der Name bedeutet soviel wie, das letzte Ende der Stadt. Hier wohnten die Armen und hier stand auch das „Frauenhäuslein“, so wurde früher das Bordell genannt. Die Landsknechte und vor allem die hohen Herren gingen hier ein und aus.
Typisch für den Stadtcharakter von Mindelheim sind die Ladenstöcke vor den Geschäften, von denen es nur noch sehr wenige gibt. Ladenstöcke sind schön geschnitzte Holzverzierungen. Das erste Haus am Platze ist das Hotel und Gasthaus Alte Post. Im Mittelalter gehörte eine Landwirtschaft dazu. Morgens wurden die Kühe durch die Altstadt auf die Wiesen getrieben. Bei ihrem morgendlichen Gang vor die Tore der Stadt schauten die Kühe schon mal neugierig in einen Laden und markierten mit ihren Fladen die Straße.
Das Schatzkästchen der Stadt Mindelheim ist die Kirche Mariä Verkündigung von 1263, die im Volksmund Jesuitenkirche genannt wird. Mit ihren hervorragenden Stuckarbeiten ist sie ein Kleinod des Barock. Schwäbisch schlau eingespart hat man den Kirchturm, da das Gotteshaus direkt an das 40 Meter hohe Untere Tor gebaut wurde. Ganz außergewöhnlich ist, dass der Mindelkanal unter dem spätbarocken Hochaltar der Kirche durchfließt. Die Kirche ist leider zurzeit wegen eines Schadens im Dachstuhl geschlossen und kann nur noch bei offiziellen Stadtführungen besichtigt werden.
Im Unteren Tor hat früher der „Blaser“ gewohnt. Er war der Feuerwächter und hat bei einem Brand die Bürger alarmiert und zum Löschen geblasen. An Festtagen oder bei hohem Besuch hat er ein Trompetensolo geschmettert. Der Blaser musste zwei Auflagen erfüllen, er durfte keine Weibspersonen zu Besuch bekommen und keine Tauben halten. Heute ist im Turm das Stadtarchiv untergebracht. Der Archivar braucht gute Beinmuskeln für seine tägliche Arbeit, da er immer im Turm hoch und runterlaufen muss. Vor dem Unteren Tor steht die heutige Musikschule, mit der schönen Monduhr. „Wenn die Kugel golden ist, dann ist Vollmond und dann schlafen die Mindelheimer schlecht und sind nicht so gut drauf“, erzählt Olli Hirle. „Ja als Stadtführerin kann i schwätze und erzähle und des mach i gern“.
Alle drei Jahre findet in der Altstadt das Frundsbergfest statt, es ist eines der größten historischen Feste in Bayern. Viele Bewohner tragen historische Trachten, selbst genäht, das ist Ehrensache. Es gibt große Festzüge, Altstadtfeste mit Lagerleben, die das Mittelalter wieder zum Leben erwecken. „Und das Schönste ist“, sagt Olli: „Jeder schwätzt mit jedem“. 2009 ist es dann erneut soweit, da geht Mindelheim wieder vorwärts in die Vergangenheit und feiert Georg von Frundsberg, seinen berühmten Sohn.
Georg von Frundsberg ist der bekannteste Mindelheimer. Er wurde 1473 auf der Mindelburg geboren. In seinem Leben nahm er an vielen Kriegen teil, die er meistens gewann. Er erkannte, dass die Zeit der schweren Rüstungen vorbei war. Seine Kriegsführung ging zur Fußtruppe über, das brachte ihm den Beinamen, „Vater der Landsknechte“ ein. Mit seinen gut ausgebildeten Truppen errang Frundsberg bedeutende Siege. Aus dieser Zeit stammt auch sein Wahlspruch, „Viel Feind’, viel Ehr’!“ Wegen seiner Erfolge wurde er von Kaiser Maximilian I. in den Ritterstand erhoben. Seine Söldner redete Frundsberg als „Söhne“ oder „Brüder“ an. Im Winter 1526/27 jedoch war die Lage ernst. Wochenlang hatten seine Männer keinen Sold mehr erhalten. Georg von Frundsberg musste sein Familiensilber verpfänden, um die Landsknechte zu bezahlen. Kaiser Karl V. versagte seinem Feldherren jedoch die dringend nötige finanzielle Unterstützung und nur die Aussicht auf die Plünderung Roms hielt seine Truppe zusammen. Als das Gerücht vom Friedensschluss mit dem Papst auftauchte, waren seine Männer nicht mehr zu halten, sie brüllten „Geld! Geld!“ und bedrohten Frundsberg. Der erlitt einen Hirnschlag. Die Landsknechte sind daraufhin auf eigene Faust mit den Spaniern zum „Sacco di Roma“ losgezogen und haben sich geholt, was sie glaubten, verdient zu haben. Georg von Frundsberg hat sich nicht mehr erholt und starb verarmt am 20. August 1528 in der Mindelburg. Der Rückblick auf sein Leben kam sehr spät: „Drei Dinge sollten jedermann vom Krieg abschrecken: Die Verderbung und Unterdrückung der armen, unschuldigen Leute, das unordentliche und sträfliche Leben der Kriegsknechte und die Undankbarkeit der Fürsten, bei denen die Ungetreuen hochkommen und reich werden und die Wohlverdienten unbelohnt bleiben.“
Eine gute halbe Stunde marschiert man bis zur Mindelburg auf dem Georgenberg, dem Wahrzeichen der Stadt. Sie wurde 1305 komplett zerstört und von Herzog Friedrich von Teck wieder aufgebaut. Vor allem unter Georg von Frundsbergs Zeiten wurde hier groß Hof gehalten. Die Burg kann nicht besichtigt werden, da ein Verlag dort untergebracht ist. Von hier hat man den besten Blick auf die mittelalterliche Kulisse der Stadt Mindelheim. Und wenn man schon mal da ist, die beste Nusstorte, so sagen die Einheimischen, soll es im Restaurant bei der Burg geben.
Etwas ganz Besonderes sind die Nachtführungen mit Olli Hirle mit anschließendem Gläschen Rotwein im Einlasstor. Ob man dabei ein Gespenst sieht, hat Olli Hirle nicht verraten.
PS: Zur Abrundung einer Stadtführung gehören auch der Besuch der Museen in Mindelheim. Das Heimatmuseum im Franziskanerinnenkloster Hl. Kreuz und das Schwäbische Turmuhrenmuseum in der ehemaligen Silvesterkirche. Das Schwäbische Krippenmuseum, das Textilmuseum der Sandtner Stiftung und das Südschwäbische Archäologiemuseum sind im ehemaligen Jesuitenkolleg in der Hermelestraße untergebracht.
Kontakt
Verkehrsbüro Stadt Mindelheim
Maximilianstraße 27, D-87719 Mindelheim
Tel.: 08261-737300
Ein Beitrag für ReiseTravel von Gabi Dräger.
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