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Der Koloss von Prora
Kreidefelsen, Strand und Badeleben – das sind die Dinge, die den meisten zuerst einfallen, wenn Sie an Rügen denken. Tatsächlich ist die Insel Rügen mit fast 1.000 Quadratkilometern die größte Insel Deutschlands - und in den Augen vieler Gäste auch schönste: Die meisten Urlauber lieben Rügen wegen seiner langen, feinsandigen Ostseestrände, seiner einzigartigen, vielerorts unberührten Natur und der jahrhundertealten Kulturlandschaft.
20 Jahre sind seit dem Mauerfall vergangen und damit die Hälfte der Zeit, die die DDR existierte. Während inzwischen viele historische Bädervillen, Schlösser und Herrenhäuser in neuem Glanz erstrahlen, gibt es noch eine Reihe sehenswerter Orte, die die DDR-Geschichte konservieren oder aufarbeiten - mal in wissenschaftlicher Weise, mal aus Sammelleidenschaft, mal mit humoristischer Note. Spuren der DDR-Geschichte finden sich in mehreren Museen, Sammlungen und Dokumentationszentren in Mecklenburg-Vorpommern, die an das politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben in der ehemaligen DDR erinnern.
Im Jahre 1936 hatte die Organisation „Kraft durch Freude“ mit dem Bau einer Ferienanlage auf der Schmalen Heide nördlich des Seebades Binz begonnen. Die Kapazität sollte 20.000 Urlauber pro Durchgang von 10 Tagen, bei einer Verlängerung der Saison auf 6 - 8 Monate, betragen. Man hätte also jährlich mindestens 1,5 bis 2 Millionen Urlauber durch diese Bäder „schleusen“ können. Die Aufenthaltskosten im neuen Seebad sollten pro Tag nur 2 Reichsmark betragen und darin sollten auch sämtliche Nebenkosten, wie z. B. Kurtaxe, Strandkorb und auch Badeanzug, Badetuch etc., enthalten sein. 20.000 Urlauber auf einmal sollten hier ihre „gleichgeschalteten“ Ferien verbringen. Doch dazu sollte es nicht kommen: Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurden die Bauarbeiten umgehend eingestellt; Material und Arbeiter mussten militärischen Zwecken dienen. Gegen Ende des Krieges wurde die insgesamt vier Kilometer lange Anlage zur Unterbringung von Flüchtlingen und Vertriebenen genutzt.
Erst kamen die Sowjets, die ab 1948 versuchte, die Gebäude zu sprengen. Die Sprengungen zeigten aber nicht den gewünschten Effekt, die Gebäude blieben stehen, waren einige Monate lang für die allgemeine Plünderung zugänglich und dienten der Roten Armee als Truppenunterkunft. 1951 wurde die Anlage der DDR übergeben; fortan waren dort NVA-Soldaten, Militärschulen und Wehrdienstverweigerer, die so genannten Bausoldaten, die zum Aufbau des Fährhafens Mukran eingesetzt wurden, untergebracht.
Das erste Kinderferienlager auf dem Gelände in Prora fand 1949 statt, ab 1956 übernahm es die NVA und brachte im „Pionierferienlager Wilhelm Pieck“ bis zur Wende rund 60.000 Kinder in dem Ferienlager unter. Im Block 1 unterhielt die NVA das „Walter-Ulbricht-Heim“, später „NVA-Erholungsheim Prora“, mit 800 Betten, ganzjährigem Betrieb und wechselndem kulturellem Angebot.
Nach dem Ende der DDR blieb das Gelände zunächst Sperrgebiet, ging an die Bundeswehr über, wurde aber 1992 geschlossen. Das Militär zog aus Prora ab; seit 1993 ist das Areal wieder öffentlich zugänglich. Heute stehen von den ursprünglich acht Blöcken noch fünf, die unter anderem ein „All-in-One-Museum“ und das Dokumentationszentrum Prora beherbergen. Ein Teil der Anlage wird vom Deutschen Jugendherbergswerk als Zeltplatz betrieben. Während man nun an höchster Stelle noch um den „Koloss von Rügen“ pokert, sind Ausstellungsmacher längst aktiv geworden. Seit 1992 gestalteten sie eine Museumsmeile mit neun Ausstellungen in fünf Museen und Galerien. Allein das Museum zum Anfassen hat inzwischen 4 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Im Dokumentationszentrum Prora auf der zweiten Etage liegen die Räume der ehemals in Prora stationierten 16. Kompanie, stilgetreu rekonstruiert. Von der Blümchentapete bis zur benutzten Zahnbürste und dem Kunstdruck an der Wand - hier ist alles echt. Neben verschiedenen Museen gibt es hier noch einen Jugendzeltplatz, eine Diskothek und viel weißen Strand.
Auf diese Weise dokumentiert die Ausstellung im Dokumentationszentrum in Prora auf Rügen die Situation Rügens in der Zeit des Nationalsozialismus und die Baugeschichte des Kolosses von Prora von den ersten Planungen über die Grundsteinlegung bis hin zur Nutzung im Zweiten Weltkrieg und in der DDR. 1952 begann der Ausbau zu einem Standort der Kasernierten Volkspolizei, später der Nationalen Volksarmee. Prora blieb bis zum Ende der DDR militärisches Sperrgebiet, umgeben von zahlreichen Legenden.
Ein ReiseTravel User erinnert sich: „Historisch ist dort das Allerwichtigste, dass zu meinen Zeiten der DDR, dort die Spatensoldaten geknechtet wurden. Sie waren vor allem im Einsatz im Rostocker Überseehafen. Heute erholen sich in der neuen Jugendherberge zu sehr, sehr großer Zufriedenheit hunderte Deutsche Jugendliche“.
Der Koloss von Prora – ein interessanter Ausflugstipp und auf alle Fälle besuchenswert. Nicht nur zum Thema: „Vorwärts und dabei nicht vergessen - von Ferien, Fisch und FKK auf Rügen“, der Tourismuszentrale Rügen GmbH.
Kontakt
KulturKunstStatt Prora
Objektstrasse Block 3, TH 2, D-18609 Prora (Rügen)
Tourismuszentrale Rügen GmbH
Bahnhofstraße 15, D-18528 Bergen auf Rügen
Telefon: (0 38 38) 80 77 80, Fax: (0 38 38) 25 44 40, info@ruegen.de
Buchtipp: ReiseTravel empfiehlt
Ostseeküste 1933-1945
In den ehemals dünn besiedelten Regionen entlang der Ostseeküste bauten die Nationalsozialisten eine Vielzahl von militärischen Anlagen: das Raketentestgelände in Peenemünde auf der Insel Usedom, die Erprobungsstelle Tarnewitz bei Boltenhagen oder den Flugplatz auf dem Priwall bei Travemünde. Zugleich entstanden in den Küstenstädten zahlreiche Industriestandorte, Werks-, Wohn- und Gartensiedlungen.

Viele dieser militärischen und zivilen Bauten prägen noch heute das Bild der Städte und der Landschaften, andere sind kaum noch erkennbar, da sie zerstört, demontiert oder einer neuen Nutzung zugeführt wurden. Erstmalig gibt dieser historische Reiseführer einen Überblick über die Zeugnisse der NS-Diktatur an der Ostseeküste: von Flensburg über Eckernförde, Kiel, Lübeck, Wismar, Rostock und Stralsund bis nach Swinemünde. Die einzelnen Hinterlassenschaften des Nationalsozialismus werden in knappen und anschaulichen Texten erläutert. Sonderseiten widmen sich übergreifenden Themen wie der Organisation „Kraft durch Freude“, den Bunkerbautypen der Region oder den Flüchtlings- und Deportationsströmen. Historische und aktuelle Fotografien sowie Detail- und Übersichtskarten helfen bei der Spurensuche vor Ort.
Martin Kaule: Jahrgang 1979, 1999 bis 2001 Studium zum Informatik-Betriebswirt an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Berlin, seit 2001 Fotodokumentation von aufgegebenen Militär-, Industrie- und Verkehrsarealen, seit 2005 Organisation von militärhistorischen Führungen und Forschungsreisen
Wer die Ostsee bereist, wird in diesem „historischen Führer“ viele Informationen finden, die ein üblicher Reiseführer nicht enthält und die viele Einheimische auch nicht (mehr) wissen. Nicht nur deshalb bildet das Buch eine gute Ergänzung zu den „normalen“ Reiseführern.
Ostseeküste 1933-1945 – Der historische Reiseführer, Christoph Links Verlag, ISBN 978-3-86153-521-8, www.linksverlag.de
Das Buch kostet im Buchhandel 14,90 Euro.
Ein Beitrag für ReiseTravel von Gerald H. Ueberscher
Weitere Berichte zum Thema: Insel Rügen
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