Suche

Bonn

„Kleines Städtchen am Rhein“

60 Jahre Bundesrepublik: Eine Entscheidung für das „Städtchen am Rhein“. Das Wort Provisorium war damals in aller Munde. Und zwar in Bezug auf alle Dokumente und Beschlüsse, die 1948 und 1949 zur Gründung der Bundesrepublik erarbeitet wurden. Hauptstadt wie Grundgesetz sollten Teil einer provisorischen Ordnung sein, welche nur für die Übergangszeit bis zur Wiederherstellung der deutschen Einheit gelten sollte. Diese Spanne wurde 1949 als eher kurz eingeschätzt, und niemand ahnte, dass sie 40 Jahre währen sollte. Ebenso wenig ahnte jemand, dass Bonn fünf Jahrzehnte als Bundeshauptstadt fungieren würde.  

„Kleines Städtchen am Rhein“Bonn am Rhein 

Am 1. Juli 1948 hatten die West-Alliierten den obersten Repräsentanten der westdeutschen Politik in den so genannten „Frankfurter Dokumenten“ ihre Pläne für einen Weststaat mitgeteilt. Die Vorbehalte der Deutschen waren groß, besonders die Angst vor einer endgültigen Teilung Deutschlands. Aber die Weichen waren gestellt. Noch im Juli berieten die Ministerpräsidenten aller Westzonen-Länder ihre Antwort an die Militärgouverneure. Die Vollmachten wollten sie zwar annehmen, aber nicht in der Form, wie sich die Alliierten das gedacht hatten.

Zum Beispiel: Die Ministerpräsidenten lehnten eine „Nationalversammlung“ zur Beratung und Verabschiedung einer Verfassung ab, die durch Volksabstimmung in Kraft gesetzt werden sollte. Stattdessen sollten die Landtage ein Gremium wählen, das ein provisorisches Grundgesetz - der Begriff Verfassung wurde abgelehnt - ausarbeiten würde. Das sollte die Entwicklung offen halten. Man wollte zu größerer Selbstständigkeit kommen, ohne die Ostzone ausdrücklich preiszugeben. Es mussten Kompromisse gefunden werden, mit denen man den Alliierten soweit wie notwendig entgegenkam, ohne den grundsätzlichen Vorbehalt gegen die Gründung eines deutschen Teilstaats aufzugeben. Der Begriff Grundgesetz musste durchgesetzt werden, und weiter erschien es unverzichtbar, dieses Grundgesetz nicht durch Volksentscheid, sondern durch die Landtage ratifizieren zu lassen: Das waren die Positionen, mit denen das Provisoriumskonzept gestützt wurde. 

Bei den Abschlussverhandlungen mit den Militärgouverneuren am 26. Juli zeichneten sich zunächst eine Ablehnung der deutschen Wünsche und ein Scheitern der Verhandlungen ab. Dem Hamburger Bürgermeister Max Brauer (SPD), Bayerns Ministerpräsident Hans Ehard (CSU) und Wilhelm Kaisen, dem sozialdemokratischen Bürgermeister von Bremen, gelang es jedoch durch geschicktes Taktieren, ein befriedigendes glückliches Ende der Konferenz zu erreichen. Im Namen der drei westlichen Besatzungsmächte gab General Pierre Koenig schließlich das offizielle Einverständnis zur Errichtung der Bundesrepublik. 

Etliche Hürden waren auch im Weiteren zu nehmen, ehe ein gutes Jahr später im September 1949 der erste deutsche Nachkriegsstaat ins Leben gerufen wurde. Die Hauptarbeit lag beim Parlamentarischen Rat, wie die Verfassung gebende Versammlung nun endgültig hieß. Der traf sich im September 1948 erstmals. Als Tagungsort wurde die Universitätsstadt Bonn gewählt, beworben hatten sich auch Celle, Düsseldorf, Frankfurt, Karlsruhe und Köln. Die Ministerpräsidenten entschieden sich für Bonn, damit auch die Britische Zone in der Gründerzeit der Nachkriegsrepublik mit einem wichtigen Ort vertreten war. Die Entscheidung über die künftige Hauptstadt sollte damit aber keineswegs vorweggenommen werden. Frankfurt galt wegen seiner verkehrsgünstigen Mittellage, als Sitz des Bizonen-Parlaments und der Bizonen-Administration noch lange Zeit als künftige Bundeshauptstadt. Bonn am Rhein  

In Bonn wurden in aller Eile Quartiere und Büros für die Abgeordneten geschaffen, und die Pädagogische Akademie - das spätere Bundeshaus am Rheinufer - als Tagungsstätte des Parlamentarischen Rates hergerichtet.   

Museum Alexander Koenig

Bonn am Rhein 

Dessen Eröffnungssitzung fand im Rahmen eines Festaktes am 1. September 1948 im Museum Alexander Koenig in Bonn statt, und alle weiteren Plenar- und Ausschusssitzungen wurden unter Vorsitz von Konrad Adenauer (CDU) in der Pädagogischen Akademie abgehalten. Im Parlamentarischen Rat trafen die parteipolitischen Vorstellungen über den neu zu gründenden Staat aufeinander. Seit im Nachkriegsdeutschland politische Parteien wieder zugelassen waren, stießen auch parteipolitische und ideologische Gegensätze aufeinander. Sie spielten auch während der Ausarbeitung des Grundgesetzes eine wesentliche Rolle.

Beispiele: Sollte Gott ins Grundgesetz aufgenommen werden?

Wer sollte für die Verwaltung der Finanzen verantwortlich sein?

Und wie sollte die Länderkammer beschaffen sein?

Grundlage der Diskussionen waren die im August 1948 auf der Insel Herrenchiemsee erarbeiteten „Richtlinien für ein Grundgesetz“. 

Dennoch waren sich die Vertreter der demokratischen Parteien in vielen grundlegenden Fragen schnell einig - vor allem in der Absicht, einen demokratischen Staat in einem geeinten Europa zu errichten. Auch der Grundrechtsartikel mit der Abschaffung der Todesstrafe wurde ohne Diskussion in den Grundgesetzentwurf aufgenommen. Unstrittig war auch die Errichtung eines starken, unmittelbar vom Volk gewählten Parlaments. Dieses Parlament sollte den Hauptanteil an der Gesetzgebung erhalten, die Regierung sollte von ihm abhängig sein und schließlich sollte das Parlament maßgeblich bei der Wahl des Bundespräsidenten mitwirken. 

Viele Monate wurde in Bonn diskutiert, wurden Bestimmungen festgelegt und verworfen. Am 8. Mai 1949 war es dann soweit: Der Parlamentarische Rat nimmt das neue Grundgesetz mit 53 zu 12 Stimmen an. Die Besatzungsmächte stimmen ebenso zu wie die Länderparlamente - mit Ausnahme Bayerns. „Für uns Deutsche“, verkündete Konrad Adenauer anschließend, „ist es der erste frohe Tag seit 1933“. Am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz in Bonn feierlich verkündet und unterzeichnet.  

Arbeitszimmer von Konrad Adenauer

Bonn am Rhein 

Noch nicht entschieden war, wo die künftige Hauptstadt sein würde. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Frankfurt, der großen Industrie- und Bankenmetropole, und Bonn, dem „kleinen Städtchen am Rhein“ hatte eingesetzt, Kassel und Stuttgart waren schon aus dem Rennen. Der Parlamentarische Rat entschied sich am 10. Mai in geheimer Wahl mit 33 zu 29 Stimmen für Bonn - ein durchaus unerwartetes Ergebnis. Konrad Adenauer, der „Alte“ aus Rhöndorf, hatte maßgeblichen Anteil an dieser Wahl. Aber auch die Bonner Stadtverwaltung und die Bürger selbst. Sie hatten die in aller Eile geschaffenen Voraussetzungen für den reibungslosen Ablauf des Parlamentarischen Rates geschaffen, die Pädagogische Akademie hergerichtet, und die Bürger hatten teilweise ihre Wohnungen für die Abgeordneten bereitgestellt. Bonn wurde belohnt. Am 3. November bestätigte der neu gewählte erste deutsche Bundestag die Entscheidung. Bonn ist Bundeshauptstadt - provisorische Bundeshauptstadt. 

Was folgte, war ein Plan, wo die Bundesorgane untergebracht werden könnten. Und wo konnten die Bundesbeamten und ihre Familien wohnen?

Durch den Abzug der Besatzungsstreitkräfte waren zwar viele Gebäude frei geworden, aber das reichte noch nicht. Ein neu gegründeter Raumplanungsausschuss nahm das Projekt Hauptstadt-Ausbau in Angriff. Neben der Pädagogischen Akademie entstand der neue Plenarsaal, der fast vier Jahrzehnte seinen Dienst tat und erst 1992, nach einer Übergangszeit im alten Wasserwerk, vom neuen Plenarsaal abgelöst wurde; ein Nord- und Südflügel wurde für die Fraktionssäle und Büros gebaut. Die Ministerien finden zunächst in Provisorien Platz: das Innen- und Justizministerium in der Polizeischule, das Finanzministerium in Räumen des Finanzamtes, das Wirtschaftsministerium in der geräumten Troilo-Kaserne in Duisdorf. Und der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer hatte sein Büro im altbekannten Museum Koenig, wohnen konnte er im Hotel Königshof, bis ein Privathaus bezugsfertig war.

Bonn am Rhein 

Der konstituierenden Sitzung des ersten Bundestages mit der Eröffnungsrede von Alterspräsident Paul Lobe (SPD) folgten 13 weitere Wahlperioden, die von Bonn aus gestaltet wurden. Die ersten Jahre der jungen Republik waren geprägt vom Aufbau nach dem Krieg und vielen Herausforderungen.

Bundesbehörden mussten inhaltlich und räumlich errichtet werden, die Wirtschaft und damit auch Industrieanlagen mussten in Gang gesetzt, die Arbeitslosigkeit gesenkt werden. Im „weißen Haus am Rhein“ lagen für das Parlament die Schwerpunkte der Gesetzgebung auf der Bewältigung der Soziallasten und der Kriegsfolgen und der Aufbau einer neuen sozial- und rechtsstaatliche Ordnung. Allein in den ersten beiden Wahlperioden wurden 1.052 Gesetzentwürfe beschlossen. 

Die Begeisterung der Bonner Bevölkerung über das „Amt“ als Hauptstadt war groß, doch das legte sich mit den Jahren und wich eher einer Gelassenheit. Denn die stetige Präsenz von hohen Politikern und Staatsgästen brachte auch eine stetige Präsenz von Polizei und Sicherheitskräften mit sich. Demonstrationen und Straßensperren waren an der Tagesordnung, das wurde zum „business is usual“ für die Bevölkerung. Und Bonn wurde auch als Ort zwar oft großer, aber immer friedlicher Demonstrationen bekannt.

Nach wie vor allerdings haben zahlreiche Bonner Bürger eine enge Beziehung zum „Bund“, denn sie arbeiten als Beamte oder Angestellte in den in Ministerien, die in Bonn ihren ersten oder zweiten Dienstsitz haben, oder sie arbeiten in einer der über 20 Bundesbehörden, die als Ausgleich für den Verlust von Arbeitsplätzen nach Bonn verlagert wurden. Und viele pendeln gar nach wie vor zwischen Bonn und Berlin, da sie die hohe Lebensqualität in dem „kleinen Städtchen am Rhein“ nicht aufgeben wollen.

 

Kontakt

 

Tourismus & Congress GmbH

Region Bonn / Rhein-Sieg / Ahrweiler

Adenauerallee 131, D-53113 Bonn

www.bonn-region.de

 

Bundesstadt Bonn – Rathaus

Berliner Platz 2, D-53103 Bonn

www.bonn.de

 

Ein Beitrag für ReiseTravel von Dr. Monika Hörig, Fotos Gerald H. Ueberscher, eu@reisetravel.eu

 

Weitere Berichte zum Thema: Bonn 

An Vielfalt gewonnen

Der Petersberg

Kulturelle Bundesstadt

Weg der Demokratie beim Beethovenfest Bonn

Der Regierungsbunker

 

 

 

ReiseTravel empfehlen/merken:
del.icio.usLinkaARENAMister Wonggoogle.comYahooMyWeb

ReiseTravel aktuell:

Hensted

Strahlend blauer Himmel, die Sonne scheint: Da werden die Fahrräder flugs aus Kellern und Schuppen geholt. Doch aufgepasst mahnt Thorsten Rudnik,...

Völz

Völs am Schlern als Familien-Urlaubsparadies mit hohem Erlebniswert: Sanft streichelt die Sonne die saftig grünen Almen, auf denen kleine Dörfer,...

München

Eine Art Testlauf war das Fachsymposium „Regionale Schätze – Genuss aus Münchens Vorgarten“. Falls die Veranstaltung ein Erfolg wird, so hieß es,...

London

Rolls-Royce - Edel und für viele unerschwinglich: Was haben Thomas Gottschalk und David Beckham gemeinsam? Vielleicht nicht wirklich viel, aber auf...

Regensburg

Reisen & Speisen in Regensburg führen zu facettenreichen Erlebnissen: Egal, wie lange ein Regensburg Aufenthalt dauert, einen kulinarischen...

Klaistow

Spitzenleistung: Wenn der Spargel seine Spitzen durch den märkischen Sand treibt, dann wissen Berliner und Brandenburger, dass wieder Saison für...

Rom

In Bella Italia waren Sie schon lange nicht mehr, sind aber grundsätzlich nicht abgeneigt? Bei mir war es bis vergangene Woche genauso. Da habe ich...

Peking

Noch Dunst oder schon Smog? Klare Sicht ist in Peking selten. Die Chinesen kaufen zu wenige chinesische Autos. Chinas Hersteller bangen um ihre...

Uly Koch

In Donaueschingen befindet sich die Quelle der Donau: Nach 609 Kilometern durch Deutschland fließt der Fluss dann weiter durch zahlreiche Länder und...

Volker Lange

Volker Lange   Kurz vor der AMI: Vom 2. bis 10. Juni 2012 findet die AUTO MOBIL INTERNATIONAL (AMI) als PKW-Messe des Jahres in...