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Aosta

Wanderer zwischen Viertausendern

Italien teilt sich in zwanzig Regionen: Die kleinste, das autonome Aostatal, umfasst ganze 3262 Quadratkilometer und liegt an der nordwestlichsten Spitze des Landes. Die Region grenzt nördlich an die Schweiz (Kanton Wallis), westlich an Frankreich (Rhônes-Alpes), südlich und östlich an die Region Piemont. Das Tal säumen Alpengipfel der höchsten Kategorie: An der Westgrenze reckt sich der höchste Gipfel Europas, der Mont Blanc. An der Nordgrenze erstreckt sich der Monte Rosa mit 28 Spitzen, die alle die Höhe von 4000 Metern überragen.

Seit 1948 ist dem Aostatal besondere Autonomie in Gesetzgebung und Verwaltung gewährt. Italienisch und Französisch sind als gleichwertige Sprachen anerkannt. Die dortige Wirtschaft stützt sich auf Tourismus, Milch- und Käseproduktion sowie Qualitätsweine. 

Schlösser und Täler locken den Touristen im italienischen Aostatal

Aosta Tal  

Da steht er, der Fremde, und grübelt: Welcher ist denn nun der Vielgepriesene? Ist es der da rechts, der die anderen deutlich überragt, oder der da links, der mit der breiteren Kuppe, oder vielleicht der da ganz hinten, dem ein paar schneeweiße Wolken das Haupt streicheln? Der Fremde hört anfangs nur mit halbem Ohr, was ihm seine freundliche  Begleiterin zu sagen weiß: Dass das Aostatal die kleinste Region Italiens ist. Dass sich ringsum die höchsten Berggipfel Europas reihen. Dass der kräftig rauschende Fluss in der Talsenke „Dora Baltea“ heißt und dass durch Gletscher und Wildbäche 13 Nebentäler entstanden sind.

Obwohl der Fremde schon leicht ungeduldig wirkt, lässt sich die Frau nicht beirren und setzt, so will es das Reiseleiter-Gesetz, ihren Einleitungsvortrag tapfer fort. Seit der Antike, sagt sie etwa, bildet das Aostatal einen wichtigen Kreuzungspunkt der Westalpen. Begrenzt wird es mit Frankreich durch den Mont Blanc-Tunnel und den kleinen Sankt Bernhard-Pass und  mit der Schweiz durch den großen Sankt Bernhard-Pass sowie den gleichnamigen Tunnel.

An dieser Stelle gelingt dem Fremden endlich die Frage, die ihm die Frau längst an der Nasenspitze angesehen hatte: Wo er denn nun, bitte sehr, wirklich zu sehen sei – der höchste Berg der Alpen, der Weiße, eben der Mont Blanc oder, wie die Italiener ihn nennen, der Monte Bianco?

Aosta Tal  

Dolores Jurillo, seit Jahren erfahren im Umgang mit Neugierigen, weist mit ausgestrecktem Arm auf den mächtigsten der vielen Kolosse, die das Tal säumen und die magische 4000-Meter-Höhe überragen: „Da ist er – 4807 Meter hoch. Seine typische Eiskappe beginnt schon in der halben Höhe und kann bis 23 Meter dick werden. Den werden Sie jetzt vier Tage lang bestaunen können.“ Und die Frau gleich mit. Die rede- wie sprachengewandte Italienerin hatte vom Tourismusministerium der Region Aostatal die Oberhoheit über fünf Berliner Journalisten übertragen bekommen, die auf Einladung  der Italienischen Zentrale für Tourismus ENIT zu einer „Reise durch Täler und Schlösser“ gestartet war. Frau Jurillo war schon deshalb goldrichtig, weil sie in der Hauptstadt dieser Region, in Aosta, geboren und ebendarum für überaus versierte Heimatkunde prädestiniert ist.

So bekommt der Zugereiste aus erster Hand die Stadt ans Herz gelegt, die der Region den Namen gibt. Weit ist da auszuholen, bis ins Jahr 25 v. Chr., als die Römer den wegen seiner günstigen Alpenpässe wichtigen strategischen Knotenpunkt besetzten und als „Augusta Praetoria“ versteinerten. Und zwar in erstaunlicher Fertigkeit: Noch heute gelten zahlreiche gut erhaltene Bauwerke als Touristenmagnet. Der Augustusbogen etwa, die Porta Praetoria, das größte in allen Einzelheiten erhaltene Stadttor, der römische Wandelgang aus der Zeit  von Kaiser Augustus, teilweise in die Erde eingelassen und eine Galerie mit zwei Schiffen umfassend. Schließlich das römische Theater, gleichfalls aus Augustus’ Ägide: monumentale Fassade der Bühne, gekennzeichnet von Bögen und Fenstern, in rechteckiger Struktur integrierter Zuschauerraum. Man würde zu gern auf die nächste Vorstellung warten... 

Was die Vorfahren unserer Gastgeber (in aktuellen Berichten gern und falsch die „alten“ Römer betitelt) vor mehr als 2.000 Jahren zustande brachten, lassen die „jungen“ Römer, die derzeitigen Touristen, reichlich in der Stadtkasse zurück: 80 Prozent der hier schlafenden Urlauber, so Laurette Proment vom Marketing des Tourismus-Ministeriums der Region, stammen aus Italien. Deutsche halten sich noch deutlich reserviert.

Ihr Urteil: Die Werbung müsste gerade im deutschen Raum spürbar intensiver werden.

Die Aosta-Schlösser bieten sich für Urlauber-Inspektionen geradezu an. Als allerdings Dolores Jurillo von sage und schreibe 120 Schlössern spricht, die sie zu bieten hätten, löst sie nicht gelinden Schrecken aus. Das alles in vier Tagen? Die Beruhigung folgt auf dem Fuße: Ganze sechs (manchmal zwei mehr) sind zu besichtigen. Die aber haben es in sich.

Die Burg von Sarre, standesgemäß auf einer Anhöhe gelegen und damit den Eingang des Obertals beherrschend, ist urkundlich schon im 13. Jahrhundert erwähnt. Ab 1869 Wohnsitz von König Vittorio Emanuele II. und Hauptquartier für seine Jagdzüge. Beweis für seine Treffsicherheit oder auch die seiner Begleiter: Drei Säle im Schloss sind dem Weidwerk des Königs gewidmet – die Geweihe von 969 prächtigen Steinböcken zieren die majestätischen Wände.

Die Burg Fénis, die berühmteste des Tals, erstmals 1242 erwähnt, ursprünglich karge Festung, dann zeitweilig mit wertvollen Fresken geschmückt, später zerfallen und als Bauernhof genutzt. Versuche, ein Museum daraus zu machen, dauern bis heute an.

Das Schloss Issogne, Residenz seit dem 15. Jahrhundert. Prächtige Wandbemalung der Innenräume, im Hof eleganter Bogengang mit Darstellungen aus dem täglichen Leben. Im Eingangsbereich der berühmte achteckige Brunnen mit dem schmiedeeisernen Granatapfelbaum, der gerade restauriert wird.

Das Schloss Verres, um 1390 erbaut. Würfelförmige Struktur. Monumentale Innentreppe und prächtige Kamine.

Die Festung Bard, 11. Jahrhundert, 1800 von Napoleons Truppen völlig zerstört, 1838 wieder erbaut. Heute hochmodernes und für Jung und Alt lehrreiches Alpenmuseum. Wer alles über die Alpen wissen will – seit 2006 ist hier seine Hochschule. Zwar hoch am Berg gelegen, aber bequem zu erklimmen: per Lift.

Aosta Tal

Der nunmehr nicht mehr ganz so Fremde schließt zufrieden das Exkursions-Ziel „Schlösser“ in seine Erinnerung ein und will mehr zum Schlagzeilen-Substantiv „Täler“ erfahren. Ihm helfen dabei ein schnelles Auto, ein Riesenpacken übersichtlich geordneter und mit Karten gespickter Wanderbroschüren, selbstverständlich die unermüdliche Dolores und eine Handvoll freundlicher Wirtsleute.

Aosta hat ihn voll erwischt.

Zum Beispiel beim Versuch, die Natur in festen Schuhen zu erleben. Wie viel markierte Wanderwege und -pfade es genau gibt, weiß kein Mensch. Aber sie zu erkunden, reicht ein kompletter Sommerurlaub nicht. Die Angebotspalette umfasst sowohl Kurztrips wie den „Spazierweg der Königin“ als auch anstrengendere Ausflüge wie (von Cogne aus) die einstündige Strecke durch den geologischen Park zu den faszinierenden, aus drei Kaskaden bestehenden Wasserfällen von Lillaz.

Für den erfahrenen Wanderer empfehlen sich Wege in mittleren Höhen, die schon Unterschiede bis zu 2000 Metern haben können. Den im wahrsten Sinne des Wortes Gipfel des Wandervergnügens bietet die TMB, die spektakuläre Tour du Mont Blanc, die sich durch italienisches, französisches und schweizerisches Staatsgebiet schlängelt, und zwar über nahezu 200 Kilometer. Wer das in zehn dafür geplanten Gehtagen schafft – Chapeau!

Es geht allerdings, wie so vieles im Leben, auch anders. Ein weit gefächertes Netz von Seilbahnen und Sesselliften macht das Erkunden der Alpenwelt wesentlich einfacher. Von La Palud etwa, einem Flecken in der Nähe von Courmayeur, schwebt die Seilbahn, die PR-Leute dort in aller Bescheidenheit THE EIGHTH WONDER OF THE WORLD nennen, mit Umsteigen am Pavillon du Mont Fréty bis hinauf zum Punta Helbronner in knappen zwanzig Minuten. Dort steht dann der Gast bei spürbarer Kühle in 3.462 Höhenmetern und starrt ehrfürchtig auf den scheinbar greifbar nahen Mont Blanc. Und berauscht sich ein wenig an den großen Namen der im weiten Umkreis sichtbaren 4000er: Monte Cervino (Matterhorn), Monte Rosa, Grandes Jorasses. Und dann formt er sich aus Restschnee ein Bällchen, wirft’s in die Tiefe und schwebt gemütlich wieder ins Tal. Fremder ist er längst nicht mehr. 

Ob Spaziergang oder Gewaltmarsch, ob Alpenanfänger oder Profi, ob Sommerurlaub oder Skivergnügen:

Aosta Tal

Das Wohlbefinden des Gastes im Aostatal  wird nicht unbeträchtlich von der dortigen Gastronomie bestimmt. Viel Käse gehört dazu, Aufschnitt, Pilze und möglichst oft Schweinefleisch. Nun ist es müßig, über italienische Kochkunst zu schreiben, wo doch längst jeder Berliner seinen Lieblings-Italiener hat. ENIT ließ uns ein bisschen in die Töpfe schauen bei den Herren Marco Stefenelli („Lou Bequet“, Cogne), Massimo Javre („Mont Nery“, Gressoney) und Andrea Betti („ Pavillon du Mont Fréty“, Courmayeur) - durch die Bank Meister ihres Fachs. Wie zu erwarten, verrieten sie ihre exzellenten Rezepturen mit keinem Sterbenswörtchen. Wie aber eines der traditionellen Aostataler Agrarprodukte zubereitet wird, nämlich gegrillter  Schinken, der auf  keiner Speisekarte fehlt, sei dennoch ausgeplaudert: Man reibe den Schinken mit einer gehackten Kräutermischung ein, salze und brate ihn auf einem Grillbecken, und zwar auf einem Holzkohlefeuer aus (falls gerade zur Hand) Tanne, Lärche, Waldkiefer, Erle und Esche, bestreiche das Fleisch ab und zu mit Weißweinessig und Honig und  serviere schließlich die Delikatesse mit grünen Bohnen oder Polenta. Guten Appetit!                                  

Gran Paradiso – der Nationalpark: Gegründet wurde der Park zwischen dem Piemont und dem Aostatal schon 1922, der erste in Italien. Heute umfasst das Gebiet  70 000 Hektar Lärchen- und Tannenwälder, ausgedehntes Berggrasland, Felsgestein und Gletscher bilden eine ideale Landschaft für Entdeckungstouren bis hoch zum gewaltigen, 4061 Meter messenden Gran Paradiso. Hier findet der Tourist alles, was er schon immer sehen wollte – Bartgeier und Fichtenkreuzschnabel, Murmeltier und Rauhfußkauz, vor allem Steinböcke und Gämsen – wenn er denn Glück und ein scharfes Auge hat. Die einschlägigen Flyer behaupten, selbst der Steinadler könne „leicht beobachtet werden“. 

www.enit.de

 

Ein Beitrag für ReiseTravel von Joachim Blady.

 

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