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Peter Schwerdtmann

Detroit – mon amour

Detroit: Einst Hauptbahnhof, jetzt Symbol des Verfalls. Vor der Tür der Cobo Hall erwischte mich der Reporter vom öffentlichen Radio in Detroit. Eigentlich hatte ich die North American International Auto Show rasch verlassen wollen. Doch er fragte mich nach meinen Eindrücken von Detroit und von der Auto Show. Da konnte ich nicht widerstehen; denn das Schicksal dieser Stadt bewegt mich nun seit 16 Jahren. Ich weiß nicht, was mich an dieser Stadt mehr beeindruckt hat – das scheinbar unaufhaltsame Sterben, der unverbrüchliche Optimismus ihrer Bürger in Downtown und in den umliegenden Vorstädten oder die nun sichtbare rasche Erholung.

Mein erster Kontakt fand bei einer Auto Show statt. Ich fuhr für einen Dollar mit der „People Mover“ genannten Hochbahn vom Hotel im auch heute noch beeindruckenden Renaissance Center einmal um die City zur Cobo Hall – und sah kaum ein Auto und schon gar keine Menschen auf den Straßen.

Erst im Jahr darauf erkannte ich, dass die meisten der architektonisch sehr interessanten Hochhäuser aus den 20er Jahren leer stehen. Manfred Zimmermann – Freund und Fotograf – und ich beschlossen, den Niedergang zu dokumentieren. Manfred wollte die „morbide Schönheit“ festhalten. Damals entstanden brillante Fotos von schier unglaublichen Motiven. Zwei davon entwickelten für uns starke Symbolkraft.

Zunächst das Michigan Theater in Downton aus den 30er Jahren – umgebaut zu einem Parkhaus, indem man im Zuschauerraum eine Zwischendecke einzog. Der Vorhang hing noch in Fetzen vor der Bühne, die Läufer auf den Treppen hinauf zu den Logen waren noch da, ebenfalls die hohe runde Decke voller Gips-Barock. Das Parken war unten billiger, weil oben schon mal ein Brocken Gips aufs Auto fallen konnte.

Das zweite Symbol war der aufgelassene Hauptbahnhof, in dessen vielen Stockwerken einst auch die Verwaltung der längst vergessenen Eisenbahngesellschaft untergebracht war. Damals konnte man mit Mut und ohne Genehmigung noch einen Blick in die alte Bahnhofhalle werfen: ebenfalls Gips-Barock und eindrucksvoll groß. Die Scheiben bis in die höchsten Stockwerke eingeworfen oder eingeschlagen: eine tödlich verwundete Schönheit.

Heute hat das Haus wieder einen Besitzer. Die Fensterreste sind entfernt. Offenbar steht die Sanierung kurz bevor. Auch das ein weithin sichtbares Symbol in einer Stadt, die ihre spektakulären Bauten dem Verfall preisgegeben hatte und unter mehr als 40 Prozent Arbeitslosigkeit litt.

Unsereins, der den deutschen Denkmalschutz kennt, lernt in Detroit Bescheidenheit und freut sich, wenn eines der einst prächtigen Häuser renoviert wird. In diesem Jahr war meine Freude groß zu sehen, wie viel und wie schnell sich Detroit verändert: weggeräumte Ruinen, erste restaurierte Häuser, Neubauten im Bereich der Innenstadt.

Einst stand ich morgens kurz vor zehn auf der Woodward Avenue, der Hauptstraße von Downtown – kein Mensch zu sehen, dafür aber ein flaues Gefühl im Magen angesichts der leeren Fensterhöhlen des Hudson Warehouse, des einst größten Kaufhauses in Nordamerika, jetzt für die Sprengung vorbereitet. Heute: alles neu, alles hell, alles belebt, alles sauber. Auferstanden aus Ruinen.

Mir gefällt es. Diese Stadt wird nicht untergehen. Mancher hält es für eine der sympathischen Charaktereigenschaften der Amerikaner, dass sie ihren Optimismus nicht nur zur Schau stellen. Doch selbst die neue, helle Woodward kann nicht verbergen, dass viele der Hochhäuser in der Innenstadt leerstehen. Noch hat Detroit es nicht geschafft.

Spätestens in einem Jahr, bei der nächsten North American International Auto Show in der Cobo Hall, werde ich wieder sehen, wie die Dinge sich entwickelt haben. Der amerikanischen Automobilindustrie geht es wieder besser. Das sollte auch auf Detroit ausstrahlen.

Der Rundfunk-Reporter scheint erleichtert von meiner positiven Sicht auf die Entwicklung der Stand. Nach seinen ersten Fragen hatte sein Gesicht noch Entsetzen ausgedrückt. Ich hatte Detroit in der Vergangenheit mit einem Friedhof verglichen. Zum Schluss war meine Sicht auf seine Stadt dann doch sendefähig.

 

Ein Beitrag für ReiseTravel von Peter Schwerdtmann, Auto-Medienportal.Net

 

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