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Deutschlands gerechter Zugang zum Abitur
Kann man davon ausgehen, dass die Vertreter der Wirtschaftsunternehmen Einblick haben, welche Qualifikationen Schulabgänger für ihren beruflichen Werdegang mitbringen sollten bevor sie auf den „freien Markt“ losgelassen werden? Und sollte man, wenn eine Organisation wie der Verband der bayerischen Wirtschaft ein kompetentes Gremium beauftragt, um notwendige Änderung im Bildungssystem zu analysieren, daraus schließen, dass von dieser Seite aus die aktuelle Situation als änderungsbedürftig erachtet wird?
Kürzlich richtete Prof. Randolf Rodenstock, Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V., in seiner Begrüßungsrede am „Deutschland hat Zukunft-Kongress“ deutliche Worte an den Bayerischen Staatsminister für Unterricht und Kultus: „die bayerische Bildungspolitik sei gut, aber nicht unverbesserlich.“ Man habe den Aktionsrat Bildung 2005 als politisch unabhängiges Gremium gegründet, um die Bildungsdiskussion in Deutschland weiter voranzubringen. Insgesamt sei man mit dem Fortschritt in der Bildungspolitik nicht zufrieden. „Das Beste ist gerade gut genug für ein Feld, in dem es zweifelsfrei um die Zukunft unseres Landes geht. Dabei sollte man das Gute bewahren, um das Ganze zu verbessern“.
Prof. Randolf Rodenstock, Präsident Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V., Dr. Ludwig Spänle, Staatsminister Staatsministerium für Unterricht und Kultus, Moderator Michael Watzke, Heinz-Peter Meidinger, Bundesvorsitzender Deutscher Philologenverband, Prof. Dr. Manfred Prenzel, TU München (v.l.n.r.)
Mit dem Gutachten „Bildung neu denken“ wurde bereits eine grundlegende Analyse unseres Bildungssystems vorgelegt. Die Qualität desselben entscheidet heute mehr denn je über die Wettbewerbsfähigkeit des Landes und damit über dessen allgemeinen Wohlstand, so Rodenstock. Dass wir heute andere Qualifikationen brauchen als noch vor zwanzig Jahren liegt auf der Hand, da müsste sich eben auch das Bildungssystem darauf einstellen. Aktuell hingegen scheinen Flexibilität und Mobilität an den meisten Schulen immer noch Fremdwörter zu sein. Eltern, welche den Wohnort wechseln wollen machen immer wieder die leidvolle Erfahrung, dass ihr Kind von einer Schule zur anderen nicht kompatibel ist.
Bereits 2012 werden uns in Deutschland über 500.000 qualifizierte Fachkräfte fehlen. Daher muss es jetzt schon Aufgabe unseres Bildungssystems sein, das Potenzial jedes einzelnen Kindes zu nutzen. Es darf kein Talent mehr zurückgelassen werden. Allerdings verlassen in Deutschland immer noch 6,5 Prozent aller Schüler eines Jahrganges die Schule ohne einen Abschluss, rund 20 Prozent sind nicht berufsbildungsfähig. So betrachtet ist eine sinnvolle Bildungspolitik mit Sicherheit die beste Sozialpolitik.
Auch im Hinblick auf den Hochschulbereich fallen wir in Deutschland mit 25,5 Prozent Hochschulabsolventen im OECD-Vergleich deutlich zurück. Dort liegt der Durchschnitt bei 38 Prozent. Deshalb hat sich der Aktionsrat Bildung in seinem aktuellen Gutachten mit der Abiturfrage befasst.
Darin macht er sich für ein gemeinsames „Kernabitur“ in Deutschland stark, um mehr Vergleichbarkeit in den Abschlüssen zwischen den einzelnen Bundesländern herzustellen. „Wir wollen keinen Bildungsföderalismus, der Kleinstaaterei und Kirchturmpolitik auf dem Rücken der jungen Leute praktiziert“, so Rodenstock. Wir wollen eine produktive Mischung aus Kooperation und gesunder Konkurrenz zwischen den einzelnen Bundesländern. Diese müssen gemeinsame Standards für bundesweite Prüfungen festlegen, um einen transparenten Vergleich zwischen den Ländern zu gewährleisten.
Die Hochschulen richten sich nach dem Wert der Abiturnote, auf ihr liegt das Hauptaugenmerk bei der Entscheidung über die Zulassung zum Studium. Obwohl nachweislich bei gleicher Leistung die Prüfungsergebnisse in den einzelnen Bundesländern Schwankungen von bis zu einer Note unterliegen.
Wie unterschiedlich die Prüfung zur Hochschulreife in den einzelnen Bundesländern geregelt ist, zeigt allein schon der Unterschied am Anteil der schriftlichen geprüften Fächer. Je nach Bundesland werden 26,7 oder auch 6,7 Prozent des Abiturs schriftlich geprüft. Diese verschiedenen Voraussetzungen spielen allerdings beim Zugang an eine Hochschule nicht die geringste Rolle. Dort werden Noten verglichen, welche eigentlich nicht verglichen werden können. Die Ungerechtigkeit, welche dies zur Folge hat, liegt auf der Hand. Es muss eine Chancengleichheit dringend hergestellt werden, darüber ist man sich einig.
78 Prozent der Bürger und 72 Prozent der Lehrer stimmen aus diesem Grund für eine bundesweit einheitliche Abschlussprüfung zum Abitur. Dieses gemeinsame Kernabitur würde bedeuten, dass durch einheitliche Prüfungen eine sogenannte Kernnote gebildet wird. Sie sollte etwa 10 Prozent des gesamten Abschlusses ausmachen. Die Hochschulen könnten anhand dieser Kernnote die Leistungen unabhängig vom Bundesland, in dem der Abschluss gemacht wurde, untereinander vergleichen und den Abiturienten und Abiturientinnen bliebe noch genügend Spielraum, die für sie infrage kommenden Schwerpunkte in den anderen Fächern zu setzen. Im Rahmen der anschließenden Präsentation dieses Kernabiturs wurde nicht nur detailliert auf den Inhalt eingegangen, sondern auch die Möglichkeiten der Umsetzung und Realisierung dargelegt.
Prof. Dr. Ludger Wößmann wies in seiner darauf folgenden Ansprache darauf hin, dass sich die Frage der Vergleichbarkeit der Prüfungsleistungen dringlicher stellt denn je. Waren es 1955 noch 3,8 Prozent, so sind es heute 46,7 Prozent, ein Drittel jedes Jahrgangs, welche die Hochschulreife erlangen. Umso mehr besteht die Notwendigkeit, ein bundesweit vergleichbares Abitur einzuführen.
Ein Argument der Gegner sind gelegentlich die Sommerferien der einzelnen Bundesländer, welche angeglichen werden müssten. Wohlgemerkt, die Rede ist hier von Sommerferien, die wie der Name schon sagt, in den Sommer fallen. Die Abiturprüfungen finden gewöhnlich um den Monat Mai herum statt.
Des Weiteren, so heißt es, könne man nicht in ganz Deutschland die gleichen Fragen stellen. Was soll uns das sagen im Hinblick auf die Pisa-Studie, dort wird nämlich genau das gemacht. Und außerdem, wenn es um Kernfragen in Sachen Mathematik oder deutsches Textverständnis geht. Welche Unterschiede bestehen da deutschlandweit? Heißt das, in Schleswig-Holstein ergibt sich bei mathematischen Gleichungen ein anderes Ergebnis als z. B. in Bayern.
Diese allgemeinen Fragen würden nur in etwa zehn Prozent der Gesamtnote des Abiturs ergeben. Was bedeutet, dass immer noch ausreichend Möglichkeiten der einzelnen Bundesländer bestünden, beispielsweise ihre regional bevorzugte Literatur abzufragen.
Es geht also nicht um Gleichmacherei, sondern um ein Angebot zur Gleichberechtigung der Studierenden. Passiert am Ende nichts, werden wir um Jahrzehnte zurückgeworfen, so Rodenstock. Das Schlimmste was Deutschland passieren kann wäre es, wenn alle Projekte zu diesem Thema zerredet werden.
In seiner Antwort spricht Dr. Ludwig Spänle, Staatsminister für Unterricht und Kultus in Bayern, von Bildungsgerechtigkeit, bedankt sich für das Aufgreifen des Themas und die Ausführungen und lässt aber deutlich erkennen, dass man ungeachtet dessen lieber am sogenannten Südabitur festhalten will, welches von vier Unions geführten Ländern mit Bayern als Vorbild entwickelt wurde. Dass sich andere Bundesländer freiwillig dem bayerischen Konzept anschließen werden, ist unwahrscheinlich. Eine bundesweite Vergleichbarkeit wäre somit wieder in keinster Weise gegeben. Spänle hingegen träumt davon, dass sich die nicht beteiligten Länder sogar irgendwann von den Bürgern fragen lassen müssen, warum sie sich dem bayerischen Modell nicht angeschlossen haben. Hatten wir so etwas nicht schon mal. Tja, wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. In diesem Fall wären es allerdings wohl die Abiturienten und Abiturientinnen, welche das „Festhalten aushalten“ müssen. Übrigens, wie man die anderen dazu bringt, da zitiert Spänle geheimnisvoll den verstorbenen Landesvater Franz Josef Strauß „Eine Strategie hat man, man spricht aber nicht darüber.“
Wenn man von Mobilität und Gleichheit spricht und sich zugleich ein Hintertürchen offen lässt, doch wieder sein ganz ureigenes Süppchen zu kochen, bezeichnet man das als Länderhoheit wahren, Letztverantwortung der Länder usw. Man kann das auch traditionsbewusst nennen. Gelegentlich aber steht dies der Bereitschaft althergebrachtes zugunsten einer zukunftsorientierten Wandelung zu verändern im Weg wie ein störrischer Esel.
Auch wenn dieses „Mir san mia“ als Ausdruck tiefster bayerischer Unbeweglichkeit mit Stolz vor sich hergetragen wird, so liegt die Kunst in einer sich verändernden Zeit wohl darin, Tradition und Moderne zu vereinen. Wenig lachen über diesen bayerischen Alleingang können weiterhin die bayerischen Abiturienten- und innen. Sie zählen mit zu den Verlierern der aktuellen Regelung im Hinblick auf den Hochschulzugang. Der Aspekt der Chancengleichheit gilt für sie in keiner Weise.
Wir haben keinen gerechten Zugang zum Abitur. Die 1978 eingeführte Bonus-Malus-Regelung, der Versuch eines rechnerischen Ausgleichs zwischen Abiturnoten aus unterschiedlichen Bundesländern, wurde längst wieder aufgehoben. Aktuell besteht eine Differenz von 30 Punkten bei gleicher Leistung. Was zwischen einer Note gut oder sehr gut entscheiden kann.
Wie langsam oder anders die Mühlen im Freistaat mahlen zeigt sich auch beim Thema Studiengebühren, welche in Bayern noch fleißig kassiert werden. Als eines der letzten zwei Bundesländer in ganz Deutschland. In Bayern muss ein Kind mit neun Jahren entscheiden, ob es auf das Gymnasium, die Realschule oder die Hauptschule will und somit die Weichen für seinen Werdegang stellen. Ach ja, und gerade in Bayern greifen Mütter vermehrt in den Apothekerschrank, um den Leistungsdruck ihrer Kinder auszugleichen. Aber die anderen Bundesländer sind bereits dabei, hier nicht ins Hintertreffen zu geraten. Nach aktuellen Studien der Krankenkassen leidet jedes vierte Kind in der Bundesrepublik an psychischen Störungen, ausgelöst durch das Bildungssystem.
Ein Kommentar für ReiseTravel von Sabine Erl.
Unsere Redakteurin Sabine Erl zeichnet bei ReiseTravel für die Redaktion Lifestyle verantwortlich.
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