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Wahlkampf ums Kruzifix in Bayern
Mit Abstand betrachtet – mindestens 500 Kilometer angesichts der Größe des Bundeslandes – kann man vermutlich nur den Kopf schütteln. Warum reagieren die Bayern schon beim entferntesten Gedanken, die Kruzifixe in den Schulen könnten verschwinden, so erbost. Das ist nur für Insider nachvollziehbar und findet in der großen weiten Welt keine allzu große Bedeutung.
Grüne Wiesen, Berge und Hügel im weiß-blauen Bundesland unter weiß-blauem Himmel. Das macht unseren Freistaat so schön und die bayerische Gemütlichkeit die Bewohner weit über den Kontinent hinaus bekannt. Nicht nur das Oktoberfest ist es, welches zu unserem Image beigetragen hat. Es sind auch die doch irgendwie typischen Eigenarten, welche uns den Ruf „konservativ, heimatbewusst und traditionell“ eingebracht haben. Beschaulich das Land – zuverlässig die Bewohner. Das gibt uns das Gefühl von Anfang an angekommen zu sein und vermittelt uns den Eindruck, dass wir hier in einem Bilderbuchland strotzend voller Harmonie leben.
Manchmal aber sind es auch Zwänge und eingefahrene Muster, die sich aus diesem Bewusstsein entwickeln. Und vielleicht kommt es häufig zu Überreaktionen, wenn man zu befürchten hat, dass sich dieses „Sodom und Gomorrha“ im Rest der Welt auch unser idyllisches Bayern einzuverleiben droht. Es ist ein wunder Punkt, auf den man immer wieder drücken kann. Stimmungsmache in der Bevölkerung ist damit garantiert. Die Diskussionen ob dieser Thematik mögen unterschiedlich geführt werden, sachlich sind sie nie.
Allerdings – in einem Wahlkampf haben diese Debatten nichts verloren. Argumente sollten es sein, welche den Wähler überzeugen sollen. Und auch hier sind wir in Bayern eine Ausnahme, wie es scheint. Religiöse Aspekte als Wahlkampfmittel? Von wegen Trennung von Kirche und Staat.
Der sogenannte Kruzifix-Beschluss des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1995 erklärte die in Bayern eingetragene Verordnung, nach denen in jedem Klassenzimmer der Volksschulen in Bayern ein Kruzifix oder ein Kreuz angebracht werden musste, für unrechtmäßig. Allerdings blieb er folgenlos. Nach dem Willen der bayerischen Regierung sollte das Kreuz im Klassenzimmer nach wie vor die Regel sein. Gemäß bayerischem Gesetz wurde folgender Absatz vom Bayerischen Landtag in das Bayerische Erziehungs- und Unterrichtsgesetz eingefügt. „Angesichts der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns wird in jedem Klassenraum ein Kreuz angebracht“, so hieß es.
Die Angelegenheit hatte teilweise einen so hohen Stellenwert erreicht, dass sich sogar der Arbeitskreis Christen in der CSU dieser Besonderheit annahm. Mit Verlaub. Wie schön ist es doch, dass wir von größeren Problemen verschont sind und solche Diskussionen auf politischer Ebene führen können. Da bestätigt sich die Behauptung, die bayerische Landeshauptstadt München sei die nördlichste Stadt Italiens. Auch die Italiener haben ihre eigenen Probleme mit den christlichen Symbolen in den Schulen.
Immerhin - drückt man in Bayern auf diesen einen Knopf, so ist nix mehr mit Fairness. So just wieder geschehen in einem kleinen Landkreis am Rande Bayerns. Die Partei, die der Vater schon gewählt hat und vor ihm auch sein Vater, die wählt auch der Sohn und die Tochter und die Frau und am besten die gesamte Verwandtschaft. Sieht die Partei, die Regieren in Bayern schon als Gewohnheitsrecht betrachtet, mangels neuer Ideen die Felle davon schwimmen. Dann greift man zu Mitteln, die nicht unbedingt fair sind.
Es ist Usus, den Wahlgegner mit vermeintlich inkompetenten Handlungen vor dem Bürger madig zu machen anstatt mit eigenen Ideen zu glänzen. Findet man hier nichts oder nicht ausreichend, dann attackiert man als konservatives Parteimitglied die Wähler tatsächlich noch mit Parolen wie: Dieser Kandidat wird „Sex, Drugs und Rock`n Roll“ über uns bringen. Und wie erwähnt auch immer wieder gerne genommen: „Der will die Kruzifixe in den Klassenzimmern abhängen“. Tja, da verstehen die Bayern gerade in den ländlichen Regionen keinen Spaß. Bei diesen Sätzen wird einem Angst und Bange im bodenständigen Bayern.
Ab diesem Moment, so kann man es beobachten gelten vernünftige Argumente, Studien und Taten nichts mehr. Egal, ob diese Absicht diejenige Person der das unterstellt wird, persönlich ausgesprochen hat. Bis der Beweis erbracht ist, dass dem nicht so gewesen ist sind die Wahlen vorbei – und verloren.
„Aus is“ sagen wir Bayern. Und das hat doppelte Bedeutung. Zum einen heißt es soviel wie „Um Himmels willen“ was soviel bedeutet wie ein Ausdruck schierer Verzweiflung. Und auch „Jetzt ist alles vorbei“. Bedeutet das das Aus für die katholische Religion, wenn die Kreuze in den Schulen verschwinden. Dann kann es wohl mit dem Untergang nicht mehr weit sein möchte man meinen. Dieses Phänomen hat mit der langen Geschichte Bayerns zu tun, mit der Christianisierung der Heiden, die uns hier unsere wertvollen Kirchen in beinah jedem Dorf geschenkt hat. Gerade in den unwegsamen Gegenden anno dazumal war es besonders schwierig für die Religion gegenüber den keltischen Traditionen Fuß zu fassen. Status Symbole mussten her, imponierend, ein Ausdruck der Macht der Kirche. In etwa so lässt sich dieses bis heute noch bestehende enge Gefüge erklären.
Jedenfalls „Kruzifixe in Bayern abhängen wollen“ das ist extrem unbayerisch und wird sofort mit Strafe bedacht. Mit Kopfschütteln mindestens, mit Missachtung schlimmstenfalls. Ob es nun dem katholischen Glauben Abbruch tut oder nicht.
Da wundert es nicht mehr, dass die Kandidaten ohne „richtiges“ Parteibuch in Bayern keinen Boden gewinnen können. Auf diese Art und Weise wird die wahre Demokratie, die vom nicht manipulierten Volk ausgeht, in Bayern wohl noch für lange Zeit Zukunftsmusik bleiben.
Ein Kommentar von Sabine Erl.
Unsere Redakteurin Sabine Erl zeichnet bei ReiseTravel für die Redaktion Lifestyle verantwortlich.
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