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Grenzenloser Freilauf auf dem Bauernhof
Bauernhof ist nicht gleich Bauernhof. Jedenfalls unterscheiden sich diese mehr als ein Ferienhotel vom anderen. Während die auf Urlauberscharen getrimmten Ferienburgen in der Ausstattung und im Angebot von Hotel zu Hotel vielfach austauschbar sind, halten die Hofbauern Ererbtes lange in Ehren, ohne auf das Niveau der Altvorderen zurück zu fallen. Dieses Traditionsbewusstsein ist Ausdruck von Ursprünglichkeit, Echtheit und einer hofspezifischen Verbundenheit mit Land und Leuten.
Gerade solch lokale Authentizität schafft den Reiz für Ferien auf dem Bauernhof. Hier in den heimatlichen Regionen sind alle Ziele näher, kürzer und sicherer als bei einem Auslandstrip.
Das gilt für jede Jahreszeit, selbst „erfahren“ - im doppelten Sinne - dieser Tage bei einer Tour in der Lüneburger Heide mit Aufenthalt auf zwei Höfen unterschiedlichem Gesichts, jedoch beide gleichermaßen beseelt von einem einladenden Willkommen. Der eine heißt Eichenhof, liegt in der Gemeinde Himbergen/Rohrstorf, diese wiederum in Nachbarschaft der Kurstadt Bad Bevensen im Kreis Uelzen, aus hiesiger Sicht mithin in der Ostheide. Hier hat die Landfrau Antje Braesel-Behn den elterlichen 60 ha –Landwirtschaftsbetrieb nach und nach in eine Hotel-Pension der Vier-Sterne-Klasse verwandelt. Aus dem stilvollen typisch norddeutschen Fachwerkwohnhaus der ehedem vielköpfigen Bauernfamilie wurden mit allem Drum und Dran Rezeption, Ausschank und Speiselokal, aus den Stallungen 21 Urlauberzimmer, aus der geräumigen Scheune eine Sporthalle für Ballspiele, Tischtennis und Trampolinhüpfen. Also auch bei Schlechtwetter findet alt und jung noch genügend „Spielraum“.
Natürlich setzt jedes Urlaubspaar wie jede Urlauberfamilie erst mal auf Schönwetter. Da lässt sich neben der kostenlosen Tierschau mit Schimmel und Pony – beide lieben Streicheleinheiten - Hund(e) und Katze(n) auch das füllige vietnamesische Hängebauchschwein Paula außerhalb seines Tag wie Nacht offenen Kobens bei seiner täglichen Rundumvisite im weitläufigen Hofgeviert blicken. Paula versteht sich mit allen bestens. Es könnte das Wappentier des Eichenhofs sein.
Diese Ungebundenheit für Mensch und Tier – das ist hier das Markenzeichen für Urlaub mit Kind und Kegel. Nirgends ein einschränkendes Gebot wie etwa: Betreten des Rasens – oder des Hofparks, auf dem sich mehr als 50 Eichen breit gemacht haben, verboten! So ist ein warnend erhobener Zeigefinger der Urlaubsväter oder -mütter gegenüber dem eigenen Nachwuchs im Grunde bei Antje Braesel-Behn nicht nötig.
Ebenfalls grenzenlosen Freilauf gibt es auch für die Urlauber auf dem Meyer-Hof in Lutterloh, Kreis Celle. Kinder können sich hier wie Kinder verhalten. Lutterloh, geografisch zur Südheide gehörend, wird jede städtische Familie, die aus einer Mietwohnung kommt, über die Ferientage zu einem (Bauern)Hausbesitzer. Garantiert ist zu mindest eine komplette Wohnung mit bestens ausgestatteter Küche für Selbstversorger, gemütlichem Wohn- und Schlafzimmer und zeitgemäßer Sanitäreinrichtung. Für 54 Euro am Tag, also 13,50 Euro pro Person bei einer vierköpfigen Familie, bestimmt ein preiswertes solides Angebot.
Wer den Meyer-Hof wählt, entscheidet sich für einen voll aktiven Landwirtschaftsbetrieb. Alle moderne Landtechnik ist bei Elke und Heinfried Meyer auf dem Feld in Aktion oder unter Dach zu besichtigen: Mähdrescher, Kartoffelvollerntemaschine, Rübenkombine und einen bulligen elefantenhohen 150 PS-Traktor, der mit Leichtigkeit einen Achtschar-Wendepflug durch die sandige Heide zieht. Während für die Landtechnik alle Tore offen stehen, bleibt die Stalltür zu den Mastschweinen geschlossen. Voll akzeptiert wird diese vorbeugende Maßnahme gegen Seuchengefahr!
Ansonsten gibt es auch hier keine Tabus, weder fürs kostenlose Angeln, fürs Radeln auf bereitstehenden Fahrrädern, fürs Reiten auf Ponys oder den etwas robusteren Haflingern. Alles Getier genießt Streicheleinheiten und ist halt grundsätzlich urlauberfreundlich.
Wer nun meint, eine Tier- oder Geräteschau füllen den Urlaub nicht aus, der kann jederzeit die Heide durchstreifen, die bei beiden gastlichen Höfen so gut wie hinterm Hoftor beginnt, das kniehohe Heidekraut und die alles überragenden knorrigen Bäume zwischen dem Nadelgehölz bewundern. Die frische, nicht von Abgasen und Motorengeräusch durchmischte, also reine Heideluft gibt’s gratis.
Ganz sicher wird man einem Hirten mit einer Herde von einigen hundert Heidschnucken begegnen. Diese von mediterranen Mufflons abstammende Wildschafart ist für die Heide wie geschaffen. Sie ernährt sich von den jungen, immer wieder nachwachsenden Trieben der fast dreifach so hohen „Erika“, wie wir sie zu Hause im Blumentopf kultivieren. Etwa sechs Stunden Tag für Tag zieht z.B. der Diplom-Biologe Carl Wilhelm Kuhlmann als Schäfermeister mit seinen 700 Schnucken, jetzt im Frühjahr nach dem Ablammen sind es sogar über 1 000, durch sein Revier um Niederrohe. Ohne den Appetit seiner Herde auf die lilafarbenen frischen Triebe der Heide-Erika gäbe es diese Heidelandschaft längst nicht mehr. Eine bessere naturnahe Landschaftspflege ist hier vor Ort gar nicht denkbar. Das prägt die Lüneburger Heide als erster deutscher Naturpark überhaupt mit ihrer ausgeprägten Balance zwischen intakter Natur, verantwortungsbewusster Nutzung und guter Lebensqualität in seiner Gesamtheit.
In der Ostheide, also ab Eichenhof, ist man schnell im nur knapp zehn Kilometer entfernten Bad Bevensen, spezialisiert auf Herz- und Gefäßkrankheiten, mit Wassertretanlegen nach Kneipp. Sozusagen im Vorbeigehen lässt sich zusätzlich Gutes fürs Wohlbefinden tun.
Geschiebe aus der urgeschichtlich beschriebenen Saale-Eiszeit vor 150 000 Jahren durchzieht das ganze norddeutsche Tiefland, erst recht die Heide. Aneinander gereihte Findlinge werden als Grabsteine von Königsgräbern deklariert. Diese Konzentration von königlichen Kolossen dürfte eher einer Sage, also menschlicher Fantasie entsprungen sein.
Ebenso abwechslungsreich wie die Ostheide ist die Südheide. Nahe bei Lutterloh ist Kieselgur gefördert worden, eine Ablagerung abgestorbener Kieselalgen. Das Naturprodukt dient als Katalysator bei chemischen Prozessen und ist Bestandteil verschiedener Chemikalien. Die Abbaustellen bieten sich zur Besichtigung an.
Viel Interesse findet auch das Freilichtmuseum Hösseringen. Es stellt sich als ein Sammelflecken heidetypischer reetgedeckter bäuerlicher und handwerklicher Häuser sowie Armer Leute-Katen von ehedem dar. Etwas längere Wege führen zum Heidepark Soltau, zum Serengetipark Hodenhagen oder zum Vogelpark Walsrode.
Ein breit gefächertes Angebot, allein von zwei der 400 Mitgliedsbetriebe der „Arbeitsgemeinschaft Urlaub und Freizeit auf dem Lande e.V. Niedersachsen“, die allesamt in einem aussagekräftigen Katalog erfasst sind. Dieser kann abgerufen werden in Lindhooper Str.63, 27283 Verden/Aller, Tel. 04231 96650 oder Fax 04231 9665 66.
Ein Beitrag für ReiseTravel von Werner B. Hoppe.
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