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Berchtesgaden

Rauf zum Kehlstein auf Deutschlands einziger Hochalpenstraße

Das umstrittenste Werk der Straßenbauer  

Georg Hinterbrandner ist Fahrdienst-Mitarbeiter der höchsten Omnibuslinie in Deutschland. In den warmen Monaten des Jahres - von Mai bis Oktober - wird diese Buslinie - Regionalverkehr Oberbayern/RVO - zur Erfolgreichsten zwischen Berchtesgaden und Flensburg. In einem knappen Halbjahr fahren im Schnitt 250 000 Tourist(inn)en aus aller Welt auf Deutschlands einziger Hochalpenstraße, die als Meisterwerk der Ingenieurskunst gilt, die 6500 Meter vom Parkplatz bei der Dokumentation Obersalzberg (710 m) unweit von  Berchtesgaden hoch zum Kehlsteinhaus-Parkplatz (1710 m).

Auf dieser kurzen Strecke mit Steigungen bis 24 % (der gewaltige Höhenunterschied wird mit einer einzigen Kehre überwunden)  werden nicht nur an das erfahrene Fahrpersonal, sondern auch an die Busse höchste Anforderungen gestellt. Die Fahrstrecke ist seit 1952 (wieder) für den gesamten Privatverkehr - inklusive Radfahrer und Fußgänger - gesperrt.  

Damit die schmale Teerstraße - alle 100 Höhenmeter sind beschildert - überhaupt befahren werden kann, sind jedes Jahr nach der Schneeschmelze erst Felsputzer - eine seltene Berufsbezeichnung - unterwegs.

Hinterbrandner und seine fünf Kollegen sind die Felsputzer im späten Frühjahr, damit das Sechser-Team im Sommer-Halbjahr wieder akribisch Fahrdienst leisten kann. "Wenn alles schneefrei und trocken ist, beginnen wir mit der Arbeit. Gesichert durch Seile und Gurte werden alle brüchigen Steine und was locker rumliegt entfernt; Felsen ab 80 x 80 Zentimeter werden gesprengt", beschreibt Hinterbrandner die gefährliche Arbeit der Felsputzer. Da sich durch Frost und Schnee während der kalten Jahreszeit diverse Gesteinsbrocken in den Felswänden oberhalb der Kehlsteinstraße lösen, sind die Felsputzer gefordert. Während der Saison sind die Besucher des Kehlsteins so vor Steinschlag sicher; seit 1952 konnte durch diese Vorsichtsmaßnahmen ein unfallfreier Liniendienst gewährleistet werden.  

Und dann ist da was, worüber heutzutage deutsche Urlauber(innen) mit Geschichtskenntnissen, die mitfahren und sich mit ausländischen Feriengästen unterhalten, noch immer ungern sprechen. Kehlsteinstraße und Kehlsteinhaus - mit einem der eindrucksvollsten Rundblicke auf die Alpen - wurden auf Initiative von Martin Bormann für Hitlers 50. Geburtstag aus dem Boden gestampft. In nur 13 Monaten wurde die Kehlsteinstraße, die in ihrer baulichen Ausführung einmalig auf der Welt ist, aus dem harten Fels gesprengt. Vom April 1937 bis September 1938 bauten 3 800 Arbeiter bei unmöglichen Zeitvorgaben das 113-Millionen-Projekt.  

Eine überlieferte Notiz Martin Bormanns vom 3. November 1936 lautet: Besprechung mit Dr. Todt wegen des Baus der Kehlsteinstraße; Dr. Todt, der deutsche Autobahn-Erfinder, wurde nach dem Gespräch zum Bauleiter der Schmalspurstraße auf den Kehlstein ernannt. Die namhaften deutschen Baufirmen Sager & Wörner AG und Polensky  & Zöllner wurden mit dem Bau beauftragt.

Bormann gab am 23. August 1937 das offizielle Zeichen zum Baubeginn, obwohl längst gleichzeitig auf drei Baustellen - Kehlsteinstraße, Kehlstein-Fahrstuhl, Kehlsteinhaus - mit Hochdruck gearbeitet wurde. Das unmenschliche Werk wurde auch im Winter, bei metertiefem Schnee, nicht gestoppt. Dafür wurden die Arbeiter in dieser schlechten Zeit großzügig bezahlt: Trennungsentschädigung, Strapazenzulage, Dreckzulage, Höhen- und Tiefenzulage (Arbeiten im Aufzugsstollen- oder Schacht) und Gefahrenzulage.  

Buslinie 49 vom Parkplatz Hintereck am Obersalzberg zum Kehlstein dürfte die profitabelste in Deutschland sein. Bei schönem Wetter werden zehn Busse eingesetzt: Fahrpreis rauf und runter für Erwachsene 13,50 Euro, Kinder (6 - 14) 7,50 Euro; nur 45 Sitzplätze pro Bus. Damit keiner auf dem Kehlstein bleiben muss, führen die Fahrdienstleiter perfekt Strichlisten. Unterwegs erzählt uns der Busfahrer, dass sein "Arbeitsplatz" knapp 100 Liter Benzin pro 100 km schluckt und 350 PS leistet. Die Kehlsteinstraße überwindet auf 6 Kilometer 700 m Höhenunterschied, wobei sie fünf Tunnels durchzieht.   

Mitten in Berchtesgaden hebt ein Bauer in Lederhosen den Arm zum Hitler-Gruß. Wir reiben uns die Augen. Es ist der linke Arm, stellen wir erleichtert fest. Außerdem ist der Bauer nur gemalt - Teil eines Wandgemäldes am Schlossplatz; es stellt eine Kreuzigungsszene dar, die als Kriegerdenkmal gedacht ist. Der voreingenommene Besucher erblickt in Berchtesgaden leicht Gespenster. Als wir in der Dunkelheit die Maximilianstraße hinaufgehen, fällt unser Blick auf ein Café namens "Der Totmacher". Ein paar Schritte weiter sehen wir, was auf dem Schaufenster wirklich steht: "Der Tortenmacher"; ich brauch' doch eine Brille.  

Beim gemütlichen Abendessen im Gasthaus nimmt das Gespenst schärfere Konturen an. "Er hatte ja immer seine Paladine", lässt sich eine Frau um die sechzig vernehmen, "die haben gemacht, was sie wollen". Kein Zweifel, wer damit gemeint ist.

Die Berchtesgadener - es sind freundliche Leute - scheinen übereingekommen zu sein, den einstmals prominentesten Kurgast lieber gar nicht zu erwähnen. Vielleicht sind die Berchtesgadener es auch einfach leid, immer wieder mit einer Vergangenheit konfrontiert zu werden, die sie sich nicht ausgesucht haben.  

"Wo geht's denn zum Obersalzberg?" fragen wir die junge Frau am Info-Schalter im Kurhaus, weil das Navigationssystem im Auto mit diesem Begriff nichts anfangen kann. "Der Obersalzberg ist ein ganz normales Wohngebiet", antwortet die Blonde kühl. "Wo möchten Sie denn da hin?" Jetzt müssen die Besucher ehrlich Farbe bekennen. "Wir möchten sehen, wo Hitlers Berghof stand". "Da gibt es nur das Dokumentationszentrum", sagt die junge Frau, greift nach einem Straßenplan und malt mit Filzstift einen Kringel darauf. "Von dort fahren auch Busse zum Kehlsteinhaus." 

Bevor man auf dem Kehlstein Parkplatz ankommt, kommen im Bus wichtige Anweisungen über Lautsprecher: "Nachdem Ihre Fahrkarte mit der gewünschten Rückfahrzeit gestempelt wurde, erreichen Sie über einen Tunnel das Berginnere. Von dort fahren Sie mit einem Lift 124 Meter zum Kehlsteinhaus hinauf". die Ansprache im Bus, der sich eine grandiose Kurvenstraße  hochwindet, ist mehrsprachig. In einer überwältigenden Kulisse mag niemand an das furchtbare Geschehen denken. Nicht einmal ein Tourist aus Israel.  

Der empfehlenswerte Ausflug zum Kehlsteinhaus ist deshalb spannend, weil man das Ziel nur in Etappen erreichen kann. Seit 1960 wird das Kehlsteinhaus vom Fremdenverkehrsverband des Berchtesgadener Landes verwaltet und von einem privaten Pächter als Berggasthof geführt. Damals hat der bayerische Staat, anlässlich der 150 jährigen Zugehörigkeit des Berchtesgadener Landes zu Bayern, den Besitz in eine Stiftung eingebracht. Die immensen Saisonerträge fließen gemeinnützigen Zwecken zu.

Das wuchtige Bauwerk mit seiner meterdicken Grundmauer, ein Dokument der nationalsozialistischen Architektur, eröffnet dem Besucher einen überwältigenden Panoramablick bis zu 200 km (!) über das Berchtesgadener Land und die deutschen und österreichischen Alpen.

Ein in den Kehlstein getriebener, hundert Meter langer Gang führt zur letzten Etappe, einer Aufzugfahrt mitten durch das Felsmassiv. Am Ende des Gangs müssen wir noch einmal vor der Bronzetür warten, die Eingang zu einer Grabkammer sein könnte. Ein amerikanischer Tourist lobt die Arbeit der Steinmetze. Wir betreten einen runden Kuppelraum. Ringsum leuchten dreiarmige Bronzekandelaber. Dazwischen hängt eine Tafel des Kehlstein-Gastronomen: "Ofenfrischer Schweinebraten mit Semmelknödel und Sauerkraut".  

Die Tür zum Aufzug ist in Marmor gefasst. Ein leichter Grusel überkommt uns bei der Vorstellung, dass auch Hitler hier durchgegangen ist. Sanft und ruckfrei gleitet der Aufzug in 41 Sekunden die 124 Meter hoch mitten durch den Berg. Wir kommen im Kehlsteinhaus an. Bierdunst und Geschirrgeklapper schlagen jedem entgegen. Gleich rechts liegt der repräsentativste Raum des Kehlstein-Hauses, das Oktogon. Der Raum wird beherrscht von einem mannshohen Kamin  mit einer dunkelroten Marmorfassung, einem Geschenk Mussolinis. Jetzt kann man an Mussolinis Kamin ofenfrischen Schweinebraten essen.  

"Eagle's Nest" wird das Kehlsteinhaus von den amerikanischen Touristen genannt. Um den Adlerhorst flattern aber nur Krähen, die scharf auf den Proviant der Touristen sind. Dafür ist der Ausblick aus 1834 Meter Höhe wirklich eindrucksvoll. Vor uns liegt das ganze Berchtesgadener Land, liegen Watzmann und Königssee. Dem Ausblick aus dem Adlerhorst folgt der Absturz in die Vergangenheit.  

Die informative "Dokumentation Obersalzberg" liegt nur unweit des Parkplatzes Hintereck. Sie wurde am 20. Oktober 1999 eröffnet, nachdem das Institut für Zeitgeschichte das Projekt konzipiert und realisiert hatte.

Linda Pfnür vom Dokumentationszentrum ist sehr feinfühlig: "Man kann den Menschen nicht in die Seele schauen - an manchen Gästebucheintragungen kann man aber sehen, dass die Gedanken in der Vergangenheit sind". 

Der Obersalzberg, seit 1923 Hitlers Feriendomizil, wurde nach 1933 zum zweiten Regierungssitz neben Berlin ausgebaut. Die Ausstellung zeigt deshalb nicht nur die Geschichte des Obersalzbergs, sondern verbindet die Ortsgeschichte mit einer Darstellung der zentralen Erscheinungsformen der nationalsozialistischen Diktatur. Seit seiner Eröffnung hat sich die Dokumentation zu einem Besuchermagnet des Berchtesgadener Lands entwickelt. Insbesondere hat sich die Dokumentation zu einer vielfach genützten Stütze der historisch-politischen Bildung an Schulen, bei Bundeswehr und Polizei entwickelt.  

Ganz verschwunden ist bei der Umgestaltung jene berühmte "Pension Moritz" (auch "Platterhof" genannt), die alle Stationen der Nazifizierung und Entnazifierung über sich ergehen lassen musste. Sie gehörte der legendären Wirtin Mauritia Mayer (1833 - 1897), die Künstler und andere Prominente in Scharen hier heraufzulocken wusste. Franz von Lenbach malte sie. Ludwig Ganghofer und Richard Voß verewigten sie literarisch, und die anderen von Brahms bis zum Kühlschrank-Erfinder Carl Linde verbreiteten mündlich ihr Lob und das des famosen Kehlstein als Wanderberg.  

Im täglichen Sprachgebrauch der alten Berchtesgadener heißt der Eckerbichl immer noch "Göring-Hügel". Weil der Generalfeldmarschall da oben ein Haus gehabt hat. In Rufweite zu Bormann und nur einen kleinen Fußmarsch vom "Führer" entfernt. Dort wurde im Frühjahr das umstrittenste Hotel Deutschlands, das Intercontinental-Resort-Hotel Berchtesgaden eröffnet.

"Beim Einschlafen an Hitler denken?" überschrieb das Hamburger Morgenblatt die Reportage über die Eröffnung des ersten Mountain-Resorts in Deutschland am 28. Februar; der Reisebericht wurde im Politik-Resort veröffentlicht. "Durfte man dort, wo der "Führer" seine Kriege plante, ein Luxushotel errichten", fragt die große deutsche Tageszeitung.

Wo jetzt zahlungskräftige Hotelgäste bei Wellness-Anwendungen relaxen, war einst die zweite Schaltzentrale Hitlers. Fakt ist, das schon am "Tag der offenen Tür" - vor der offiziellen Eröffnung - knapp 10 000 Menschen in Deutschlands umstrittenstes Fünf-Sterne-Hotel strebten.  

Ganz unpolitisch geht's zu, wenn man nach der Kehlstein-Tour wieder ins Auto steigt und vom Parkplatz Hintereck im Kreisverkehr dem Wegweiser nach Scharitzkehl folgt. Nach drei Kilometer liegt - etwas unterhalb der Straße - das Gasthof-Café Graflhöhe. Hans Ebner gilt als "Windbeutelbaron", weil's nach original Berliner Rezept dort die größten Windbeutel von Deutschland gibt.  

Infos zum Thema 

Regionalverkehr Oberbayern - RVO-Stützpunkt Berchtesgaden

Mai bis Oktober - Telefon 0 86 52/54 73; fahrplanmäßig ab Postamt Berchtesgaden bis Obersalzberg-Hintereck und ab Hintereck mit Spezialbussen bis Kehlstein-Parkplatz ab 07.40 Uhr, letzte Rückfahrt 16.50 Uhr; Oder ab Parkplatz zu Fuß hoch bis zum Kehlsteinhaus, etwa 30 Minuten; empfehlenswert - weil nicht so anstrengend - bergab vom Kehlsteinhaus zum Bus-Parkplatz. 

Kehlsteinhaus (1834 m) - Telefon 0 86 52/29 69.  

Dokumentation Obersalzberg

Telefon 0 86 52/94 79 60, www.obersalzberg.de  April - Oktober, täglich 9 - 17 Uhr, November - März Dienstag bis Sonntag 10 - 15 Uhr.     

Technische Daten der Kehlsteinstraße: Länge 6,5 km - Höhenunterschied 700 m - Breite 4 m - Fünf Tunnels, insgesamt 277 m - Bauzeit 13 Monate 

Kehlsteinhaus: Meereshöhe 1834 m - Bauzeit ein Jahr - Aufzug 124 m - Zugangstunnel 124 m - Panoramablick bis 200 km

 

Ein Beitrag für ReiseTravel von Ludwig Mario Niedermeier/MN InfoText. 

  

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