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Mindelheim

Turmuhren Museum Mindelheim

Geschmiedete Zeitmesser: Ein klacken, rappeln und schnarren ist zu hören und dann lassen die lauten Stundenschläge einer alten Turmuhr alles verstummen. Drei Schläge pro Viertelstunde und die Anzahl der Stunden dröhnen durch das Turmuhrenmuseum. Der Ton war damals weit über die Felder zu hören. Der kleine Martin aus Mindelheim ist bei der Führung im Turmuhrenmuseum von den mechanischen Kunstwerken und Zahnrädern, die ein so ohrenbetäubendes Spektakel veranstalten, total begeistert.

 

Hier ist Zeit nicht nur mess- sondern auch hörbar

Immer wieder schlägt eine Uhr, da die alten Uhrwerke nicht mehr so genau gehen. Mehr als 50 Turmuhren aus der Zeit von 1562 bis 1948 ticken hier eigenwillig vor sich hin

 

„Der Vogt nimmt den Schrott. Der wohnt im Haus mit den Uhren“, hieß es und so war es auch. Als vor 40 Jahren im Schloss Neu Schwanstein die Turmuhr gegen eine moderne ausgetauscht wurde, sollte die alte weggeworfen werden. Wolfgang Vogt war noch Student, als ihn die ausgefallene Sammelleidenschaft für Turmuhren gepackt hat. Seine Frau, kam wie passend, aus einer Uhrmacherfamilie, in deren Werkstatt auch eine kleine Turmuhr stand.

Heute zeigt er stolz seine Turmuhren im Museum, dass in der 600 Jahre alten ehemaligen Silvesterkirche untergebracht ist. Das Museum von 1979 ist das erste seiner Art in der Welt. Seit mehr als 600 gibt es handgeschmiedete mechanische Turmuhren. Früher gab es oft nur einen Zeiger an den Turm, da kam es nicht so auf die Minute an. Im Laufe der Zeit kam der Minutenzeiger dazu, aber der Stundenzeiger größer und länger, denn er sollte für die, die in den Feldern arbeiteten, sichtbar sein. Jede Uhr in dem Museum hat ihre Geschichte.

In einer großen Turmuhr hat sich Andreas Badensteiner, der Uhrmacher, mit einem Schreibfehler in seinem Namen verewigt. Er schrieb fälschlicherweise „Uhrmacheb“, da es nicht mehr korrigierbar war, ist der Fehler bis heute erhalten.

Eine andere Uhr hat ein 250 Jahre altes Zifferblatt aus Holz, das obwohl dem Wetter ausgesetzt war, noch gut erhalten ist. Denn das Holz wurde früher im Winter bei abnehmendem Mond geschlagen und mit Kuhmist, der Ammoniak enthält, haltbar gemacht.

 

Das Prunkstück im Museum ist die wohl schönste Turmuhr der Welt, aus einem Kloster in Füssen

Das Uhrwerk, der barocken Konventuhr von 1750, ähnelt einem kleinen kostbaren Altar

 

Die fröhlichste Uhr ist reich bemalte Flötenuhr, die mit 17 Pfeiftönen sechs verschiedene Melodien spielen kann, zu denen sich der Schnabel der Amsel exakt bewegt. Beeindruckend, obwohl es eine Nachbildung ist, ist die astronomische Uhr von 1529, die den Lauf der Sonne und die Mondphasen in den verschiedenen Tierkreiszeichen anzeigt. Das Original hängt in Winterthur am Stadttor.

Bei einem Brand im Kirchturm in Petertal im Allgäu hat der Uhrmacher unter Lebensgefahr das Uhrwerk in Windeseile auseinandergebaut, vom Kirchturm geworfen und so gerettet. Die Turmuhr wurde wieder zusammengebaut und hat noch 50 Jahr ihren Dienst getan.

Ein bisschen Geschichte gibt es auch bei der Führung. Sonnenuhren waren die ersten. Es gibt ein paar Vorläufer der Uhr wie zum Beispiel die Sanduhr. In vielen Kulturen wurde mit dem Hirtenstab die Zeit gemessen. Er wurde in den Boden gesteckt und an der Einteilung zum Schattenmessen konnte man die Zeit ablesen. Als Wecker wurde ein Nagel in das Wachs einer brennenden Kerze gesteckt. Wenn die Kerze zum Nagel runterbrannte, fiel der scheppernd auf einen Teller und weckte so den Schlafenden. Handgearbeitete Taschenuhren vervollständigen die Sammlung eindrucksvoll.

 

Das Highlight der Führung ist der Aufstieg im Kirchturm. Hier ist Martin ganz in seinem Element, er darf als Erster die alten Holztreppen aufsteigen. Auf jedem Treppenabsatz steht eine Turmuhr und im Boden sind Schlitze für die riesigen schwingenden Pendel angebracht.

Als die Silvesterkirche einen Klöppel für die Glocke bekommen sollte musste der Gießerlehrling, weil er unglaublich stark war, den 170 Kilogramm schweren Klöppel hinauf tragen. Doch die Glocke klingt nicht gut, entschieden die Mindelheimer. Also hat der Gießerlehrling die schwere Last mühselig wieder hinuntergetragen. Der Klöppel wurde gekürzt und wieder unter enormer Kraftanstrengung hinaufgetragen. Der Klang der Glocke war noch abscheulicher. Kurzerhand warf der Gießerlehrling den Klöppel aus dem Fenster, um ihn nicht wieder hinuntertragen zu müssen. Da es geregnet hatte, grub der sich vier Meter tief in die Erde und musste mühselig ausgegraben werden. Dann endlich beim dritten Versuch war der Ton der Glocke perfekt und die Mindelheimer zufrieden. Heute ist der Klöppel die Pendelscheibe der Uhr mit dem zweitlängsten Uhrpendel der Welt mit 25 Meter in der Silvesterkirche in Mindelheim. Das längste Uhrpendel der Welt sorgt für die Uhrzeit in Genf.

„Nutze die Zeit“, ermahnt eine Inschrift an einer Uhr. Im siebten Stock misst die größte und schwerste Turmuhr von 1753 mit einer Tonne im Museum die Zeit. Nach 156 Stufen ist im neunten Stockwerk, hinter dem Zifferblatt der Silvesterkirchenuhr, das Ziel erreicht. Martin darf sich mit dem Flaschenzug, den früher Uhrmacher Kuhn für Außenarbeiten am Zifferblatt benutzt hatte, ein Stück hinaufziehen und genießt es auf die Erwachsenen herabzublicken. Durch die kleinen Fenster sieht man die Häuser winzig klein, wie im  Playmobil-Land. Ob es nachts in dem alten Gebälk spukt? Bei dem Gerassel der vielen, alten Turmuhren fühlt sich wahrscheinlich kein Gespenst wohl. Oder doch?

 

Kontakt

 

Schwäbisches Turmuhrenmuseum in der ehemaligen Silvesterkirche

Wolfgang Vogt

Hungerbachgasse 9, D-87719 Mindelheim

Telefon:08261-6964 oder 8339

 

Öffnungszeiten jeweils Mittwoch und jeden letzten Sonntag im Monat von 10 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr sowie nach Vereinbarung.

 

Ein Beitrag für ReiseTravel von Gabi Dräger.

 

 

 

 

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