Ist das Zitat "Kunst als kriminelle Handlung ist Abwesenheit von Langeweile" von John Cage auch das Motto des Künstlers Reinhard Zabka, der im Norden des Landes Brandenburg das Lügenmuseum betreibt? Prüft er in einer strukturschwachen Region den Leitsatz von Walter Benjamin "Geistige Produkte auf dem Lande sind wie vor die Säue geworfen?" Verfolgt er, ganz gleich, wie die Chancen stehen, mit einem ausgeprägten Sinn für Verantwortung das Projekt bis hin zum bitteren Ende? War die Brandstiftung und Pfändung des Museums als "Die Kunst ist eine Lüge, die uns helfe die Wahrheit zu erkennen, aber eben als Lüge." Pablo Picasso nur ein Werbegag? Oder testet er mit dem Leitsatz von Georg Tabori "Mach aus deiner persönlichen Scheiße öffentliches Gold." die Rahmenbedingungen für bürgerschaftliches Engagement in Ostdeutschland? "Die Lüge im Dienste der Wahrheit wäscht den Staub des Alltags von den Sternen."
"Lügenmuseum, der Name klingt nach einer Wolke von Vergnügen." "Im Kunstwerk ist der Stoff ein Ballast, den die Betrachtung abwirft." "Das Thema "Lügen " handelt von Illusionen und Wahrheiten, die keinen praktischen Nutzen haben." "Die erfrischend andere Kulturposition im Schloss Gantikow bietet einen kritischen Beitrag und ironisches Selbstverständnis in der Brandenburger Kulturlandschaft." "Wie Wolken mit der Empfindung der Freiheit ziehen all diese Ideen durch die Geräumigkeit des Lügenmuseums." Mit diesen Thesen tritt das Lügenmuseum als lebendiges Museums-Experiment vor das Publikum und an die Medien. Damit präsentiert es sich von der Idee bis zur Demontage als öffentlicher Prozess.
Nach der Pfändung des Lügenmuseums durch den Vermieter "Offene Häuser e.V." Herrn Dr. Ludwig am 06.05.2005 war der Künstler und Autor Reinhard Zabka erst mal obdachlos. Als Schreckgespenstern erschien in seinen Tagträumen der Verlust seines Lebenswerkes als Ausgang des Streites. Im Künstlerhaus Mecklenburg Vorpommern fand er Muße, sein Gesamtkunstwerk aus der Ferne zu betrachten. In den 70iger und 80iger Jahren der DDR wurden seine Bilder von den Jurys der, die mit Funktionären und staatstragenden Künstlern besetzt waren, wiederholt abgelehnt. Aus Wut darüber zersägte er seine Werke und verarbeitete sie zu Objekten und Altären. Gleichzeitig begann er 1979 seine Bilder immer wieder zu übermalen. Wie ein Restaurator legte er dann Schicht um Schicht frei. Mit dieser Technik näherten sich seine Bilder einer musealen Atmosphäre. 17 Jahre hatte er einen PM 12, das war ein vorläufiger Ausweis mit Reisebeschränkung für die östlichen Nachbarländer. Als seine Freunde ans Schwarze Meer fuhren, da begann er aus Nichts etwas zu kreieren - er war zufrieden mit dem, was niemand mehr wollte. Im Prenzlauer Berg oder später, als er sich arbeitslos meldete war er bereis süchtig nach Kunst und selbst als sein Museum gepfändet worden war, nichts konnte ihn davon abhalten. Seine Eingaben gegen die alltägliche Erniedrigung wandelten sich von Beschwerden und Anklagen über Selbstdenunziationen und Pamphleten zu sich selbst aufhebenden heiteren Satiren. Auch in der Bildenden Kunst verlief sein Weg von der Malerei und Grafik zu Objekten und Installationen, zu Festivals, internationalen Künstlersymposien und Sommercamps.
Im sumpfigen Rhinluch erwarb er 1980 in Babe eine Bauernkate, um im Sommer dem Prenzlauer Berg zu entfleuchen. Das poetisch verfallene Haus begann er als Sommeratelier und Kunsthaus auszubauen. In einer stürmischen Nacht des Jahres 1988, in dieser desolaten Bauernkate in Babe, erträumte der Künstler ein eigenes Museum. Schon oft hatte er sich als Künstler und Autodidakt gefragt, was soll mit den Kunstwerken der Künstler eines Tages geschehen. 1990 bildete die Initiative eines Vereins für ein ökologisches Pilotprojektes des Landes Brandenburg den Ausgangspunkt für das Konzept eines regionalen erlebnisorientierten Kunst- und Kulturzentrums. Ein wichtiger Gedanke angesichts der gesellschaftlichen Umbrüche war damals schon das Thema: würdevolles Altern. Um nicht immer im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen, kreierte er die literarischen Figuren Emma von Hohenbüssow, Sixtina von Mahlsdorf, Gloria und Victoria Spencer und Richard von Gigantikow. Es ist ein beliebtes literarisches Thema das menschliche Wirken, Kultur und Religion aus der Perspektive eines Haustieres zu beschreiben: "Die Geschichte des Katers Murr" von E.T.A. Hoffmann oder "Aus dem Tagebuch eines Hundes" von Oskar Paniza.
Erst mal war es nur ein Gag im Jahre 1990, ein Titel für eine Installation mit dem hoch gegriffenen Anspruch eines Gesamtkunstwerkes, das Deutsch-Historisches Lügenmuseum. Der Name hatte sich aus den vergangenen Konzepten und Ausstellungsideen herauskristallisiert, "Götzen Ismen Fetische" 1985 im Berliner Dom, "Nichts zwischen Utopie und Apokalypse" 1988 in Frankfurt/Oder und "Das Wunder des Normalen im Heimatmuseum der. Lügengeschichten" 1990 im Potsdamer Kulturhaus. Wie die philosophische Aufgabe "alle Kreter lügen" bezieht sich die Lüge auf das Museum selbst. Auf schwankendem Boden wird alles in Frage gestellt, mit einem paradoxen Namen, der sich selbst aufhebt, zum Nichts wird - einem eindeutigen Kriterium zeitgenössischer Kunst. 1995 wurde das Lügenmuseum im Museumsverband des Landes Brandenburg aufgenommen. Das Haus platzte aus allen Nähten und ein neuer Standort wurde gesucht. Mit dem Umzug 1997 nach Kyritz, Schloss Gantikow, welches nur ein Gutshaus ist, versucht das Lügenmuseum sich mit dem Namen Lügenmuseum Gantikow regional einzubinden. Das Deutsch Historische Museum von Helmut Kohl war entschwunden, der Witz mit den blühenden Landschaften hatte sich auf sonderbare Weise bewahrheitet. Das Schloss Gantikow wurde wegen den "Schmierereien" an der Fassade schnell unter Denkmalschutz gestellt. Es etablierte sich als Ausflugsziel für Kulturinteressierte, wie für die ganze Familie zu. Aber Kritiker wiesen dem Künstler immer wieder darauf hin, dass der Bezug des Dorfes Gantikow zu klein sei. Das provinzielle Städtchen "Kyritz an der Knatter" hatte seinen Witz, lockte aber nicht. Die entvölkerte Ostprignitz oder Prignitz gaben nicht viel her. Also wurde es im Mai 2005 mit dem "Lügenmuseum des Landes Brandenburg" auf einer Werbepostkarte präsentiert. Aber befriedigend war der Name noch nicht.
An der Fassade entstand unter der Leitung von Katharina Zipser eine in Deutschland einzigartige Freskogalerie. Sie wurde in Rumänien geboren und verwirklichte hier in Gantikow mit Freunden und Künstlern ihren Lebenstraum. Sie lernte in Rumänien die Fresko - Technik und lebt heute in München. Eine Seite stellt die Lüge dar und auf der anderen befindet sich die Wahrheit. Leider weiß heute niemand mehr, welche Seite der Lüge dient. Von den Teutonen, über griechischen Mythen, Kaiser Nero, Graf Drakula, Monika Lewinski und Michael Jackson, von der Farm der Tiere führt die Lüge im Dienste der Wahrheit bis in die ferne Zukunft der Star War’s Legende.
Den Besuchern des Lügenmuseums wird folgende Geschichte erzählt: Im Jahre 1884, hingen der 11jährigen Emma von Hohenbüssow die Puppen zum Halse raus. Sie wollte unbedingt ein Museum ihr Eigen nennen. Ihre Eltern bauten einen Pavillon und richteten ihn als Museum ein. 1945 wurde alles auf den Boden gebracht und landete 1980 nach einer Entrümplungsaktion auf dem Müll. Kein Archäologe, sondern ein Künstler fand die Utensilien, rekonstruierte die Geschichte und eröffnete 1990 das Deutsch Historische Lügenmuseum. 1997 kam das Museum wieder an den Ort seiner Entstehung zurück und damit schloss sich der Kreis. Ein weißer Grabstein aus Marmor im Garten erinnert heute noch an diese Geschichte. Wie Don Quichotte hat der Künstler und seine Freunde um geeignete Rahmenbedingungen für bürgerschaftliches Engagement in der Prignitz gekämpft und ist immer wieder auf die Nase gefallen. Alle zwei Jahre war das Lügenmuseum von der Schließung bedroht und auch in den Krisen hat er persönlich für ein offenes Museum gesorgt. Für einige Einheimische und Abgeordnete der Stadt Kyritz ist das Lügenmuseum lediglich die Sperrmüllsammlung eines verrückten Spinners. Weckt das eher Futterneid, dass jährlich 6 - 10.000 Besucher angereist kommen, um sich diesen "Schwachsinn" anzuschauen? Aber die Besucher lieben das Museum. Im besten Sinne populär, ohne auf seinen Anspruch zu verzichten, tiefgründig und voller Humor sprechen die Ausstellungsobjekte mit dem Betrachter. Erst auf den zweiten Blick stellt sich das Museum als eine Sammlung zeitgenössischer Objekt und Installationskunst heraus. Gewiss wäre es leicht das Lügenmuseum als eine zeitgenössische Kunstsammlung zu präsentieren, mit dem besonderen Aspekt: unkonventionelle Vermittlung zeitgenössischer Kunst im öffentlichen Raum. Aber damit lockt man in der Provinz keinen Besucher ins Museum. Es gibt etliche Sammlungen Alltagskultur DDR, aber damit hat das Lügenmuseum auch nur so viel zu tun, dass es von dem gleichen Müllplatz stammt. Bei der Suche nach dem richtigen Bezug kam das Wort "Ehemalige" ins Spiel, ohne die DDR, die nur einen verlorenen historischen Bezug darstellte. Für das Kulturhaus in Rathenow wurde eine Betreiber-Idee gesucht und es entstand das "Happy Ossy Land".
Dann wurde 2003 der Verein des Lügenmuseums wegen Rückforderungen des Arbeitsamtes zahlungsunfähig und entschied sich das Schloss Gantikow an den Verein "Offene Häuser e.V." zu verkaufen, mit dem Ziel das Lügenmuseum für die nächsten 20 Jahre gegen eine geringe Miete dort zu erhalten. Aber schon nach einem Jahr sah die Lage ganz anders aus: Der Vermieters erhob eine Mietforderung für fünf Monate, die höher als Kaufpreis des Schlosses Gantikow war, das Lügenmuseums stand unter Vermieterpfandrecht und der Künstler war gekündigt. Das war bereits der zweite Versuch, dem Autor das so genannte Schloss Gantikow unter dem Museum wegzuziehen und ihn um sein gesamtes Lebenswerk zu bringen. Aber für einen Künstler ist das Medieninteresse so viel wert, wie ein Kunstpreis, für ein Museum bringt es zahlende Besucher. Aber das Risiko, dabei zertreten zu werden, ist sehr hoch.
An dem Gesamtkunstwerk Lügenmuseum hat der Künstler Reinhard Zabka 15 Jahre gewirkt. Es hat nun die Form gefunden, die er im Traum sichtete. In zehn Räumen werden Objekte und Installationen mit Licht und Klangeffekten präsentiert. Seine Kunstwerke aus vier Jahrzehnten stehen im Kontext internationaler Künstler. Die Installationen voller Ideen, Zeitbezüge, Wandlungen und Herzensliebe sind in eine genaue Stimmung versetzt. Die Freskogalerie an der Fassade des Schlosses, künstlerisch gestalteten Gästezimmern, ein Skulpturengarten und Festivals bilden ein ganzheitliches Gefüge. Das Thema Lügen ist immer wieder in den Medien aktuell, es interessiert Philosophen ebenso, wie Journalisten. Der Name Lügenmuseum ist ein Selbstläufer. Es zieht die Besucher förmlich an. Kein Marketingkonzept kann den Geist eines Museums wecken. Der Geist balanciert zwischen Sinn und Unsinn, nur er kann auf Dauer die Genauigkeit erzeugen, die langfristig überzeugt. Das Lügenmuseum hat eine national-therapeutische Wirkung, es reflektiert die Ängste, Hoffnungen und Illusionen in Ostdeutschland, die er stellvertretend als arbeitsloser Künstler, jetzt als Ich AG, auch persönlich erleben durfte. Die symbolträchtigen Ausstellungstücke sind praktisch von sich selbst befreit in einem heiter abgründigen Gedankenspielplatz, wo der Besucher seine Seele baumeln lassen kann. Viele Menschen verbinden mit diesem Museum die Hoffnung, dass in diesen schwierigen Zeiten, (die immer schwierig sind) und in diesem Land es möglich ist, mit bescheidenen Mitteln etwas beachtenswertes für die Region, das Land und die Menschheit zu schaffen - aus Nichts etwas zu kreieren - was diese fragwürdige Ostdeutsche Identität würdigt und zu vermitteln versteht. Die Besucher öffnen ihr Herz, sie wandeln sich und versöhnen sich mit sich selbst. Mit dem Bedauern, dass dieses Museum, mit dem er untrennbar verbunden ist, in unwürdige Hände fallen könnte, entstand Ende Mai 2005 der jetzt richtig erscheinende Name: Lügenmuseum Ostdeutschland. Das Buch "Die Ostdeutschen als Avantgarde" von Wolfgang Engeler bestätigte diese Überlegungen. "In höchstem Maße erstaunlich ist, dass die emotionale intensivste Bindung ausgerechnet jenem Ostdeutschland gelten, das auf der Landkarte gar nicht verzeichnet ist. Die Verbundenheit mit Ostdeutschland hat sich im Verlauf der letzten Jahre noch erhöht und übertrifft sogar die erfahrungsnäheren Lebensbezirke, Lokalität und Bundesland. In auffälligem Kontrast dazu kühlten sich die auf die Bundesrepublik als Ganze gerichteten Gefühle seit dem Anfang der Neunziger Jahre stetig ab. Als politischer Bezugsrahmen irrelevant, als kultureller bedeutsamer, vermittelt "Ostdeutschland" den dort lebenden Menschen zweifellos die starken Zusammengehörigkeits- und Identifikationsgefühle." Lügenmuseum Gantikow Am Anger 1, D-16866 Gantikow Fon 033971-54782 033971-54782 , Fax 033971-30084
www.luegenmuseum.de
Museumsverband Brandenburg Schlossstraße 1, D-14467 Potsdam Fon 0331 – 2327911 0331 – 2327911 Ein Beitrag für ReiseTravel von Reinhard Zabka. eu@reisetravel.eu
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