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Grüsse Gäste Gratulanten
Am 3. Oktober 1969 punkt 20 Uhr startete der Deutsche Fernsehfunk sein 2. Programm in Farbe: Nach einer Ansprache des Staatsratsvorsitzenden strahlte der neue Sender ein 100minütes bunt gemixtes Unterhaltungsprogramm aus. Dieser Tag war ein Wendepunkt und zugleich markanter Meilenstein in der Fernsehgeschichte: Es wurde ein 2. TV-Programm eingeführt und das technische Zeitalter von Farbfernsehsendungen eröffnet. Dieser Auftakt fand europaweit Beachtung. Im Rahmen einer „Intervision“ Übertragung wurde das Showprogramm von zahlreichen Ländern übernommen.
Historie & Memories sind nachgefragte Themen – Erinnern Sie sich noch?
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Was verbarg sich hinter Grüße Gäste Gratulanten?
ReiseTravel stöberte im Archiv aus dem Jahr 1969 und wurde zum Thema fündig.
„Eine der zahlreichen Ankündigungen in den Medien lautete für Freitag 3. Oktober 1969 20.00 Uhr: Der Deutsche Fernsehfunk sendet für Intervision die Farbsendung: Grüsse – Gäste – Gratulanten – Eine heitere Revue zur Eröffnung des II. Fernsehprogramms. Durch das Programm führen Jessy Rameik und Rolf Herricht.
Der Grundtenor dieser 100minütigen Sendung: „Mit gespannten Erwartungen schauen viele Bürger der Eröffnung des II. Programms des Deutschen Fernsehfunks entgegen. Wie könnte es anders sein, als dass die Farbsendung an der Spitze dieses II. Programms steht. Eine Farbsendung die mit ihrer optimistischen Grundhaltung im doppelten Sinne repräsentativ für den Zeitpunkt ihrer Ausstrahlung ist. Die Liste der Mitwirkenden gibt Auskunft darüber, dass die Einladung der Gestalter dieser Sendung bei Solisten und Ensembles aus unserer Republik und dem mit uns befreundeten Nachbarstaaten mit Freude angenommen wurde, so dass Jessy Rameik und Rolf Herricht bei ihrer Vorstellung der Gratulanten wohl kaum etwas über Herkunft und Beliebtheit unserer Gäste zu sagen brauchen.“
Vor dem Beginn: Am Mittwoch 12. August 1969 fand in Berlin Adlershof, Deutscher Fernsehfunk, eine Pressekonferenz mit seinem Intendanten statt, in der dieser über die bevorstehende Einführung des Farbfernsehens berichtete. Dabei wurde sehr ausführlich über technische Details informiert, Geräte für den Endverbraucher vorgestellt sowie alles zum Empfang von Farb-Fernsehsendungen notwendige. Einen Schwerpunkt bildeten Informationen über die redaktionelle Konzeptionen des Fernsehfunks: „Vorgesehen war, nach der „Premiere in Farbe“ am 3. Oktober 1969 unter dem Titel: Grüße Gäste Gratulanten, das weitere Farb-Sendungen folgen sollten. So „Rendezvous in Farbe“ eine unterhaltsame Einführung in die Technik des Farbfernsehens. „Schlager einer großen Stadt – Moskau“ und „Genosse Vater“ ein Fernsehspiel von Horst Salomon, mit Dieter Franke in der Hauptrolle.“
Im Vordergrund der Pressekonferenz stand die Unterhaltung mit seinen geplanten Sendungen. Diese waren bereits teilweise produziert oder aufgezeichnet und deren Titel lauteten: „Melodie mit Philatelie“ ein Spiel mit Briefmarken, „Lampenfieber“ als Operngala aus dem Opernhaus und „Einmal im Jahr“ eine Schlager-Gala aus dem Kulturpalast Dresden.
Die Teilnehmer der Pressekonferenz konnten sich ein „Testprogramm“ in Farbe ansehen. So erschienen ihnen zum ersten Mal die populäre Ansagerin Erika Radtke in „bunt“, ebenso das „Sandmännchen“ und der TV-Film „Schlager einer großen Stadt“ Moskau wurde vorgeführt. Noch am Abend und vor allem in den nächsten Tagen berichteten die Medien umfassend zum Thema: Einführung 2. Fernsehprogramm in Farbe.
Die Vorbereitung: Nach einer langjährigen Phase der Vorbereitung zur „Einführung von Farbfernsehsendungen“, die besonders im politisch-ökonomischen Bereich angesiedelt waren, folgten redaktionelle Planungen vom Deutscher Fernsehfunk Bereich Unterhaltung und Musik - in Verbindung mit - Deutsche Post Studiotechnik Fernsehen.
Am 23. April 1969 waren diese „theoretischen Planspiele“ erfolgreich beendet und ab sofort begann die praktische Tätigkeit, verbunden mit konkreter Umsetzung. Im „Casino“, über der „Wanne“ in Adlershof, trafen sich zu einer Besprechung etwa 40 Mitarbeiter, vor allem aus dem Bereich Unterhaltung. Nach gut einer Stunde waren die weiteren markanten Ziele abgesteckt und Termine festgelegt. Der nun etwas engere Mitarbeiterstab bestand aus 20 Kollegen und nannte sich „Stab Farbe“. Hauptverantwortliche waren Horst Rentz, Bereichsleitung Unterhaltung und Musik sowie Komiteemitglied sowie Werner Fehlig, Leiter der Koordinierungsgruppe und Arthur Nehmzow, Direktor für Produktion.
Als Gruppe reisten diese 20 Mitarbeiter nach Moskau in das dortige TV-Studio Ostankino zum Sowjetischen Fernsehen. Hier absolvierten alle einen zehn tätigen Kurs. An der dort bereits vorhandenen TV-Technik konnte sich jeder mit der Praxis vertraut machen.
Ende Mai 1969 wurde das „Studio 1“ im Atelier Berlin Johannisthal als Farbstudio eingerichtet und ein Farb-Ü-Wagen installiert. Sofort erfolgten die erforderlichen Farbtests in Verbindung mit einem integrierten Szenenbild, als eine Art Dekoration. Weitere Mitarbeiter, aus allen TV-Bereichen, wurden in das Team integriert, alle sollten sich qualifizieren um danach weitere Farbsendungen zu gestalten.
Farbfernsehen war Neuland für alle Mitarbeiter
Es gab, außer dem Moskau Aufenthalt, keinerlei praktische Erfahrungen. Ob Szenenbild, Lichtgestaltung, unter Fritz-Rudolf Thiem, über das Schminken in der Maske oder die Auswahl geeigneter Kostüme bis hin zu jeglicher praktischen Realisierung musste alles sehr gründlich probiert werden. So waren zu den einzelnen Tests vier Kleindarsteller – Statisten engagiert. Deren Aufgabe: sich Schminken lassen, unterschiedlichste Kostüme ausprobieren, nach redaktionellen Festlegungen in der Dekoration Agieren und sich viele weitere technische Dinge gefallen lassen. Es waren komplizierte arbeitsreiche Wochen, aber am Ende, lief alles perfekt. Die Mitarbeiter vom „Stab Farbe“ Abteilung Unterhaltung waren hier federführend, Fachberater Farbberatung wurde Dr. Hans Müller.
In diese Vorbereitungsphase fielen auch Außenproduktionen und dies mit dem neuen Farb-Ü-Wagen 1 unter seinem Chef Jürgen Eichhorn. So wurde die „Briefmarkenrevue“ vom 19. bis 30. Juni und vom 7. bis 14. Juli 1969 in der Messehalle 17 in Leipzig, unter der Regie von Bruno Kleberg, produziert. Mitwirkende: Etta Cameron, Thomas Lück, Tong Sany, Rolf Kuhl, Irmgard Düren, Monika Hauff und Klaus-Dieter Henkler, Karin Heyn sowie Musiker und Tänzer.
Dazwischen wurde die Farbsendung „Lampenfieber“ vom 1. bis 6. Juli 1969 im Opernhaus Leipzig produziert und in Form einer öffentlichen Veranstaltung aufgezeichnet. Ein rätselvoller Theaterbesuch mit Rolf Krickow und unter Regie von Manfred Spitz traten auf: Elisabeth Breuel, Edgar Wählte und das Gewandhausorchester Leipzig um nur einige zu Erwähnen.
Das Eröffnungsprogramm: Nach Auswertung der ersten Erfahrungen zu allen Fragen Farbfernsehen erfolgte der Start zur Eröffnungsveranstaltung: Grüße Gäste Gratulanten.
Eine erste redaktionelle Besprechung fand am 18. Juli 1969 statt. Ab 9. August 1969 erfolgten die ersten Farbtests im Jofa Studio 1. Auch hier standen wieder Fragen zum Szenenbild, Kostüm und Maske im Vordergrund. Am 10. September 1969 war „Bauabnahme“ – hier wurde geprüft ob alle eingesetzte Technik perfekt installiert war. Am nächsten Morgen um 9.30 Uhr begann die Produktion: „Alle an der Produktion beteiligten Mitarbeiter Deutscher Fernsehfunk und Studiotechnik Fernsehen müssen persönlich anwesend sein. Alle nicht zur Produktion gehörenden Kollegen haben sich vorher beim Aufnahmeleiter zu melden“. (Aus Probenplan 09.09.69 Produktionsnummer 2221-0101 und 2222-0101)
Nach einer Begrüßung aller an der Produktion Beteiligten durch den 1. Aufnahmeleiter Gerald H. Ueberscher gab Dramaturg und Redakteur Just Wagner ein Statement zum Anliegen der Sendung ab, gefolgt von kurzen Ansprachen von Otto Holub und Ulrich Rulf, Regisseure der Sendung, zur künstlerischen Umsetzung. Wegen der politischen Brisanz dieser Produktion folgte die obligatorische Wahl des FDGB-Vertrauensmann, Jürgen Bratzke Beleuchtungsmeister und die Wahl des SED-Gruppenorganisator für den Zeitraum der Produktion bis zur Sendung, Wolfgang Baumbach, Produktionsleiter.
Um 10 Uhr starteten die ersten Proben mit den agierenden Mitwirkenden. Die Aufzeichnungen waren am 30. September 1969 beendet. Am 1. und 2. Oktober 1969 erfolgte der Schnitt und eine erste Vor-Abnahme. Am 1. Oktober 1969 ab 10 Uhr wurden die erforderlichen Aufnahmen auf dem TV-Turm Berlin Alexanderplatz in dessen „Tele-Cafe“ gefertigt. Dieser neu errichtete TV-Turm sollte nun alle Programme ausstrahlen und gleichzeitig „Neues Wahrzeichen der Hauptstadt“ sein. Um 15 Uhr wurde die Ansprache des Staatsratsvorsitzenden, im Gebäude des Staatsrates, aufgezeichnet.
Dem folgte am 2. Oktober 1969 um 15 Uhr die Abnahme der Sendung. Anwesend waren außer den Verantwortlichen der Produktion jede Menge „Chefs“ aus allen Bereichen des Fernsehfunks. Natürlich spielte hier das Erlebnis „Fernsehen in Farbe“ eine relevante Rolle. Fast alle Teilnehmer hatten vorher noch nie eine Sendung in Farbe gesehen. Alle staunten und waren begeistert. Um 17 Uhr gab es das OK, die Sendung wurde als gut befunden und war „Abgenommen“. Freude kam auf. Alle aus dem „Stab Farbe“ sowie die Akteure und „Macher der Sendung“, waren zufrieden und vor allem erleichtert.
Fakten: Unter Regie von Otto Holub und Ulrich Rulf sowie in der Dramaturgie und Redaktion von Just Wagner wurden zur Premiere von Jessy Rameik und Rolf Herricht zahlreiche Mitwirkende vorgestellt: Kammersänger Peter Schreier, Kammersänger Martin Ritzmann, Meistertänzer Claus Schulz, Solotänzerinnen Anita Hütter und Margot Leupold von der Deutschen Staatsoper Berlin, Hella Jansen, Professor Egon Morbitzer Violine, Susanne Wondrejz Klavier, Heidrun Hensel, Rosemarie Ambé, Chris Doerk, Dagmar Frederic, Vera Schneidenbach, Frank Schöbel, Michael Hansen, Siegfried Uhlenbrock, Viktor Nikolajew UdSSR, Irena Santor Polen, Mädchen-Gruppe CSSR, Margarita Dimitrowa Bulgarien, Klari und Peter Poor Ungarn, Ludminia Dobrescu Rumänien, Großes Tanzstreichorchester des Deutschlandsenders Leitung Jürgen Hermann, Tanzorchester Berliner Rundfunk Leitung Günter Gollasch, Ballett-Ensemble Deutscher Fernsehfunk, Ballett Friedrichstadtpalast, Chor und Tanzgruppe Erich-Weinert-Ensemble der NVA, Staatliches Tanzensemble der DDR, Mitglieder des Chores Ernst-Hermann-Meyer-Ensemble der Humboldt-Universität Berlin, Eisenbahner Kinderchor unter Ehm Kurzweg sowie weitere Künstler. Dies war eine bunte Mischung attraktiver Künstler aller Genre aus dem In und Ausland des sozialistischen Kulturlebens.
Premieren-Problem: Zum Zeitpunkt der „Einführung Farb-Fernsehen“ gab es im Handel noch nicht ausreichend Farb-TV-Geräte zu kaufen, die Produktion in Staßfurt war zwar angelaufen, konnte aber den enormen Bedarf der Nachfrage nicht decken. Doch der „Stab Farbe“ war pfiffig. Am 3. Oktober 1969 wurden in der Kantine Regattastrasse 277 Berlin Grünau, Bereich Unterhaltung, drei Farbfernseher aufgestellt. Hier verfolgten etwa 50 Mitarbeiter die Premiere. Danach gab es spontan Standing Ovation.
MAZ Aufzeichnung: Damals wurden alle Sendungen „Vorproduziert“, nach den jeweiligen Proben per Teak oder bei öffentlichen Programmen mit Publikum meist in zwei Teilen, aufgezeichnet. Dieser interne Ablauf verlief fast immer reibungslos. Problem war die MAZ-Technik. Per Richtfunk oder Kabel wurde alles nach Berlin Adlershof gesendet, hier erfolgte die Aufzeichnung in einem abgeschlossenen Raum. Dieser Raum war mehrfach gesichert und kein „unbefugter“ Mitarbeiter fand Eingang. Auch waren diese „MAZ-Kollegen“ unter Volker Brüstel nicht unbedingt allen persönlich bekannt. Dieser Umstand führte oft zu Komplikationen, man konnte die erfolgte Aufzeichnung nicht direkt Ansehen, musste dem MAZ-Personal Glauben schenken oder das Signal wurde wieder in das Studio zurück übertragen und das dauerte seine Zeit. Bei der späteren Bearbeitung konnte auch kein mechanischer Schnitt erfolgen. Alle erforderlichen „Mavi-Bänder“ waren importiert und es gab nur drei Aufzeichnungsgeräte überhaupt.
Ein weiterer Problem: Es waren nicht ausreichend Magnetbänder vorhanden. Diese Bänder kamen aus dem westlichen Ausland, kosteten viel Geld und jede Produktion war angehalten „Nicht zuviel Aufzeichnen“. Da diese Magnetbänder Mangelwaren waren gab es natürlich zahlreiche Probleme, vor allem ab Ende 1969. Ab diesem Zeitpunkt wurden zahlreiche Bänder mit Originalsendungen wieder gelöscht und danach für aktuelle Produktionen neu benutzt. Leider gibt es deshalb heute keine Bänder der ersten Farbsendungen vom Deutschen Fernsehfunk.
Fazit: Die Einführung des Farbfernsehens fand in einer freudig erregten Atmosphäre statt und war wohl für alle Mitstreiter im „Stab Farbe“ und den beteiligten Künstlern ein nachhaltiges Erlebnis von bleibender Erinnerung. Farbfernsehen war schon beeindruckend. Ein neues Zeitalter der Technik hatte begonnen.
In der heutigen digitalen Welt ist dies schwer verständlich. Doch 1969 wurden dafür auch die technischen Grundlagen geschaffen. Wer kann schon sagen: Ich war dabei!
Ein Beitrag von Su Kramer mit freundlicher Unterstützung von Gerald H. Ueberscher.
Sehr geehrte ReiseTravel User,
wir wünschen Ihnen beim Lesen – via Internet – viel Freude.
Natürlich verbunden mit der Bitte: Historie & Memories – Erinnern Sie sich?
Wenn ja, so hoffen wir, schreiben Sie uns: Ihre eigenen Erinnerungen.
Gern werden wir diese veröffentlichen.
Vielen Dank.
Ihre Su Kramer.
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