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Polen zieht Klassikfans an
Kulturherbst mit „Wratislavia Cantans“ und „Sacrum Profanum“
Kaum ein anderer Kulturbereich hat sich in den letzten Jahren in Polen so stark entwickelt wie die Musik: Viele Festivals haben sich Spitzenplätze im europäischen Kulturkalender erkämpft. Gleich nach den Sommerferien gehen die Veranstalter in die Vollen. Von klassisch bis modern reicht die Bandbreite.
Vom 2. bis 18. September findet in der gerade zur Kulturstadt Europas 2016 gekürten niederschlesischen Metropole Wroc?aw (Breslau) das 46. Festival „Wratislavia Cantans“ statt. Polnische und internationale Künstler werden in Breslaus Kirchen, Museen und der Philharmonie erwartet. Die drei Festival-Wochenenden sind jeweils einem anderen Thema gewidmet. Unter anderem will man musikalisch an die Tragödie des 11. September 2001 erinnern.
Die „Wratislavia Cantans“ beginnen mit dem Motto „Heilige und Sünder“ am 2. September und mit Benjamin Bagby, einem US-amerikanischen Interpreten mittelalterlicher Musik. Mit seiner Stimme und einer angelsächsischen Harfe wird er sein Publikum in die Welt des altenglischen Epos Beowulf entführen. Zudem wird das bekannte ermländische Dorftheater „Teatr W?gajty“ das mittelalterliche liturgische Drama „Ludus Danielis“ aufführen.
Das zweite Festivalwochenende steht unter dem Motto „Media in vita morte sumus“, was soviel bedeutet, wie „Inmitten des Lebens umgibt uns der Tod“. Zur Aufführung kommt beispielsweise die achte Symphonie von Krzysztof Penderecki, „Lieder des Wandels“, in der Version des Symphonischen Orchesters und des Chors der Breslauer Philharmonie unter der Leitung von Jacek Kaspszyk. Anlässlich des 10. Jahrestages der Anschläge auf das New Yorker World-Trade-Center wird Festivalleiter Paul McCreesh am 11. September das neu gegründete Breslauer Festivalorchester dirigieren. Die Gäste können an diesem Abend berühmte Werke angelsächsischer Komponisten wie Herbert Howells oder Samuel Barber sowie die gesamte Symphonie Nr. 1 von Edward Elgar erleben.
Das letzte Festivalwochenende ist den „Helden der Bibel“ gewidmet. Das Vokalensemble der Camerata Silesia aus Katowice (Kattowitz) wird am 16.09. geistliche Werke der beiden polnischen Komponisten Henryk M. Górecki und Andrzej Krzanowski interpretieren sowie ein von Pawe? Szyma?ski eigens für das Festival geschriebenes Werk aufführen. Den krönenden Abschluss bildet die Aufführung des „Elias“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Paul McCreesh wird das 1982 von ihm gegründete Ensemble für historische Musikaufführung „Gabrieli Consort & Players“ dirigieren, den Gesangsteil übernimmt der Chor der Breslauer Philharmonie.
Fast zeitgleich mit „Wratislavia Cantans“ findet in Krakau bereits zum neunten Mal das innovative Musikfestival „Sacrum Profanum“ statt. Vom 11. bis 17. September werden polnische und internationale Stars der Gegenwartsmusik dem Publikum ihre Arbeiten präsentieren. Die beiden Schwerpunkte dieses Jahres lauten „Modern Classic“ sowie „Made in Poland – Mi?osz Sounds”.
„Modern Classics“, das sind in diesem Jahr die bedeutendsten Vertreter der US-amerikanischen Minimal Music. Zur Aufführung kommen Werke von Steve Reich, Julia Wolfe und David Lang. Der New Yorker Reich, der in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag feiert, wird selbst anwesend sein und das Festival am 11. September gemeinsam mit dem Radiohead-Gitarristen Johnny Greenwood eröffnen. Der zweite Schwerpunkt widmet sich dem polnischen Literatur-Nobelpreisträger Czes?aw Mi?osz, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Sechs polnische Komponisten der jüngsten Generation haben seine Werke zum Ausgangspunkt ihrer Kompositionen gemacht und präsentieren sie mit so namhaften Ensembles wie dem Frankfurter Ensemble Modern, dem Klangforum Wien und dem Amsterdamer Asko Schönberg-Ensemble.
Beim Abschlusskonzert werden Vertreter der klassischen Musik auf Interpreten und Komponisten der so genannten Unterhaltungsmusik treffen. Traditionell findet es in einer Fabrikhalle des Stahlkonzerns ArcelorMittal statt. Dort haben sich neben Steve Reich mit dem irischen DJ Aphex Twin und dem Gitarristen der Trip-Hop-Band Portishead, Adrian Utley, internationale Stars angesagt.
Gleich im Anschluss an die beiden südpolnischen Festivals geht es in der Hauptstadt mit dem „Warschauer Herbst“ weiter. Bereits zum 54. Mal findet die bedeutende Veranstaltung für Gegenwartsmusik statt. Die großen Themen der Konzertreihe vom 16. bis 24. September sind der Mensch in seiner Umwelt und die Rolle des Komponisten gegenüber der Gesellschaft. So wird das Festival mit der Komposition „Strange News“ des norwegischen Komponisten Rolf Wallin eröffnet. Er hat Texte des belgischen Schauspielers, Regisseurs und Autors Josse de Pauw vertont, in denen unter anderem mit teils sehr drastischen Videoaufnahmen auf die Situation afrikanischer Kinder im Bürgerkrieg hingewiesen wird.
Ein weiteres dokumentarisches Thema greift die finnische Komponistin Lotta Wennäkoski auf. In „Lelele“ lässt sie die Sopranistin Pia Freund die authentischen Geschichten osteuropäischer Frauen erzählen, die entführt und zur Prostitution in den reichen Ländern des Westens gezwungen wurden. Unterstützt wird Freund vom finnischen Plus Ensemble; die Videoinstallation zu „Lelele“ stammt von der finnischen Videokünstlerin und Fotografin Elina Brotherus.
Darüber hinaus kommen auch fünf Kompositionen aus dem Stockhausen-Zyklus „Klang“ zur Aufführung, die noch nie zuvor in Polen zu hören waren. Sie werden vom renommierten Kölner Ensemble für Neue Musik „musikFabrik“ interpretiert. Ein weiteres herausragendes Ereignis verspricht das Konzert der London Sinfonietta zu werden. Das 1968 gegründete Ensemble widmet sich gemeinsam mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment der Superproduktion „Songs of Wars I have seen“ des deutschen Komponisten und Hörspielautors Heiner Goebels. Das szenische Konzert entstand nach dem Buch „Wars I have seen“, in dem die amerikanisch-jüdische Autorin Gertrude Stein ihre Erlebnisse während der deutschen Okkupation in Frankreich schildert.
Einen weiteren Höhepunkt können Klassikliebhaber im Spätherbst erleben. Ab dem 11. November lädt die Breslauer Oper zu ihrer jährlichen Mega-Inszenierung ein. In diesem Jahr ist die historische Jahrhunderthalle Schauplatz des musikalischen Großereignisses. Zur Aufführung kommt das Bühnenepos „Fürst Igor“ des russischen Komponisten Alexander Borodin. Der Autodidakt arbeitete insgesamt 18 Jahre lang an diesem bunten Gemälde der Kultur der mittelalterlichen Rus’. Boronin starb 1887 und ließ das Stück unvollendet zurück. Dennoch wurde es 1890 in Petersburg erstmals und in den vergangenen 120 Jahren immer wieder aufgeführt.
www.wratislaviacantans.pl - www.sacrumprofanum.com - www.warszawska-jesien.art.pl - www.opera.wroclaw.pl - www.polen.travel
Von Klaus Klöppel












